Nach 30 Jahren SehnsuchtKai Wiesingers Reise "Zurück zu ihr"
Von Thomas Badtke
Welcher heterosexuelle Mann sucht sie nicht? Die Frau aller Frauen. Jan hat sie gefunden - und eine andere geheiratet. Mit ihr hat er zwei Kinder. Und kommt dennoch nicht von "ihr" los, der Einen, der Wahren. Auf dem anstehenden Klassentreffen will er sie wiedersehen.
Männer um die 50 sind im besten Alter für eine gepflegte Midlife-Crisis: Alles, was bisher gewesen ist, hinter sich lassen und noch einmal von vorn anfangen. Beruf wechseln, Frau verlassen, Porsche kaufen oder ein 10.000-Euro-Rennrad samt hautenger, sauteurer Radklamotten. Jan ist 50. Gestandener Fotograf, verheiratet mit Svenja, Kinderbuchautorin, und Vater eines pubertierenden Sohnes und einer acht Jahre alten Tochter. Wohnhaft in einer schicken Münchener Wohnung. Midlife-Crisis? Das würde er verneinen.
Aber verrückte Sachen macht er dennoch: Jan will ein Klassentreffen besuchen. Es wäre sein erstes. 30 Jahre nach dem Abi. 30 Jahre nach Anja. Seine große Liebe von damals. Wie sie jetzt wohl aussieht? Was sie wohl macht? Ob sie noch etwas für ihn empfindet? Jan hat keine Wahl, er muss zum Klassentreffen nach Hannover. Frau und Kinder haben ihm das "Go" gegeben.
Filmreifer Roadtrip in die Vergangenheit
Von München nach Hannover. Für Jan kein Akt, auch wenn er sein Mazda Cabrio längst gegen einen in München und seinen Familienverhältnissen standesgemäßen BMW Kombi ausgetauscht hat. Noch ein kurzer Stopp an einem Kiosk, ein paar Kippen kaufen, dazu eine eiskalte Dose richtige Cola, der alten Zeiten willen, dann kann's losgehen. Jans Roadtrip zu Anja nach Hannover.
Bis Jan bei seinem heißersehnten Ziel ankommt, muss er jedoch so manche Panne und Peinlichkeit überstehen, so manches lebensgefährliche Abenteuer erfolgreich hinter sich bringen. Er wird mehrfach über die Autobahn rennen. Er wird einen Schuh, sein Auto und seine Geldbörse samt Kreditkarte einbüßen. Jan, mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß, wird einen trampenden und Space Cookies essenden Nachwuchs-Priester mitnehmen. Er selbst wird später noch mit einer jungen Familie auf der Autobahn reisen und in einem 40-Tonner den "Das muss man doch heute noch sagen dürfen"-Ergüssen des Fahrers lauschen.
Grübeln und Gewissensbisse
Aber dann, nicht irgendwann, aber dennoch viel zu spät, erreicht Jan sein erstes Ziel: Hannover, das Klassentreffen. Sein zweites, das Hauptziel, ist aber zunächst nirgendwo zu sehen. Also heißt es: Smalltalk mit anderen ehemaligen Schülern seiner Altersstufe. Nicht alle, aber die meisten davon machen auf dicke Hose. Ein alter Lehrer, damals oft Ziel von Streichen, ist auch vor Ort und erinnert nur das Beste. Auch von Jan.
Doch der kommt langsam ins Grübeln über das "Was mache ich hier?", "Was habe ich mir nur dabei gedacht?", "Wie kann man nur so blöd sein?". Zu Hause Frau, Kinder, Job. Und dann, gefühlt ein halbes Dutzend Bier später, ist es endlich soweit: "Plötzlich stand Anja vor ihm, hatte alle anderen stehen gelassen und war zu ihm gekommen. Nach 30 Jahren Sehnsucht …"
Mehr davon!
Aber damit ist Kai Wiesingers Buch "Zurück zu ihr", erschienen im S. Fischer Verlag und als vom Autor selbst gelesenes Hörbuch bei Argon, noch nicht vorbei. Im Gegenteil: Es nimmt noch einmal so richtig Fahrt auf, rast in die eine Kurve, nur um dann abrupt die Spur zu wechseln und nach einem wahnwitzigen U-Turn wieder mit durchdrehenden Reifen davonzuschießen. Es ist ein Buch, das Spaß macht, von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist eine Geschichte, die einen nicht kalt lässt, sondern einen mitreißt, vor allem als Mann um die 50.
"Zurück zu ihr" ist ein Rückblick in eine stets verklärt-bessere Vergangenheit, ist eine Hommage an alte Erinnerungen - und an das, was wirklich zählt. Midlife-Crisis hin oder her.
