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Prag hat nicht nur schöne Ecken: Vandam wohnt in einer Prager Plattenbausiedlung, wohin sich keine Touristen verirren.
Prag hat nicht nur schöne Ecken: Vandam wohnt in einer Prager Plattenbausiedlung, wohin sich keine Touristen verirren.(Foto: AP)
Sonntag, 17. April 2016

Monolog eines Wütenden: "Ich bin kein Nazi", sagt Vadam

Von Markus Lippold

25 Jahre nach der Revolution in Tschechien: Vandam lebt in einer Plattenbausiedlung. Er säuft, prügelt sich und schreit "Heil dem Volk". Jaroslav Rudiš' "Nationalstraße" ist der Monolog eines Verlierers - und ein hochaktuelles Buch.

Vandam weiß Bescheid. Er kennt sich aus im Leben. Er kennt seine Plattenbausiedlung und seine Mitmenschen. Er weiß, was ihn auf die Palme bringt. Er kennt sich aus mit Krieg und mit Frieden, der ja doch nur eine Pause zwischen zwei Kriegen ist. Er weiß, wie man sich wehren muss. Vandam weiß, wie der Hase läuft. Manchmal zeigt er anderen, wie das Leben läuft. Dann schlägt er sie zusammen. Wenn etwa ein komischer Typ in seiner Gegend auftaucht und Sylva, seine heimliche Liebe, anmacht.

Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Bekannte wurde er mit den Romanen "Die Stille in Prag" und "Grand Hotel" sowie dem Comic "Alois Nebel" mit Zeichnungen von Jaromír 99. Die beiden letztgenannten Werke wurden verfilmt.
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Bekannte wurde er mit den Romanen "Die Stille in Prag" und "Grand Hotel" sowie dem Comic "Alois Nebel" mit Zeichnungen von Jaromír 99. Die beiden letztgenannten Werke wurden verfilmt.(Foto: Jan Rasch)

Vandam hat alles schon mitgemacht. Damals, 1989 auf der Nationalstraße, als er die Revolution in Gang setzte. Und jetzt, in seiner Plattenbausiedlung in der Prager Nordstadt, wo alles verfällt, wo sich die Natur langsam alles zurückholt. Vandam hat viel zu sagen. Er sagt es ein ganzes Buch lang, in "Nationalstraße" von Jaroslav Rudiš. Ein einziger langer Monolog, abgesehen von einem Kapitel im Mittelteil. Ein Monolog für seinen Sohn. Damit der auch Bescheid weiß und sich wehren kann. Liegestütze helfen, lieber die Treppe nehmen statt den Fahrstuhl, und Rumpfbeugen.

"Man nennt mich Vandam", sagt Vandam. Weil er zweihundert Liegestütze pro Tag macht, wie Jean-Claude van Damme, dessen Filme er auf Videokassetten hat. Vandam streicht Dächer in seinem Viertel. Aber er passt auch auf, dass alles gut läuft. Dass keiner Ärger macht. Remmidemmi kann er nicht leiden. Egal, von wem: von Pennern und "Zigos", von Punks, Ukrainern, Deutschen, Polen oder Tschechen. Wenn jemand Remmidemmi macht, dann gibt es Ärger. Ein Nazi ist Vandam aber nicht, das betont er mehrmals. Aber er mag Anstand und Ordnung. "Anstand muss sein. Ordnung muss sein", sagt Vandam.

Ein reales Vorbild

"Nationalstraße" ist bei Luchterhand erschienen, übersetzt von Eva Profousová, 160 Seiten, 14,99 Euro.
"Nationalstraße" ist bei Luchterhand erschienen, übersetzt von Eva Profousová, 160 Seiten, 14,99 Euro.

Rudiš hat Vandams reales Vorbild einmal in einer Kneipe getroffen und da hat er sich seine Geschichte angehört. Und er hat aus dem Vorbild eine fiktive Verlierergeschichte gemacht: in knappen Sätzen, mit starken, gezielt gesetzten Worten, die wie die Schläge von Van Damme wirken. Von der Samtenen Revolution in Tschechien, als Vandam auf die Straße ging, bis jetzt, 25 Jahre später. Nachdem er von der Polizei gefeuert wurde, nach den Drogengeschichten, dem Knast. Vandam wohnt immer noch in seinem Viertel, säuft in der Kneipe, in der schon sein Vater soff, bevor er vom Balkon sprang.

Ein einziger Monolog ist dieser Lebensbericht. Der Bericht eines Gescheiterten, eines Wütenden, der von der Gesellschaft ausgestoßen wurde, der Hass und Gewalt immer wieder in sich aufsteigen fühlt. Dann muss sie raus. "Ich bin kein Nazi", sagt Vandam. Obwohl er mit seinen Kumpels "Heil dem Volk" brüllt. "Heil Europa! Wir sind Europäer! Neger raus!" Dann zeigen sie den Hitlergruß. Nein: den römischen Gruß. Warum sollte man den in Europa nicht zeigen dürfen? Schließlich muss man Europa bewahren. Und man muss sich vorbereiten, auf den Kampf. Also: Liegestütze.

Nur in einem Kapitel lässt Rudiš Vandam zur Ruhe kommen, fällt dieser aus seinem Monolog heraus. Als er eine Nacht mit Sylva verbringt, die in seiner Stammkneipe hinter dem Tresen steht. Wobei: Eigentlich ist es nicht mal eine Nacht. Eigentlich sind es nur ein paar Stunden, dann zerbröckelt das kurze Glück schon wieder. Dann kocht wieder die Wut in Vandam, klopft er wieder Sprüche und lässt keinen an sich ran.

Ein sehr aktuelles Buch

Ist Vandam ein Nazi? Ist er ein hirnloser Schläger? Den Eindruck hat man schnell. Aber Rudiš schafft es, Zweifel zu säen. Mit der Zeit, nach all den großen Worten, die Vandam über die Schlachten sagt, die er geschlagen hat, nach all den Stammtischparolen, wird das Schicksal eines Menschen deutlich, der immer kämpfen musste und oft verloren hat. Und irgendwann hat er angefangen, seine Kämpfe zu überhöhen, sie in einer Linie mit der Weltgeschichte zu sehen.

Vandams Leben ist geprägt von Alkohol, Drogen und Gewalt. Von Hass, hohlen Phrasen, aber auch von einem zynischen Humor. Er hat sich seine Weltsicht zusammengezimmert und hält an ihr fest, weil es das Einzige ist, das ihm noch Halt gibt. "Nationalstraße", dieser wütende Monolog, ist ein Buch über einen Verlierer. Es ist ein Buch über Tschechien, mit einer guten Prise tschechischen Humors. Es ist ein Buch über Parolen, über Hass und Fremdenfeindlichkeit, die sich heutzutage nicht nur in Tschechien Politiker zu eigen machen. Es ist auch ein Buch über das heutige Europa, ein starkes Buch, ein sehr aktuelles Buch.

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Quelle: n-tv.de