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Wütender Antibildungsroman Wenn das Wasser nach Benzin schmeckt

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Anguillara Sabazia liegt idyllisch am Lago di Bracciano.

(Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Lanzellotto A)

Bildung, das ist der Weg aus der Armut. So haben es Generationen verinnerlicht. Doch inzwischen ist das ein leeres Versprechen geworden, wie Gaia aus dem Roman "Das Wasser des Sees ist niemals süß" schmerzlich erfährt.

Es gibt unendlich viele Romanhelden und Romanheldinnen, die einen sofort für sich einnehmen, mit denen man am liebsten befreundet sein möchte. Und dann sind da die weniger sympathischen Figuren, die den Leserinnen und Lesern aber deshalb nicht mehr aus dem Kopf gehen, weil sie verstören und aufwühlen. Von so einer Protagonistin erzählt die italienische Autorin Giulia Caminito in ihrem Roman "Das Wasser des Sees ist niemals süß". Der Name der Hauptfigur lautet Gaia, übersetzt "die Fröhliche". Aber Gaia ist alles andere als das.

Zusammen mit drei Geschwistern wächst die Ich-Erzählerin als Tochter armer Eltern in den Nullerjahren in Italien auf. Sie schämt sich für die Verhältnisse, in denen sie lebt, für die Mittellosigkeit der Familie und beschreibt sich selbst als "das Mädchen mit den von der Mutter verschnittenen Haaren, das die Klamotten seines anarchistischen Bruders aufträgt". Der Vater ist seit einem Sturz auf der Baustelle, wo er schwarzgearbeitet hat, querschnittsgelähmt. Die Mutter geht putzen und versucht so resolut wie rücksichtslos, die Familie zusammenzuhalten. Schon im ersten Kapitel lässt Caminito Gaia harte Worte über die Mutter sagen: "Ich richte über sie und vergebe ihr nicht."

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Das Wasser des Sees ist niemals süß
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Auch in Gesellschaft ihrer Freundinnen und Freunde ohne Geldsorgen fühlt sich Gaia eher unwohl und nicht richtig zugehörig: "Sie haben Mitleid mit meiner Bedürftigkeit oder genießen sie, weil Schenken ihnen ein Gefühl der Überlegenheit gibt." Nur einem einzigen Mädchen zeigt Gaia einmal ihr Zuhause und ihr Zimmer, in dem ein riesiger rosafarbener Plüschbär hockt, den sie beim Schießen auf dem Rummel gewonnen hat.

Zu Beginn wohnt die Familie in einem schäbigen Viertel von Rom, in einem fünf mal vier Meter kleinen Souterrain-Raum mit Betonboden und Schimmel, den die Mutter vorher von Kakerlaken, Mäusen und Spritzen gesäubert hat. Später beziehen sie eine Sozialwohnung im 30 Kilometer von Rom entfernten Anguillara Sabazia am Lago di Bracciano - ein Ort, der von Legenden lebt: So soll unter der Mole eine Weihnachtskrippe und in der Mitte des Sees eine Stadt versunken sein. Und auch das Wasser ist eben nicht süß, sondern "schmeckt nach Benzin, wenn du ein Feuerzeug dranhältst, geht es in Flammen auf".

Zerstörerische Wut

Eine unterschwellige Explosivität zieht sich auch durch das gesamte Buch, das Gaia während ihrer Jugendzeit mit erstem Verliebtsein, Enttäuschungen, Verrat und Verlust begleitet. Caminito wählt eine schroffe, bildreiche Sprache - fabelhaft von Barbara Kleiner ins Deutsche übertragen - und macht auf jeder Seite die stille Wut ihrer Protagonistin spürbar. Und die kippt immer wieder in Brutalität, von Gaia als "neue Superkraft" bezeichnet. Sie setzt Fäuste ein und Autos in Brand. Als ein Junge in der Schule ihr besonders zusetzt, zerschmettert sie ihm mit einem Tennisschläger das Knie.

Mobbing in der Schule ist für Gaia Alltag. Jeden Tag pendelt sie von Anguillara Sabazia aus mit dem Zug nach Rom zu einem Gymnasium in einer wohlhabenden Gegend. Während die anderen Schüler dort Taschen von Gucci zur Schau tragen, benutzt Gaia noch ihren Rucksack aus der Mittelschule. Dass sie sich das humanistische Gymnasium ausgesucht hat, hat einen Grund: "Ich sage mir, ich hätte das wegen meiner Freundinnen getan, sie gehen dorthin und ich auch, aber die Wahrheit ist, dass ich eine ganz, ganz winzig kleine Sache in mir trage, eine Eichel, ein Insekt, und das ist die Stimme meiner Mutter, der ich beweisen muss, dass ich etwas tauge."

Denn die Mutter, der ein Bildungsweg verwehrt war, hat große Erwartungen an die Tochter. Sie soll "glänzen, auf die Universität gehen, Ärztin werden, Ingenieurin, in die Finanzbranche einsteigen, Romane veröffentlichen und vor allem lesen, zwanghaft und unentwegt". Und so lernt Gaia, lernt, lernt und lernt. Das Abitur besteht sie mit Bestnoten, aber ihre Lehrerin schlägt ihr vor, sich schnell eine Arbeit zu suchen, zum Beispiel in einem Supermarkt, "bei einer Familie wie meiner sei es sinnvoll". Gaia geht aus Trotz an die Uni und muss erfahren, dass Talent und Fleiß einfach nicht ausreichen, um ihrer Herkunft zu entkommen.

Bildung ist kein Ausweg mehr

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Giulia Caminito ist selbst in Anguillara Sabazia am Lago di Bracciano aufgewachsen.

(Foto: Rino Bianchi)

Caminito porträtiert mit der verletzlichen und verletzenden Gaia die radikale Vertreterin einer desillusionierten Generation, für die das Versprechen, dass Bildung ein Ausweg aus armen Verhältnissen ist, schon lange nicht mehr gilt. In Italien, wo die Jugendarbeitslosigkeit aktuell bei fast 25 Prozent liegt, hat der Roman einen Nerv getroffen. "Das Wasser des Sees ist niemals süß" stürmte bei Erscheinen die Bestsellerlisten und räumte mehrere wichtige Preise ab.

Auch wenn sie mit Gaia einige Gemeinsamkeiten teile, sei das Buch "keine Biografie, keine Autobiografie und auch keine Autofiktion, es ist eine Geschichte, die sich Bruchstücke vieler Leben einverleibt hat", schreibt Caminito in einem Nachwort. Ebenso wie ihre Protagonistin ist die 1988 geborene Autorin am Lago di Bracciano aufgewachsen. Und sie hat Philosophie studiert, das Fach, für das sich auch Gaia einschreibt, einen exzellenten Abschluss macht und auf eine Promotionsstelle hofft. Doch ohne Vitamin B: keine Chance. Wie es für Gaia weitergeht? Das bleibt am Ende offen.

Quelle: ntv.de

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