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Körper, Kleidung, Keuschheit Muslimische Mädchen dürfen schamlos sein

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Musliminnen müssen eine Entscheidung mit hoher Symbolkraft treffen: Hidschab ja oder nein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viele muslimische Mädchen bekommen permanent Ratschläge, wie sie sich zu verhalten haben. Drei Bloggerinnen aus Norwegen sagen dieser negativen Sozialkontrolle den Kampf an und rufen zu Schamlosigkeit auf.

Wer die rosafarbene Banderole entfernt, die die untere Hälfte des Einbandes verdeckt, schaut in das Gesicht einer jungen Frau. Sie trägt ein Kopftuch, unter dem keck ein paar Haare hervorlugen, und legt einen Finger an ihre knallroten Lippen. Es ist der Mittelfinger, verziert mit dem Venussymbol. Das Cover von "Schamlos" ist unmissverständlich.

Inhaltlich geht es kämpferisch, informativ und an den richtigen Stellen frech zur Sache: Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz begehren gegen Schamkultur und negative soziale Kontrolle auf, der viele junge Musliminnen ausgesetzt sind. Die drei Bloggerinnen aus Norwegen, alle Anfang 20, erzählen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, in einer westlichen Gesellschaft aufzuwachsen und permanent zwischen den Erwartungen der Familie und den eigenen Wünschen hin- und hergerissen zu sein.

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Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist immer eine Herausforderung, besonders für junge Menschen. Doch Musliminnen leisten oft einen ganz besonderen Kraft- und Balanceakt. Das fängt mit einer wichtigen Entscheidung von symbolischer Tragweite an: Hidschab-Tragen oder nicht. Egal wie sie sich entscheiden, Kritik oder Vorurteile sind garantiert. In noch viel größere Konflikte stürzt sie oft das, was für ihre Altersgenossinnen aus westlich geprägten Familien ganz selbstverständlich ist: auf Partys gehen, sich schminken, den ersten Freund haben.

"Wenn Hose, dann Jogginghose"

Immer haben Familie, Verwandte und sogar Fremde ein strenges Auge auf die jungen Frauen. Einige der "kranken Ratschläge" aus ihrer eigenen Jugend listen die Autorinnen auf: Sie betreffen Kleidung ("Wenn du schon unbedingt Hosen tragen musst, dann Jogginghosen. Da ist die Form der Beine nicht zu sehen"), Jungfräulichkeit ("Du bist in der Pubertät. Von nun an musst du besonders auf dich aufpassen") und das Verhalten in der Öffentlichkeit ("Iss keine Banane").

Im Mittelpunkt steht dabei immer der weibliche Körper als Gradmesser für "Ehre" und "Schande" der gesamten Familie. Beide Begriffe würden "systematisch missbraucht, um uns zu unterdrücken", so Bile, Srour und Herz. Weigert sich ein Mädchen, sich in die engen Grenzen geltender Normen pressen zu lassen, kommt schnell ein Schimpfwort ins Spiel: "schamlos".

Genau diesem Wort sagen die Frauen nun den Kampf an. In Norwegen sind sie deshalb bereits als "die schamlosen Mädchen" bekannt. Sie bestärken ihre Leserinnen darin, selbstbestimmt und nicht angepasst durchs Leben zu gehen. Wann sie sich schämen sollen, wollen sie sich von niemandem vorschreiben lassen. Aus diesem Grund erlauben sie sich ein Wortspiel und drehen mit leicht ironischem Ton die "Schamlosigkeit" ins Positive um: frei von Scham. In diesem Sinne fordern sie: "Jedes Mädchen hat das Recht, schamlos zu sein".

Ohne Tabus

Bile, Srour und Herz scheren sich nicht um Tabus. Ihr Buch umfasst Diskussionen, die die drei geführt haben, persönliche Texte, Briefe an das jeweils jüngere Ich sowie Erlebnisse anderer Mädchen und Frauen. Im Kern geht es darum, das engmaschige Netz aus Überwachung und Regeln aufzuzeigen, dem muslimische Mädchen oft ausgesetzt sind.

Wer sich durch die einzelnen Kapitel liest, merkt schnell: Eine solches Buch ist schon lange überfällig. Es macht Mädchen ab 12 Jahren und Frauen Mut und gewährt allen anderen  - unabhängig von Geschlecht, Alter oder Religion - aufrüttelnde und erhellende Einblicke in den Alltag und die Konflikte junger Musliminnen.

Quelle: n-tv.de

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