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Schweigen und trinken Loyal ins Verderben

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Der hochprozentige Alkohol soll schaffen, woran die Eltern scheitern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Théo ist ein Scheidungskind, seine Eltern sind nach der Trennung Feinde. Er ist zwischen den beiden Unversöhnlichen unterwegs und gerät dabei immer mehr in Not. Doch den Ausweg hat der 12-Jährige bereits klar vor Augen, denn alles andere wäre Verrat.

"Er möchte das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht. Den Zustand der Bewusstlosigkeit. Damit endlich Schluss ist mit diesem schrillen Geräusch, das nur er hört, das nachts auftaucht und manchmal auch mitten am Tag", schreibt Delphine de Vigan in ihrem neuen Roman "Loyalitäten". Um dieses Stadium zu erreichen, braucht Théo etwa vier Gramm Alkohol. Er ist immerhin erst zwölf und von eher zarter Statur.

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Seine Eltern haben sich vor Jahren scheiden lassen, eine Woche ist er bei seiner Mutter, dann eine beim Vater. Jeden Freitag packt er alle Bücher und Hefte zusammen, das Sportzeug, die Hosen und Shirts, und zieht schwer bepackt weiter. In der Schule ist der Junge unauffällig, nur Hélène, seine Lehrerin, erkennt die Risse in der scheinbar perfekten Fassade.

Denn Théo funktioniert zwar noch, ist aber längst in seiner eigenen Welt aus Schweigsamkeit und Düsternis gefangen. Das Kümmern um die verbitterte und überfürsorgliche Mutter laugt ihn ebenso aus wie die Zeiten beim Vater, dem sein Leben bei jedem Besuch mehr zu entgleiten scheint und um den sich der Sohn schrecklich sorgt. Aus seinen Eltern sind schon vor vielen Jahren erbitterte Feinde geworden, die ihn Woche für Woche durch das Niemandsland schicken, weil sie einander nicht mehr begegnen können. "Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten. Auf beiden Seiten der Grenze drängte sich das Schweigen als das beste, das am wenigsten gefährliche Verhalten auf."

Nirgendwo ist Rettung

Hélène kennt diese Mechanismen nur zu gut, sie wurde als Kind jahrelang von ihrem Vater misshandelt. Niemand half ihr und natürlich verriet sie nichts. "Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal das Leben kostet." Sie selbst ist nur knapp mit dem Leben davongekommen. Wenn sie Théo in der Schule sieht, wie er sich kaum noch auf den Beinen halten kann, spürt sie die Not von damals. Und die Hilflosigkeit. "Manchmal denke ich, das Erwachsenwerden ist nur dazu da, um die Verluste und Schäden der Anfänge zu reparieren. Und die Versprechen des Kindes zu halten, das wir gewesen sind."

Hélène schleicht sich bis zur Wohnung von Théos Mutter, wird dort entdeckt und schließlich beurlaubt. Für die Lehrerin wird Théos Beobachtung fast zur Besessenheit, ohne dass sie seinem Geheimnis wirklich näher kommt.

Lediglich sein Freund Mathis ahnt, auf welchen Weg sich Théo tatsächlich gemacht hat. Aus dem Spiel mit dem heimlichen Trinken ist längst bedrohlicher Ernst geworden. Aber auch Mathis kann sich niemandem anvertrauen, dem abwesenden Vater nicht, und schon gar nicht der Mutter Cécile, die mit ihrer eigenen Familiengeschichte kämpft. Und neuerdings mit ihrem Ehemann. Währenddessen nähert sich Théo immer weiter dem Punkt, den er ersehnt.

Bestsellerautorin Delphine de Vigan braucht gerade einmal 174 Seiten, auf denen sich Théos Geschichte entfaltet. Von Anfang an ist klar, dass sich das wachsende Unbehagen nicht in einem Happy End auflösen wird. Zu offensichtlich sind das Drama, die Verlorenheit und die Ausweglosigkeit. Das Kind kann die Eltern nicht verraten, die Frau nicht den Mann, der Freund nicht den Freund, aber die Lehrerin schließlich auch nicht den Schüler.

Beim Lesen lässt sich das nur deshalb ertragen, weil Vigan so unglaublich gut schreibt. Präzise, dabei empathisch und authentisch, gibt sie ihren Protagonisten eine Stimme, der man zuhören will. Allen, die über Wechselmodelle, verweigerten Unterhalt, über kindlichen Alkoholismus, Schuldruck und Eltern mit Existenzsorgen schwadronieren, will man dieses Buch hinknallen. Damit sie sehen, wohin all das führt, wenn man seine Liebsten nicht verraten kann.

Quelle: ntv.de