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"Bleierne Jahre" in Italien Terroristenjäger will mehr

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Tragischer Höhepunkt des linken Terrors: Am 16. März 1978 kidnappte die Rote Brigade Italiens Premier Aldo Moro und ermordete seine fünf Leibwächter. 55 Tage später wurde Moros mit Kugeln durchsiebter Körper im Kofferraumes eines Auto in Rom gefunden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als 1981 in Italien ein Politiker ermordet wird, kann Staatsanwalt Colnaghi schnell den Kopf der Mailänder Linksterroristen festnehmen. Schon bald aber muss er mit Schrecken feststellen, dass ihn etwas mit dem Attentäter verbindet.

400 Tote und 2000 Verletzte - das ist die traurige Bilanz der "Bleiernen Jahre" in Italien. Zwischen 1969 und 1982 wurde das Land von terroristischen Anschlägen förmlich zerrissen. Die linken Roten Brigaden entführten und ermordeten Politiker, Staatsanwälte und Journalisten oder schossen ihnen die Beine kaputt. Neofaschistische Extremisten richteten an öffentlichen Plätzen Blutbäder an - vom Geheimdienst gedeckt wurden die Attentate lange Zeit den Rotbrigadisten zugeschrieben. Italien lebte in Angst, jederzeit konnte irgendwo die nächste Bombe hochgehen, konnten Schüsse fallen.

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Der Roman ist bei Nagel & Kimche erschienen, hat 256 Seiten und kostet 19,90 Euro.

In diesem zutiefst verunsicherten Land lässt der italienische Autor Giorgio Fontana seinen Roman "Tod eines glücklichen Menschen" spielen: Als im Jahr 1981 in Mailand ein Rechtsaußen-Politiker der Christdemokraten von Linksterroristen umgebracht wird, nimmt Staatsanwalt Giacomo Colnaghi die Ermittlungen auf. Er pflastert seine Bürowände mit topografischen Karten der Terroristenverstecke, studiert die Manifeste der Roten Brigade und kann schon bald Erfolg vermelden: Der Kopf der Mailänder Terrorgruppe wird festgenommen.

Brillant, Demokrat, erzkatholisch

Der Fall scheint gelöst. Aber Colnaghi reicht das nicht. Denn er, der sich moralisch auf der richtigen Seite fühlt, muss irritiert feststellen, dass er einen der wichtigsten Grundpfeiler seines Handelns mit dem Attentäter teilt: Beide wollen Gerechtigkeit. Aber beide wählen Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten – der eine jagt Mörder, der andere mordet.

Mit welchen kruden Idealen rechtfertigen Terroristen die Vernichtung von Menschenleben? Colnaghi möchte verstehen und stolpert dabei über eine weitere Frage. Denn er erkennt in sich selbst alle Voraussetzungen, um radikal zu werden: "Der Vater Partisan, eine Kindheit in der Provinz ohne eine Lira, als Jugendlicher Berührung mit den Verlockungen der Politik und ein ungezügeltes Verlangen nach gesellschaftlicher Erneuerung. Warum bin ich kein fanatischer Revolutionär geworden?"

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Giorgio Fontana ist studierter Philosoph und arbeitet als Journalist und Buchautor in Mailand.

(Foto: Ordine della Giarrettiera)

Um diese Fragen, um Colnaghis Zweifel und seine Suche nach Wahrheit kreist der Roman. Fontana entwirft keine komplizierte Geschichte. Colnaghi - ein "brillanter Staatsanwalt, jung, gesprächsbereit, Demokrat und erzkatholisch" - ist der Fixpunkt seines Buches. Seit drei Jahren geht Colnaghi bereits gegen die bewaffnete Linke vor, was ihm jeden Tag aufs Neue eine zuverlässige Begleiterin beschert: die Furcht vor einem Attentat, das ihm gelten könnte.

Personenschutz aber lehnt er ab, er will Antworten. Und die lässt Fontana ihn suchen beim Aktenwälzen mit Kollegen, in polemischen Gesprächen mit Freunden, beim Beobachten von Gästen einer Bar und beim abendlichen Streunen durch die "Zone der roten Schläger", das Arbeiterviertel, in dem er in der Woche wohnt. An den Wochenenden fährt er zu seiner Familie in einen kleinen Ort unweit von Mailand und versucht, die räumliche und emotionale Distanz zu ihnen zu überwinden.

Ein wichtiges Buch

Und während ihm seine Frau und seine Söhne immer mehr entgleiten, hält Colnaghi sich an ein totes Familienmitglied, an seinen Vater Ernesto, der kurz vor Kriegsende bei einer Aktion gegen die Nazis starb. Colnaghi hat zwar keine Erinnerungen an seinen Vater, außer einem handgeschriebenen Zettel, den er immer bei sich trägt. Aber für ihn bleibt Ernesto eine wichtige Bezugsperson - in seinem Ringen um eine gerechtere Welt und einen Sinn im Leben.

In "Tod eines glücklichen Menschen" reflektiert Fontana die Ambivalenz des Strebens nach Gerechtigkeit, erkundet dessen Möglichkeiten und Grenzen. Zu Recht wurde er dafür 2014 mit dem Premio Campiello, einem der begehrtesten Literaturpreise Italiens, ausgezeichnet. Der junge Autor - der im selben Jahr geboren wurde, in dem er Colnaghi ermitteln lässt - hat ein eindringliches, schnörkelloses Buch geschrieben. Und ein wichtiges, denn die in den "Bleiernen Jahren" geschlagenen Wunden sind in Italien noch längst nicht verheilt.

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Quelle: ntv.de

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