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Läuft bei Ihnen, Herr Schmidt! Lesen ist sexy am "Writers' Thursday"

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"Bitte nicht schon wieder 'Shades of Grey', Schatz."

(Foto: imago/United Archives)

Die heiße Weihnachtsphase beginnt, alle haben irre viel zu tun, da hat es doch Sinn, sich mal ausführlich über so etwas Entspannendes, Besinnliches, Kreatives zu unterhalten wie: Lesen. Und Schreiben. n-tv.de trifft deswegen Rainer Schmidt, Journalist, Schriftsteller, Gründer und Gastgeber des literarischen Salons "Writers' Thursday" im "1. OG" des Restaurant Borchardt in Berlin. Sein jüngster Roman "Die Cannabis GmbH" ist im Oktober 2014 erschienen, der 51-Jährige arbeitet gerade an der Fortsetzung des "Dude"-Romans. Nico Hoffman hat sich die Filmrechte für die UFA Fiction gesichert und macht aus dem Buch nun, zusammen mit Oliver Berben, einen Kinofilm.

n-tv.de: Ich sag' mal, "Läuft bei Ihnen, Herr Schmidt, oder?"

Rainer Schmidt: Ich kann nicht klagen. Oder doch: Dass es in der Weihnachtszeit immer so viel ist, aber das wäre jetzt echt Jammern auf hohem Niveau, deswegen lass ich das und sage: Sie haben recht, Frau Oelmann, es läuft.

Wir wollen jetzt aber darüber sprechen, wie sexy Lesen ist, das wär' heute mal meine These.

Gewagte These.

Nun ...

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Der Autor und Journalist Rainer Schmidt.

(Foto: Dieter Eikelpoth)

Lesen ist heute sicher nicht sexier als sonst, aber es gibt dieses Grundbedürfnis, sich über das Schreiben und Lesen zu treffen und auszutauschen. Und das bitte nicht nur in den Gettos der Autorenbuchhandlungen, wo viele Menschen nie hingehen würden, weil sich da, von außen betrachtet, nur eine bestimmte, ewig gleiche Klientel zu treffen scheint. Wenn man es etwas anders oder lockerer organisiert und Barrieren abbaut, finden so einen Event allerdings viele toll. Es ist diese Sehnsucht nach einer Art von neuer Salonkultur, die es viel zu selten gibt. Beim "Writers' Thursday" sind die Gäste eine Mischung aus Literatur-, Nachtleben-, Schreiber-, Musik- und Schauspielerszene. Das macht allen Spaß, das gibt eine besondere Atmosphäre.

Ich habe den Eindruck, man drängt sich bei Ihnen und steht bereits an, um Vorlesen zu dürfen ...

Ich bin tatsächlich ein bisschen überrascht und sehr erfreut, wie gut das Konzept anzukommen scheint. Die Mischung muss stimmen. Sonst bleibt jeder in seinem kleinen, steifen Literatur-Kreis, nichts vermischt sich, das ist nicht sonderlich befruchtend, das bringt niemanden weiter. Kein Spezialistentreff, sondern eine offene Plattform, auf der alles möglich ist, das ist der Reiz. 

Das ist eine relativ homogene Gruppe, die sonst zu Lesungen geht, oder?

Ja, und sehr viele suchen ja auch genau das, aber der Rest fühlt sich natürlich erst gar nicht angesprochen. Wenn sich Szenen öffnen, bringt das alle weiter. In der Kunstwelt hat das doch auch recht gut funktioniert, plötzlich wollten alle in die Galerien, in die sie sich sonst nie hineingetraut hätten.

Und nun sind die Bücher dran.

Schön wäre es. Bei einigen hat das immer schon geklappt. Ich glaube ja, dass man Sven Regener und Andreas Dorau überall auf der Welt hinsetzen könnte und da Leute kommen würden, die denen zuhören. Die rocken jeden Laden. Oder so ein Typ wie der Maler Daniel Richter. Da waren alle platt, was für ein Vorlesetalent der ist. Toll. Oder der Schauspieler Christian Berkel. Wie so jemand einen Text aufleben lässt. Das macht einfach Spaß, denen zuzuhören und die dabei zu sehen. Der Writers´ Thursday ist genau die Art von Veranstaltung, die ich früher immer vermisst habe. Keine langen Einführungen, keine Gespräche auf der Bühne, einfach schnelle Wechsel von Stimmen und Themen – das ist das A und O. Und dass wir hinterher und in der Pause alle miteinander ins Gespräch kommen können.

Der Zuhörer wird schneller ungeduldig, oder?

Vielleicht. Deswegen ist man mit sechs Vortragenden am Abend bestens bedient. Und da machen auch Leute wie Maxim Biller gerne mit, der sonst nicht so gerne liest, obwohl er das hervorragend macht. Und der Feridun Zaimoglu, der liest bestimmt 250 Mal im Jahr (lacht), und der war trotzdem ganz begeistert davon, wie das bei uns abläuft. Wie gesagt der Wechsel der Leute macht den Erfolg aus.

Zaimoglu dirigiert sich beim Lesen ...

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Frank Elstner ist der beste Beweis: Lesen macht sexy.

(Foto: imago stock&people)

Ja, der hat mit dem ganzen Körper gelesen, und wie ein Hip-Hopper gesprochen. Herrlich! Der fand auch toll, so viele andere Autoren zu treffen bei uns, wann passiert das sonst schon? Höchstens auf Buchmessen ...

Haben Sie eine strenge Tür-Politik?

Man kommt nur mit persönlicher Einladung rein. Ich nehme aber auch immer einige Anmeldungen über Facebook an, und ich achte auf die Mischung. Es muss möglichst heterogen bleiben.

Wie geht's denn bei Ihnen weiter mit dem "Dude", Sie schreiben gerade die Fortsetzung von "Die Cannabis GmbH", oder?

Das erste Buch kommt jetzt als Taschenbuch heraus und die Fortsetzung "Legal High" ist auch fertig. Für die "Cannabis GmbH" wird gerade das Drehbuch geschrieben, und ich bin bei der Verfilmung als Berater dabei.

Ist ja der Traum eines jeden Autoren.

Ja, ich war auch ganz baff von der Resonanz. Und plötzlich saß da Nico Hoffmann mit einer Truppe von Producern und der Ansage, ich kann eingebunden werden. Die Konditionen sind tipptopp - es gab absolut nichts zu meckern! (zögert) Und das, obwohl man am Anfang zu mir sagte: Du willst doch nicht ernsthaft so eine langweilige Kiffer-Geschichte aufschreiben? (lacht)

Und wann kommt der Nachfolgeroman raus?

Ende Februar. Ich habe den Bogen weitergespannt - die Diskussionen um Cannabis und die Legalisierung sind ja fortgeschritten. Im Buch schreiben wir das Jahr 2019 und die unbenannte Kanzlerin entscheidet sich unter dem Druck der Bauernverbände, der Industrie und der katholischen Kirche dafür, in Deutschland Cannabis zu legaliseren. Ein Brausehersteller will das vermarkten, und auch die Pharmaindustrie will mitmischen, denn selbst schwerste Krankheiten könnten damit geheilt werden. Daraufhin drehen alle durch und wollen ihr goldenes Stück vom großen Cannabis-Kuchen. Nur der Dude sitzt noch im Gefängnis und fragt sich: "Was is'n hier los?" Ein echter Krimi. Mehr verrate ich nicht.

Ich muss Ihnen ein Zitat vorlesen meines werten Kollegen Julian Vetten, der Ihr voriges Buch bei n-tv.de besprochen hat und ein paar Verbesserungsvorschläge hatte. Er hat geschrieben: Ein paar Eigenheiten stören den von Schmidt so gekonnt erzeugten Lesesog: Die inflationäre Verwendung des Wortes "schwul", losgelöst vom sexuellen Kontext, entlarvt den Autor als jemanden, der zwar schon lange aus dem Alter heraus ist, in dem man Szene- und/oder Jugendsprache intuitiv benutzt, dessen Kinder aber gleichzeitig noch nicht alt genug sind, um ihren Vater mit den nötigen Vokabeln zu versorgen. Gleiches gilt für den merkwürdig antiquierten Begriff "Nasivisten", wie Schmidt die Kokser im Buch nennt. Zitat Ende. 1.) Können Sie mit solcher "Kritik" etwas anfangen, amüsiert Sie das, und 2.) sind Ihre Kinder endlich alt genug um Sie mit den nötigen Wörtern des heutigen Jugendsprech zu versorgen.

Wow, das ist viel, ich versuche es mal so: Also, ich habe ihm damals schon gesagt, dass die Leute, mit denen ich zu tun hatte, diese Wörter so benutzt haben. Ich kann ja nichts dafür, dass diese mittelalten Leute in "meiner" norddeutsch bis Ruhrpott-geprägten Kifferszene einfach alles und jeden und immer als "schwul" bezeichnen. Meine aktuelle Jugendsprache-Versorgung ist eher auf Kindergarten-Niveau. Wenn "Papa, ich hätte gerne Wasser mit Britzel" demnächst jedoch cool wird, dann bin ich ganz vorne dabei.

Und wie machen wir das nun mit den Drogen? Cool oder nicht, sollte man probieren und wenn wann, vor allem was? Und wie lange, ab wann wird es peinlich?

Cannabis kann gar nicht mehr cool sein, das ist der absolute Mainstream. Drogis in fortgeschrittenem Alter sind sowieso uncool. Dazu gehören auch Alkoholleichen. Wer als Erwachsener ab einem bestimmten Alter in der Öffentlichkeit nur noch herumtorkeln und lallen kann, ist extrem peinlich - und deprimierend. Außerdem hat ja jede Generation ihre neuen Drogen. Man kann das in einem bestimmten Alter mal ausprobieren und hakt es dann nach der Experimentierphase ab. Das ist auch besser so. 40- bis 50-jährige Volldruffis und Laberflash-Kokser oder MDMA-Ankuschler will niemand sehen.

Mit Rainer Schmidt sprach Sabine Oelmann

Der nächste "Writers' Thursday" findet am 10.12. statt, es lesen unter anderem Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten aus seinem Buch "Krach: Verzerrte Erinnerungen" (die Rezension dazu erscheint Anfang Januar bei n-tv.de) und Alina Bronsky aus ihrem Roman "Der totale Rausch". Clemens Meyer liest aus "Im Stein" und als Special Guest taucht dieses Mal Schauspieler Franz Dinda auf, der eine Perle der Buchkunst unterm Arm haben wird: Truman Capotes Sammlung früher Geschichten "Wo die Welt anfängt".

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Quelle: ntv.de