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Traumpaar Hustvedt & Auster"Wer lange genug lebt, wird irgendwann trauern müssen"

19.04.2026, 12:27 Uhr Moi-3Von Samira Lazarovic
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Siri Hustvedt beim Paul-Auster-Tribut in Madrid im Oktober 2024. (Foto: www.imago-images.de, IMAGO/ABACAPRESS, IMAGO/ABACA)

Siri Hustvedt hat ein Buch über ihren an Krebs verstorbenen Mann, Paul Auster, geschrieben. "Ghost Stories" ist ein letzter Dialog dieses berühmten Schriftstellerpaars. In diesem Memoir können sich auch andere Trauernde oder Pflegende wiederfinden.

"Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot." In zwei schlichten Sätzen fasst Siri Hustvedt ihr ganzes Drama zusammen. Sie habe diese ersten Worte, die sie für das Buch aufschrieb, nie geändert, verrät die Autorin auf der Lesereise zu ihren jetzt erschienenen "Ghost Stories". Einer lebt, einer nicht mehr, darum ging es ihr in ihrem Memoir für ihren Mann. Auf den Buchseiten entstand so ein letzter Dialog mit ihm. Denn wie so viele Trauernde vermisst sie nicht nur den Mann, sie vermisst Paul und Siri, die Gemeinschaft, die sie beide gebildet haben.

"Als Menschen können wir uns nur einer Sache gewiss sein, und das ist der Wandel. Wir sind keine statischen Wesen, alles verändert sich", sagt Hustvedt und tut, was Schriftsteller so tun - sie beobachtet den Wandel und schreibt darüber. Wie sie ihren geliebten Mann bei seiner schweren Erkrankung unterstützt, ihn in seinen letzten Tagen begleitet. Schließlich darüber, wie das Leben weitergeht für sie, die Witwe. Sie sucht, wie ihr ganzes Leben lang, Antworten bei den großen Denkern und Wissenschaftlern. Sie versucht, sich die Phänomene, die auch andere Trauernde beschreiben und kennen, wissenschaftlich zu erklären. Am Ende bleibt jedoch auch ihr, der Intellektuellen, die Erkenntnis: Man kann kaum verstehen, wie die eigenen Liebsten auch nach dem Tod so präsent sein können. "Selbstreflexion hat auch viel Raum für Humor, manchmal kann Trauern albern sein, und das ist auch ok", amüsiert sie, die Wissenschaft über alles hochhält, sich selbst darüber, wie oft Paul ihr "erscheint": als Präsenz oder einfach als Zigarrillogeruch im Haus. Sie staunt, wie dankbar und froh sie das macht.

Erleben, was alle erleben

Wer selbst einen wichtigen Menschen begleitet hat, der wird die "Ghost Stories", wie Hustvedt ihre Anekdoten und Berichte nennt, unwillkürlich mit dem eigenen Erleben vergleichen. Hustvedt fängt ihr Buch damit an, wie sie alle Spuren der medizinischen Betreuung ihres Mannes im eigenen Haus beseitigt, Medikamente und Spritzen entsorgt. Das Arbeitszimmer aufräumt. Ein Moment, der vermutlich bei vielen Lesern Erinnerungen auslösen wird. Ich selbst habe die Sachen meines Vaters nicht weggeräumt. Aber ich erinnere mich, wie ich nach jeder auf der Palliativstation verbrachten Nacht seinen Platz im Wohnzimmer etwas verändert fand. Erst war alles aufgeräumt, frisch geputzt, der Sessel wartete auf die Rückkehr seines Besitzers. Dann wurden die täglichen Tabletten mit einer weißen Leinenserviette abgedeckt, irgendwann die kleine Kiste auf der Anrichte höher gestellt. Schließlich im Schrank verstaut, aus dem Blickfeld. Meine Mutter räumte jeden Tag um und saß zwischendurch erstmals selbst im Sessel ihres Mannes. Schaute aus dem großen Wohnzimmerfenster in die Baumkrone der Linde vor dem Haus. Bereitete sich vor. Meine Mutter wird die "Ghost Stories" anders lesen als ich.

"Wer lange genug lebt, wird irgendwann trauern müssen, das ist keine besondere oder esoterische Erfahrung", stellt Hustvedt auf ihrer Lesereise vor gefüllten Sälen fest und erntet breite Zustimmung. "Wir scheuen das Thema Tod. Wir sprechen es nicht mal richtig aus, reden in Euphemismen. 'He passed', sagt man auf Englisch und meint damit doch: Er ist tot." Für sie war das Aufschreiben genau dieser Worte therapeutisch, hat ihre Gedanken sortiert, eine Distanz geschaffen.

Von der Seele geschrieben

"Kognitive Splitterung" nennt Hustvedt ihren Geisteszustand als Witwe. Verwirrung und Ungleichgewicht aus Trauer. Und so sind auch die Gedanken und Absätze in "Ghost Stories" zunächst zersplittert. Da sind die Reflexionen über Krebs als Krankheit, alte Familiengeschichten, Siris "Bulletins aus Krebsland" in denen sie Freunde und Familie regelmäßig über den Gesundheitszustand ihres Mannes informierte. Dazu Tagebucheinträge von besonders einschneidenden Erlebnissen, sowie nicht zuletzt die Briefe, die Paul Auster an seinen Enkel Miles schrieb, in der Hoffnung, diese mögen sich noch zu einem letzten Buch summieren. All das reiht sich fast formlos aneinander. Zwischendurch kommt da beim Lesen der Gedanke auf, dieses ganze Buch sei nur aus dem Wunsch entstanden, einen Rahmen zu schaffen für die knapp über 30 Seiten, die Auster nur noch schreiben konnte. Nicht zuletzt spricht Hustvedt erstmals die schrecklichen Dinge an, die in der Familie Auster passiert sind und auf die sie das Leid ihres Mannes ursächlich zurückführt: Der durch Fahrlässigkeit seines Sohnes Daniel verursachte Tod seiner Enkelin Ruby sowie die darauffolgende Überdosis des Kindsvaters.

Manchmal kommt man dem Familienleben Auster-Hustvedt da vielleicht auch zu nahe. Hätte man die "Briefe an Miles" nicht für seinen Adressaten bewahren sollen? Wäre es Auster recht, dass wir Details seines Leids erfahren, die Schmerzen und die Bewusstseinstrübungen? Antworten liefert der ebenfalls im April im Kino angelaufene Dokumentarfilm "Siri Hustvedt - Dance Around the Self". Über vier Jahre hinweg hat die Regisseurin Sabine Lidl dafür Hustvedt in Norwegen, Minnesota und New York getroffen. In diese Zeit fallen auch die Erkrankung und der Tod Austers. Und so erfährt man dort, dass das Paar gemeinsam beschlossen hatte, die Krankheit nicht zu verheimlichen, denn wie solle man eine so universelle Erfahrung allein bewältigen? Wenn man dann sieht, wie Großvater Paul seine ersten Briefe dem fröhlich gurgelnden Baby Miles vorliest, dann kann man sich vorstellen, dass so ein Enkel später vielleicht doch glücklich über dieses Zeitzeugnis ist. Perfekt vermarktet, ja, auch das, aber wohl richtig für diese spezielle Familie. Wie Zsusza Bánk in ihrem Memoir "Sterben im Sommer" über ihren Vater feststellt: "Wer bleibt, bestimmt."

Kein reines Fanbuch

Fans von Hustvedt, Auster oder der gemeinsamen Tochter, Sängerin Sophie Auster, werden sich in diesem Universum gut zurechtfinden. Das in der Dokumentation vorteilhaft gefilmte Brooklyner Brownstone-Haus der Familie wiedererkennen, als wären sie dort schon oft zu Besuch gewesen. Inklusive der Bibliothek und den auch in den "Ghost Stories" immer wieder erwähnten grünen Sesseln, in denen Siri und Paul bevorzugt saßen, wenn sie sich ihre Texte vorgelesen haben. Die "Ghost Stories" reihen sich wiederum nicht nur nahtlos ein in all die Romane, Sachbücher, Filme und Musik, die von Siri, Paul und nun auch Sophie über die Jahre erschaffen wurden, sondern verweisen auch immer wieder auf das eine oder andere Buch oder Lied aus diesem Kosmos.

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Wer (bisher) kein expliziter Auster-Hustvedt-Fan war, kann sich in diesen wechselnden Gedanken nach Krankheit und Tod einer nahestehenden Person wiederfinden und mitdiskutieren. Die Diagnosen und die Nebenwirkungen der aktuellen Krebstherapien kennen oder kennenlernen. Oder man ist beides, Fan und Mitfühlender, dann lesen sich die "Ghost Stories", als würde man sich mit einer vertrauten Person austauschen. In meinem Bücherregal werden die "Ghost Stories" einen Platz finden zwischen den Büchern von Paul Auster und Siri Hustvedt und den Büchern von Zsuzsa Bánk ("Sterben im Sommer"), Joan Didion ("Das Jahr des magischen Denkens", "Blaue Stunden") und Sloane Crosley ("Grief is for People"), die mich im vergangenen Jahr begleitet haben.

"Paul Auster war der Mann von Siri Hustvedt"

Das Buch ist aber auch in einem anderen Sinn eine Brücke zu neuen Themen: Auch in "Ghost Stories" kommt zur Sprache, dass Hustvedt immer wieder abgesprochen wurde, eine ebenso große Schriftstellerin zu sein wie ihr Mann. Dass sie vielleicht sogar die, wie Auster selbst immer betonte, wahre Intellektuelle der Familie ist. Eine Aussage, die ihr seit Jahren stetig wachsender Fanclub schon seit Langem unterschreibt. Denn Hustvedt hat viele Themen unserer Zeit schon vor und seit Jahrzehnten durchdacht: Über die Scham, die nach sexuellen Nötigungen die Seiten wechseln muss, schrieb sie bereits in den 1980ern einen Roman. Als die damalige Kanzlerin Angela Merkel einen Zitteranfall erlitt, war es Hustvedt, die als Expertin zitiert wurde, hatte sie doch schon über ähnliche neurologische Ausfälle Essays verfasst. Und nicht zuletzt erhebt auch sie im neuen Trump-Amerika immer wieder ihre Stimme der Vernunft.

Dass Auster in seinem letzten veröffentlichten Roman "Baumgartner", der Geschichte eines verzweifelten Witwers, quasi das neue Leben seiner Witwe vorweggenommen hat, empört einige Fans daher regelrecht: Hat hier ein Ehemann seiner Ehefrau in Buchform vorgeschrieben, wie die Trauer um ihn auszusehen hat? Diese Sorge muss man sich wohl nicht machen. Hier hatten sich zwei gefunden, waren nach eigenen Aussagen über 40 Jahre wild verliebt ineinander und erzählten das liebend gerne. Egal, ob in Interviews, Doku-Filmen oder in ihren jeweiligen Romanen.

Wenn große Persönlichkeiten gehen müssen, schafft das aber auch mehr Raum für die, die bleiben. Egal, wie groß die Trauer ist. Die Lesereise und Doku über sie zeigen, dass Hustvedt bereit ist, diesen Raum einzunehmen. In einer der letzten Szenen der Kino-Doku besuchen Freundinnen, offenbar selbst Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, Siri, um gemeinsam zu denken, zu diskutieren und zu lachen. Oder wie Hustvedt sagt: "Frauen, die so lange laut sind, bis sie wieder mundtot gemacht werden und dann fangen sie von vorne an."

Quelle: ntv.de

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