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"Wann hast du zuletzt geweint?" Wenn ein Schriftsteller die Fragen stellt

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(Foto: Samira Lazarovic)

Was hat man davon, wenn ein Schriftsteller und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler wie Eshkol Nevo in seinem neuesten Buch alle Fragen beantwortet, die ihm Journalisten und Leser so stellen? Der Leser bekommt alle Antworten in vielen großen und kleinen Geschichten und hat den Kitzel, nie zu wissen, was nun die Wahrheit ist und was Fiktion. Die Journalistin kann beschließen, einfach den Zettel mit den üblichen Fragen wegzulegen und erfährt so viel mehr über Kreativität in Corona-Zeiten, den Traum vom Musizieren, den Mut, den man braucht, sich mit Tänzern auf eine Bühne zu stellen und wann Nevo das letzte Mal geweint hat. Aber sie muss seine Fragen auch beantworten.

Welchen Moment deines Lebens würdest du gerne noch einmal erleben?

Den Moment, als das erste Mal etwas von mir Geschriebenes mit Namensnennung in diesem neuen Internet veröffentlicht wurde. Ich hab es ausgedruckt, um es der Familie zu zeigen. Und bei dir?

Eshkol Nevo: First cut is the deepest, absolut! Ich nehme den Tag, als mir jemand das erste Mal diesen wilden Strand in der Nähe meines Hauses zeigte. Aber eigentlich will ich alle ersten Male noch mal erleben. Die erste Ankunft in Südamerika. Das erste Mal Fahrradfahren durch Berlin. Spazieren durch Santiago de Compostela.

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Zeitgemäßes Interview im Chat.

(Foto: Samira Lazarovic)

Im Buch "Die Wahrheit ist" beantwortet ein Schriftsteller eine Reihe von Leserfragen. Doch statt der üblichen Routine zu folgen und die Geschichten und Anekdoten über sich auszupacken, die er jahrelang in Interviews und Lesungen feingeschliffen hat, beschließt er, über seine Krise zu erzählen. Er ist Mitte vierzig, seine Ehe steht vor dem Aus, seine älteste Tochter geht auf Distanz, sein bester Freund liegt im Sterben, sein ganzes Leben ist nicht das, was er sich vorgestellt hat.

Auf dieses Buchexperiment muss man sich einlassen. Erwartet man von Nevo nämlich einen weiteren, elegant komponierten Roman, ist man erst einmal irritiert. Besonders, wenn man mit dem Lesen in der alten, geschäftigen Zeit angefangen hat. Worin unterscheidet sich die Krise dieses Mannes von unzähligen anderen Krisen dieser Art? Woher kommt die ganze Traurigkeit? Doch wenn die Welt sich um einen herum schließt und der eigene Weltschmerz einen einholen kann, fangen die kleinen Geschichten, diese Mini-Novellen, mit denen der israelische Schriftsteller diese klassischen Fragen beantwortet, an zu leben.

Wann hast du das letzte Mal geweint?

Ehrlich gesagt, gestern. Ich war nach den vielen Diskussionen, die man gerade jeden Tag so führt, einfach außer mir und gestresst. Dann ist mir noch in der Küche ein Glas kaputt gegangen und das war es dann. Das erste, richtige Corona-Weinen.

Nevo: Oh, das tut mir leid. Menschen können einen verrückt machen. Ich habe gestern auch fast geweint, aber vor Freude, meinen Töchtern war es peinlich. Wir waren das erste Mal seit Wochen wieder draußen, an diesem Strand und die Schönheit des Ortes hat mich überwältigt. Dann habe ich meine Kinder kürzlich unbeabsichtigt zum Weinen gebracht. Wir hatten am Anfang der Krise einen Welpen aufgenommen, mussten aber einsehen, dass wir ihn alleine nicht erziehen konnten, dass das für uns einfach der falsche Zeitpunkt gerade war. Das letzte Mal richtig geweint? Nach dem Terroranschlag im Sinai vor einigen Jahren. Jemand, den ich kenne, war verletzt worden. Als ich es hörte, konnte ich nicht aufhören, zu weinen. Ich kannte auch den Ort, dort gab es immer ein so gutes Miteinander von jüdischen und arabischen Menschen.

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Interviews mit Buchautoren finden in der Regel in Hotellobbys oder Cafés statt. Nach der Begrüßung arbeitet man sich rasch durch einen Fragenkatalog durch. Hofft, etwas Originelleres gefragt zu haben, als der Redakteur, der vor einem den Termin hatte. Einen besseren Zugang gefunden zu haben, als die Journalistin, die im Anschluss dran ist. "Die Wahrheit über" belehrt einen eines Besseren, besonders, wenn man Eshkol Nevo tatsächlich schon ein paar Mal befragt hat.

"Bei den ersten Lesungen zu 'Die Wahrheit ist' waren auch die Moderatoren richtig nervös", lacht Nevo. "Wussten nicht mehr, was sie fragen sollten, wie sie mich vorstellen sollten." Aber vielleicht ist das Ganze auch befreiend - vielleicht kann man künftig bei solchen Interviews die ganze Buchanalyse, die Fragen nach autobiografischen Elementen beiseite lassen und über ganz andere Dinge reden? "Da bist du tatsächlich die erste, die dieses Buch so interpretiert!" Was machen wir also mit dieser vereinbarten Stunde? "Ich habe bei einigen Lesungen zu diesem Buch den Zuschauern Fragen gestellt - auch weil ich so viele Zuschriften bekommen habe, in dem mir Leser die Fragen des Buches beantwortet haben. Machst du auch mit?" Klar.

Was bereust du in deinem Leben?

Zu oft auf Nummer sicher gegangen zu sein. Zum Beispiel bei der Auswahl des Studienfaches. Beim kreativen Arbeiten. Beim Schreiben. Nicht auf eigene Ideen vertraut zu haben. Letzteres bereue ich immer mal wieder.

Nevo: Ich bereue auch die nicht eingeschlagenen Wege im Leben. Ich wollte mal DJ werden. Ok, das bereue ich nicht wirklich. Aber ich wollte für eine Zeit in Berlin leben und habe es nie getan. Ich wollte Musiker werden. Aber ich habe Wege gefunden, zumindest den einen oder anderen Traum auf andere Weise zu erfüllen. Ich habe zum Beispiel jetzt in der Corona-Zeit mit meiner Nachbarin Talia Amar, eine preisgekrönte Komponistin moderner Klassik, ein kleines Projekt gemacht. Ich habe eine meiner Kurzgeschichten eingesprochen und sie hat die Musik dazu gemacht, mit elektronischem Touch. In der Geschichte geht es um eine Plage, aber eine Plage der Empathie - ich hab sie vor zwei Jahren geschrieben. Daraus ist jetzt sozusagen LitMusic geworden. Das hat mir sehr gefallen. Ich kann zur Musik nicht singen, aber lesen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Tanzen. Tanzt du?

Ja, tatsächlich. Modern Dance. Habe nach jahrelanger Pause vor zwei Jahren wieder angefangen. Bin jetzt gefühlt die Schlechteste der Gruppe, aber es macht riesigen Spaß. Tanzen ist mein alter Kindheitstraum. Habe mich sogar überwunden, bei einer Aufführung auf einer richtigen Bühne mitzumachen. Zwar nur vor den Ballett-Eltern der Tutu-Mädchen und Jungen aus dem Programm, aber immerhin.

Nevo: Es ist nicht einfach, sich zu überwinden! Ich habe mit der in Israel sehr bekannten Gruppe Mayumana ein Programm ausgearbeitet. Wir haben Wochen geprobt, die Tänzerinnen und ich. Eine Mischung aus tanzen, trommeln, lesen. Ich war wirklich nervös und habe einen Freund gebeten, zu einer Probe zu kommen. Er sollte mir ehrlich sagen, ob ich mich blamiere, neben diesen Profi-Tänzerinnen, die auch noch so hübsch sind. Er hat sich das Ganze angeschaut und nur gesagt: "Du musst dich mehr anstrengen. Sie essen dich sonst ohne Salz." Es war also fast eine Erleichterung, dass das wegen Corona ausgefallen ist.

Das ist jedoch nicht der einzige Termin, der für Nevo flachgefallen ist. So wurde die Lesereise in Deutschland für "Die Wahrheit ist" ebenso abgesagt, wie die Premieren der italienischen Verfilmung seines Romans "Über uns" in Rom und in Cannes. Er habe sich auf die Reisen gefreut, aber er versuche, gerade nicht allzu viel darüber nachzudenken, was wann gewesen wäre, das würde ja direkt in eine Depression führen, sagt Nevo. Apropos: War die im Buch beschriebene Dysthemie, die depressive Störung, echt? "In Israel haben viele gedacht, ich hätte den Begriff erfunden, bis sie es gegoogelt haben. Dann erzählten einige Leser mir, sie selbst oder ihre Partner hätten diese Traurigkeit auch." Und er selbst? "Ich habe gerade versucht, auszuweichen, aber ja, ich hatte das auch. Vor einigen Jahren. Habe dann einiges in meinem Leben geändert, habe gemerkt, dass Sport und allgemein Bewegung mir helfen und bin mehr raus, mehr unter Leute. Gut, Letzteres geht gerade nicht mehr."

In der Quarantäne würde er jedoch nun so viel schreiben, so kreativ sein, wie nie. Neben der kleinen LitMusic-Einlage habe er einen Roman fertig geschrieben, eine weitere Kurzgeschichte veröffentlicht und als Zoom-Theaterstück von israelischen Schauspielern aufführen lassen und unterrichte via Zoom. "Um es deutlich zu sagen: Die Situation ist furchtbar. Weltweit. Auf privater Ebene bedeutet das, meine Eltern, meinen Bruder, meine Freunde, meine Schüler nicht treffen zu können. Das ist für mich keine Art zu leben." Woher dann diese Energie komme? Nun, zum einen flüchte er sich gerade in diese anderen Welten. "Das ist ein Vorteil, den wir Geschichtenerzähler haben." Zum anderen gäbe es natürlich weniger Ablenkung vom Schreiben.

"Aber das ist nicht alles. Ich spüre wieder die Kraft des Geschichtenerzählens, etwas, das mir im Alltag ab und an verloren gegangen ist. Die Art, wie dieses Virus, diese Plage über uns alle gekommen ist, hat etwas in meinem Kopf in Bewegung gesetzt. Ich glaube nicht daran, dass man tatsächlich aus jeder Zitrone Limonade machen kann, wie man hier in Israel ständig sagt. Manchmal gibt es einfach keine Limonade. Aber ich glaube, dass es eine gute Gelegenheit ist, Dinge anders zu denken. Anders zu machen." So ist es.

Quelle: ntv.de