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Eigentlich ist das Fotografieren in Werkshallen wie diesen streng verboten. Doch Reinhard Krause hat als 20-Jähriger seine Kamera immer in der Tasche - auch auf dem Weg zur Frühschicht in die Hallen der Krupp-Werke in Essen.
Eigentlich ist das Fotografieren in Werkshallen wie diesen streng verboten. Doch Reinhard Krause hat als 20-Jähriger seine Kamera immer in der Tasche - auch auf dem Weg zur Frühschicht in die Hallen der Krupp-Werke in Essen.(Foto: Reinhard Krause)
Donnerstag, 26. Oktober 2017

So waren die 80er im Pott: Reise ins graue, warme Herz des Ruhrgebiets

Von Benjamin Konietzny

Es ist grau, die Klamotten seltsam, die Autos haben noch Kurven und die Schlote rauchen - noch. Der Fotograf Reinhard Krause hat in den 80er-Jahren alltägliche Situationen im Ruhrgebiet fotografiert - eine rührende Sammlung.

Reinhard Krause kennt den Geruch. Ich kenne ihn auch. Viele Menschen im Ruhrgebiet kennen ihn. Es ist der schwere Geruch, der in Hallen liegt, in denen Metall verarbeitet wird. Eisern, leicht verbrannt, schwer. Dieser Geruch legt sich auf alles und jeden, der sich in diesen Hallen aufhält. Generationen haben ihn eingeatmet, als sie an den Schmelztiegeln standen, den Kaltwalzen, den Schlackegruben und in den schier endlosen Lagerhallen. Er gehört wie der Kohlenstaub, der die Wäsche im Garten der Zechensiedlung dunkel färbt und Häuserfassaden in ein tristes Grau tüncht, zum kulturellen Gedächtnis des Ruhrgebiets. Zum Gedächtnis – denn es ist der Geruch einer vergangenen Zeit.

An einem frühen Morgen im Jahr 1979 steigt er auch Reinhard Krause in die Nase, als er die Werkshallen von Krupp in Essen-Altenberg betritt. Zwischen den riesigen grauen Anlagen, Regalen und Schränken sitzt ein Mann an einem Tisch – den Kopf aufgestützt, neben ihm ein Plastikbecher mit Kaffee. Er schläft, die letzte Pause vor der Frühschicht. Reinhard Krause arbeitet zu dieser Zeit in dem Werk als Anschläger, legt schwerere Kranketten um noch schwere Metallteile. Echte Maloche. Und er hat immer seine Kamera dabei und fotografiert die Szene.

"Das ist so ein bisschen der Zynismus des 20-Jährigen", erinnert sich Krause an diese Aufnahme. "Alte Frauen zu fotografieren, die irgendwo rumstehen und warten. Aber es war eben so ein typisches Bild." Wenn man tagsüber in die Stadt gegangen ist, um zu fotografieren, sei eben "alles voll gewesen mit alten Leuten. Und es war auch eine spezielle Mode."
"Das ist so ein bisschen der Zynismus des 20-Jährigen", erinnert sich Krause an diese Aufnahme. "Alte Frauen zu fotografieren, die irgendwo rumstehen und warten. Aber es war eben so ein typisches Bild." Wenn man tagsüber in die Stadt gegangen ist, um zu fotografieren, sei eben "alles voll gewesen mit alten Leuten. Und es war auch eine spezielle Mode."(Foto: Reinhard Krause)

Heute ist es sein Lieblingsmotiv aus seiner beeindruckenden Sammlung von über 200 Fotografien, die er vom Ende der 1970er bis Ende der 1980er-Jahre im Ruhrgebiet gemacht hat. "Das war das allererste Foto, das je von mir publiziert wurde. Es wurde im Folkwang-Museum aufgehängt in einer Ausstellung zum Leben im Ruhrgebiet und wurde sogar bei 'Aspekte' gezeigt". Der 20-jährige Reinhard Krause spürte damals, dass mit Fotografie was zu machen war.

"Da steckt eigentlich alles drin: Fußball, rauchende Schlote und Zechensiedlung", sagt Krause zu dieser Aufnahme aus Duisburg-Bruckhausen. Abgerundet wird das Bild von dem Ford Granada und den Hühnerställen.
"Da steckt eigentlich alles drin: Fußball, rauchende Schlote und Zechensiedlung", sagt Krause zu dieser Aufnahme aus Duisburg-Bruckhausen. Abgerundet wird das Bild von dem Ford Granada und den Hühnerställen.(Foto: Reinhard Krause)

Es sind alltägliche Situationen wie diese, die Krause fotografiert hat. Keine Bilder von sprühenden Funken an den Hochofen, keine Panoramen der grauen Skyline aus rauchenden Schloten. Krause fotografierte, wie Omas im Coop an der Kasse standen, graue Herren in der Straßenbahn zur Schicht fahren, wie Kinder in Zechensiedlungen Fußball spielen oder Männer in verrauchten Kneipen den Feierabend mit König-Pilsener begießen. Krause beweist mit seinen Bildern, wie emotional alltägliche Momente sein können. Nicht in dem Moment, aber vielleicht 30 Jahre später, wenn sie beim Betrachter das Gefühl wecken, eben diese Situation auch hundert Mal erlebt zu haben und ihn daran erinnern, dass sich die Zeiten eben ändern.

Kneipe in Herne-Wanne. "Ich ärger mich heute, dass ich nicht reingegangen bin", erinnert sich Reinhard Krause. "Das wäre bestimmt gut geworden."
Kneipe in Herne-Wanne. "Ich ärger mich heute, dass ich nicht reingegangen bin", erinnert sich Reinhard Krause. "Das wäre bestimmt gut geworden."(Foto: Reinhard Krause)

 

Der Bochumer Autor Frank Goosen schreibt: "Für das Ruhrgebiet waren die achtziger Jahre eine Zeit des fortgesetzten Umbruchs. Das Alte war noch nicht ganz weg, das Neue noch nicht da". Das Ruhrgebiet stand in diesen Jahren vor gigantischen Veränderungen. Kohle und Stahl waren kein Geschäft mehr für die Zukunft. Die Region, die seit der Industrialisierung das wirtschaftliche Herz Mitteleuropas war, drohte in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Hunderttausende Jobs standen auf dem Spiel. Bergmänner und Stahlarbeiter gehen in diesen Jahren in Massen auf die Straße, um gegen den Stellenabbau zu demonstrieren – auch diese Szenen dokumentiert Krauses Sammlung.

Oberhausener Idylle: der emsig gepflegte Rasen, das Eigenheim mit Kohlenstaubfassade und das Knäuel von Rohren im Hintergrund. Vielerorts wurden die gigantischen Leitungen inzwischen abgebaut. In Teilen von Oberhausen und Dortmund gehören sie immer noch zum Alltagsbild.
Oberhausener Idylle: der emsig gepflegte Rasen, das Eigenheim mit Kohlenstaubfassade und das Knäuel von Rohren im Hintergrund. Vielerorts wurden die gigantischen Leitungen inzwischen abgebaut. In Teilen von Oberhausen und Dortmund gehören sie immer noch zum Alltagsbild.(Foto: Reinhard Krause)

 

Als meine Erinnerung einsetzt, 1984 geboren, also irgendwann in den Neunzigerjahren, war der Kampf bereits verloren. Die allermeisten Zechen sind dicht, viele Hochöfen kalt. Und was das "Neue" im Ruhrgebiet sein könnte, ist bis heute unbekannt. 1989 kam die Wende und in den Jahren darauf wurde viel darüber gesprochen, wie die neuen Bundesländer den Anschluss an die Bundesrepublik finden könnten. Aufbau Ost, Soli-Zuschlag, neue Straßen, neue Jobs. Das Ruhrgebiet schien nicht mehr so wichtig zu sein und seine Probleme verblassten im Schatten des Mauerfalls. Damals war Reinhard Krause aber schon längst weg.

Der Kampf ist inzwischen verloren. In den 80er-Jahren finden im Ruhrgebiet regelmäßig Demonstrationen gegen Zechenschließungen und Jobabbau statt. Heute geht niemand mehr auf die Straße. Die meisten Zechen sind dicht.
Der Kampf ist inzwischen verloren. In den 80er-Jahren finden im Ruhrgebiet regelmäßig Demonstrationen gegen Zechenschließungen und Jobabbau statt. Heute geht niemand mehr auf die Straße. Die meisten Zechen sind dicht.(Foto: Reinhard Krause)

 

Für ihn begann eine neue Zeit: Er heuerte bei der Nachrichtenagentur Reuters an und reiste als Fotograf in den Jahren darauf um die Welt: Jerusalem, Peking, Neu-Delhi, schließlich für viele Jahre London. Der Mann aus Essen wurde schließlich Chef des globalen Bilderdienstes der einflussreichsten Nachrichtenagentur der Welt. Seine Wurzeln hat er dabei nie vergessen. "Ich fand das Ruhrgebiet immer schön, ich habe nie gedacht, dass es dreckig ist oder heruntergekommen. Ich dachte immer, es ist klasse hier, so wie es ist." Und seine Jugendjahre im Pott haben ihn etwas gelehrt: "Wenn man das Ruhrgebiet schön findet, kann man es überall schön finden". Ganz ernst war das nicht gemeint und Krause lacht.

"Omma und Oppa gehen mitm Enkel annen Rhein". Sonntagsidylle in Duisburg-Rheinhausen.
"Omma und Oppa gehen mitm Enkel annen Rhein". Sonntagsidylle in Duisburg-Rheinhausen.(Foto: Reinhard Krause)

 

Mit ihm um die Welt reisten auch einige Kartons mit einem Schatz, von dem Krause zunächst nicht dachte, dass es einer sein könnte: Hunderte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von früher. "Ich wusste immer, dass die Bilder da sind. Aber ich hab mir nie die Zeit genommen, die nochmal durchzusehen." Irgendwann hat der Beruf ihn wieder darauf gebracht. Als Bildchef setzt sich Krause irgendwann mit Social Media auseinander und startet ein kleines Projekt. "Mich hat interessiert, wie man eine Öffentlichkeit mit Bildern erreichen kann und dabei bei Null anfängt", erinnert er sich. Bei Null blieb es nicht lange: inzwischen folgen Tausende seiner Facebook-Gruppe. Die Kommentare unter den Bildern beweisen, welchen emotionalen Erinnerungswert die Bilder für viele Menschen haben.

"Wenn es so etwas wie Heimweh nach dem Ruhrgebiet gibt, dann steckt es in diesem Bild", erinnert sich Krause an die Aufnahme hinter der Lärmschutzwand der A40 in Essen. "Es ist grauenhaft hässlich, aber man sieht, wie die Leute versuchen, damit umzugehen. Es gibt den Kaugummiautomaten, den Zigarettenautomaten, die Blumen und beim Frisör gab es wahrscheinlich Kondome. Damit war die Grundversorgung gesichert. Die Leute im Ruhrgebiet lassen sich nicht unterkriegen."
"Wenn es so etwas wie Heimweh nach dem Ruhrgebiet gibt, dann steckt es in diesem Bild", erinnert sich Krause an die Aufnahme hinter der Lärmschutzwand der A40 in Essen. "Es ist grauenhaft hässlich, aber man sieht, wie die Leute versuchen, damit umzugehen. Es gibt den Kaugummiautomaten, den Zigarettenautomaten, die Blumen und beim Frisör gab es wahrscheinlich Kondome. Damit war die Grundversorgung gesichert. Die Leute im Ruhrgebiet lassen sich nicht unterkriegen."(Foto: Reinhard Krause)

 

Und irgendwann wurde der Emons-Verlag in Köln auf seine Fotos aufmerksam. Auf über 200 Seiten sind die Bilder jetzt zu bewundern. Ruhrgebiets- Autor Frank Goosen schrieb ein Vorwort und Reinhard Krauses alter Wegbegleiter Wilfried Bienek die Bildunterschriften, die weit über eine sachliche Beschreibung - "Essen-Altenessen, Regenwetter, circa 1980" - hinausgehen. Dank Bieneks kurzer Texte verfällt man angesichts der manchmal tristen Bilder nicht in Melancholie, sondern erinnert sich mit einem inneren Lächeln an das Ruhrgebiet zurück.

"Woanders is auch scheiße: Das Ruhrgebiet in den 1980er-Jahren" ist wie eine Zeitreise zum Blättern – in eine Region, die ihr Gesicht inzwischen verändert hat, deren Herz aber immer im gleichen, warmen Takt geschlagen hat. Das Ruhrgebiet mag für viele Menschen ein Ort voller grauer Klischees sein. Für Millionen von Menschen, ob sie dort noch leben oder fortgegangen sind, ist es Heimat. Reinhard Krauses Bilder erinnern daran.

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Quelle: n-tv.de

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