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Wie ein Foto-Liebesroman So zärtlich kann Berlin sein

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Bunt und unangepasst - Foto aus dem Band "Hundekopf".

(Foto: Ama Split and Riky Kiwy)

Berlin-Bashing ist ein beliebtes Hobby. Den Berlinern ist das egal. Sie lieben ihre Stadt zwischen Kiezalltag und Nachtleben. Eine Reihe von Fotobänden versucht zu ergründen, was an der Metropole so faszinierend ist. Mit gemischtem Ergebnis.

Boris Palmer hat halt einfach keine Ahnung. Seine Auslassungen über Berlin sorgten in der Hauptstadt wohl eher für Belustigung. Ernst nehmen kann man es eben nicht, wenn der Oberbürgermeister des beschaulichen Tübingen in der Metropole nur Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut begegnet.

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Geschäfte und Kioske finden sich an den meisten S-Bahnhöfen (aus: "Hundekopf").

(Foto: Ama Split and Riky Kiwy)

Klar, das alles gibt es. Und dazu noch eine Menge Probleme von unpünktlichen Verkehrsmitteln über marode Schulen bis zu fehlenden Terminen auf Bürgerämtern. Aber trotz des angesagten Hauptstadt-Bashings liebt der Berliner seine Stadt. Und vor allem seinen Kiez. Zehntausende Menschen zieht es jährlich hierher, hinzu kommen Millionen Touristen. Irgendwas muss also dran sein an Berlin, das die einen lieben und die anderen am liebsten schnell wieder verlassen.

Einen vielfältigen Blick liefert eine Reihe von Fotobänden des Verlags Hatje Cantz: "Berlin Stories" will Geschichten erzählen von der Stadt und ihren Bewohnern. Bisher sind vier Bücher erschienen, im handlichen Format und durchweg wunderbar gestaltet. Es ist eine Liebeserklärung an die pulsierende Metropole, an die schönen und hässlichen Seiten, an Kiezalltag und Nachtleben. Inhaltlich gibt es allerdings Unterschiede. Nicht nur was Ansatz und Stil der jeweiligen Fotografinnen und Fotografen angeht, sondern auch, ob sie überhaupt etwas über Berlin zu sagen haben.

Spontan, schnell, direkt

"Hundekopf" etwa ist ein Fotoprojekt von Ama Split und Riky Kiwy. Beide leben in Frankreich, aber nach eigener Aussage "immer mal wieder" auch in Berlin. Für ihr Buch wollten sie weg von den touristischen Ecken, die man schon kennt. Also sind sie die Berliner Ringbahn abgefahren, die das Zentrum umkreist und wegen ihrer Form (angeblich) "Hundekopf" genannt wird. An jeder der 27 Stationen stiegen sie aus, um die Gegend um die Bahnhöfe zu fotografieren. Spontan, schnell, direkt - Straßenfotografie eben.

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Hundeparkplatz - die kleinen Momente machen Berlin so charmant (aus: "Hundekopf").

(Foto: Ama Split and Riky Kiwy)

Herausgekommen sind viele Eindrücke von einem von Berlins wichtigsten Verkehrswegen. Und von den Bahnhöfen aus allen Teilen der Stadt. Natürlich gibt es hier nicht die geschniegelten Ecken. Neben den Haltestellen selbst und den Schienen sind es Kneipen, Kioske oder Spätis, die die Bilder prägen: vom "Spree Imbiss" am Treptower Park bis zum "Athena Grill" am Bundesplatz. Und die Menschen, die sich wenig darum scheren, was andere über sie denken. An ihnen erkennt man auch die feinen Unterschiede: Frauen mit Kopftuch in Schöneberg, Männer im Anzug an der Messe, Partymenschen an der Schönhauser.

Für Berliner ergeben sich hier viele bekannte Ansichten, die die beiden Künstler einfangen: Es ist im Grunde ein Loblied auf die Buntheit der Stadt, auf ihre Widersprüchlichkeit, fotografiert in bewusst unperfekten Bildern. An einigen Stationen gelingen Split und Kiwy ganz wunderbare Mini-Panoramen, die die Atmosphäre der jeweiligen Gegend gut einfangen, etwa an der Landsberger Allee. Andere Kapitel wirken dagegen etwas uninspiriert. Vielleicht hätten sie mehr Beschäftigung verdient.

Berlin von seiner besten Seite

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Sommer am Breitscheidplatz - Annette Hauschild fängt das Hauptstadtleben ein (aus: "Last Days of Disco").

(Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ)

So wie bei Annette Hauschild, einem Mitglied der Agentur Ostkreuz, die mit "Last Days of Disco" den vorläufigen Höhepunkt der Reihe vorlegt. Sie konzentriert sich auf die Menschen, die sie meist in den Mittelpunkt der schwarz-weißen Fotos rückt. Ihre Bildsprache, die auf technische Effekte oder Spielereien verzichtet, erlaubt einen intimen Blick auf Berlin und seine Bewohner. Voller Zärtlichkeit, aber oft auch mit jenem ironischen Zwinkern, das den Berliner Humor ausmacht. Anders als bei der Straßenfotografie von Split und Kiwy arbeitet Hauschild behutsamer, nimmt sich mehr Zeit, was vielen Bildern eine tiefe Ruhe und Konzentration verleiht.

Ihr Band umfasst drei Teile. In "Golden West" schildert sie anhand von Menschen die Veränderungen im Westteil der Stadt. Sie porträtiert Busfahrer, Angestellte, Galeriebesucher oder Passanten. Die Geschichten, die Hauschild dabei erzählt, handeln von Träumen und Wünschen in einer Stadt, die sich stark gewandelt hat. Auf Oranien- oder Hermannplatz, auf Sonnenallee und Ku'damm lässt sie Altberliner zu Wort kommen, die davon erzählen, wie die Stadt, mit der sie aufgewachsen sind, langsam verschwindet. Wobei die Fotos sich nicht der Melancholie ergeben, sondern oft auch Optimismus und Lebensfreude ausstrahlen.

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In der Neuen Nationalgalerie: Hauschilds Bilder strahlen eine tiefe Ruhe aus (aus: "Last Days of Disco").

(Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ)

Ähnlich funktioniert der zweite Teil des Bandes, "Last Days of Disco". Die Reportage entstand 2016 und 2017 in zwei Weddinger Kneipen. Sieht man die Intimität dieser Fotos, kann man sich vorstellen, dass sich Hauschild viel Zeit gelassen hat, um mit den Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Hier zeigt sich Berlin von seiner besten Seite, in seiner spröden Herzlichkeit, in der kleinstädtischen Atmosphäre des Kiezes. Spontaner entstanden dagegen die Bilder des letzten Teils: "Wendejubel" erzählt von den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Mauerfalls 2014. Anhand von Prominenten (Merkel, Lindenberg), Bürgerrechtlern, aber auch Nachgeborenen zeigt Hauschild, wie unterschiedlich der Blick auf die Wendezeit und die Jahre danach sein kann.

Oberflächlich und eitel

Während "Hundekopf" also den schnellen, vielfältigen Blick auf Berlin liefert und "Last Days of Disco" den intensiven, intimen Zugang wählt, wird ein weiterer Band vom Verlag als "visuelles Tagebuch" des exzessiven Nachtlebens der Stadt angekündigt: "Vagabondage Diary" von Ed Broner ist eine sehr subjektive Fotoreihe mit kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern. Der Franzose zeigt ein paar Stadtansichten, vor allem aber Partyszenen und Porträts von Partygängern.

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Clubnacht - Ed Broner hält sie in scharfen Kontrasten fest (aus: "Vagabondage Diary").

(Foto: Ed Broner)

Der Band ist jedoch aus mehreren Gründen problematisch. Es fängt schon damit an, dass etliche Fotos gar nicht in Berlin entstanden sind, sondern in Paris oder anderen Städten, es ist eine wilde Mischung. Von "Berlin Stories" kann hier also weniger die Rede sein. Doch selbst vielen der Berlin-Bilder fehlt der Bezug zur Stadt. Wo Hauschild ihre Menschen etwa in Kiez-Kneipen findet, porträtiert Broner sie vor kahlen Wänden. Die Bilder anderer Künstler oder Bekannter Broners - an Namedropping fehlt es nicht - könnten irgendwo entstanden sein, gefeiert wird ja überall. Den speziellen Charakter Berlins als Partystadt fängt er nur selten ein.

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In Berlin hat Broner auch Nele fotografiert.

(Foto: Ed Broner)

Hinzu kommen Bilder nackter Frauen, die Broner immer wieder einstreut. Chanel, die ihm in Paris einen bläst. Klara, deren entkleideten Unterleib er fotografiert. Julia, die ihm ihren nackten Hintern entgegenstreckt. Das Frauenbild, das der Künstler hier darstellt, ist äußerst machohaft. Klar, es ist seine ganz persönliche Sicht, sein Foto-Tagebuch. Doch über weite Strecken wirkt es vor allem oberflächlich und eitel. Aber vermutlich gehört auch das zu einer vielfältigen Stadt wie Berlin dazu.

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Quelle: n-tv.de

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