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Krieg, Kanzler und Kompromiss Wie die Schmidts zum Jahrhundertpaar wurden

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Am Brahmsee in Schleswig-Holstein finden die Schmidts ein privates Refugium.

(Foto: picture alliance / dpa)

Loki und Helmut Schmidt kennen sich am Ende ihrer langen Leben mehr als 80 Jahre. Beinahe 70 davon sind sie miteinander verheiratet. Was hielt dieses Paar zusammen, durch welche Täler ging es gemeinsam?

Als Helmut Schmidts Frau Loki im Oktober 2010 stirbt, bricht für den Altkanzler eine Welt zusammen. Bei der Trauerfeier im Hamburger Michel wenige Tage später wird Helmut Schmidt von Weinen geschüttelt. Er hat nicht nur seine Ehefrau verloren, sondern auch die Person, die ihn wohl die längste Zeit seines Lebens begleitet hatte.

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Die Schmidts. Ein Jahrhundertpaar
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Auf diese lange Ehe, Liebes- und Arbeitsbeziehung schaut Reiner Lehberger in seinem Buch "Die Schmidts - Ein Jahrhundertpaar" zurück. Der Autor hatte zuvor bereits eine Biografie und einen Gesprächsband mit Loki Schmidt veröffentlicht. Ihn verband eine Freundschaft mit der naturschutzbegeisterten Lehrerin und Kanzlergattin. Nun wendet er sich also dem Paar Helmut und Hannelore Schmidt zu, das weite Teile seines Lebens unter öffentlicher Aufmerksamkeit verbracht hat.

Helmut Schmidt und Hannelore "Loki" Glaser lernen sich bereits in der Grundschule kennen, gemeinsam werden sie als Zehnjährige 1929 in die Lichtwark-Schule in Hamburg-Winterhude eingeschult. Loki stammt aus einer Arbeiterfamilie, in der man sich ausdrücklich um intellektuelle und kulturelle Bildung bemüht, und aus deutlich ärmeren Verhältnissen als ihr Klassenkamerad. Helmut wächst in einem Lehrerhaushalt auf, in den er, unehelich geboren, gegeben worden war.

Dennoch ist Helmut nicht Lokis erste Wahl, auch wenn es bereits in der Schulzeit zu einer Annäherung kommt. Helmut Schmidt bemüht sich lange, scheint aber gegen einen Nebenbuhler den Kürzeren zu ziehen. Erst als diese Verbindung scheitert, wendet sich Loki entschlossen Helmut zu, der inzwischen als junger Leutnant in Berlin ist.

Harte Kriegsjahre

Das Paar heiratet 1942, Loki Schmidt ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausgebildete Lehrerin und verdient Geld. Und es ist Krieg, in dem Helmut Schmidt als Offizier unter anderem in Russland mitkämpft. Die beiden sind alles andere als überzeugte Nationalsozialisten, allerdings verschließen sie sich dem nationalsozialistischen System nicht völlig und müssen nach dem Ende des Krieges die Entnazifzierungsprozesse durchlaufen.

Sie selbst stehen am Kriegsende buchstäblich vor dem Nichts, ihr 1944 geborener Sohn Helmut Walter überlebt den ersten Winter nicht, sie sind ausgebombt und haben keinerlei finanzielle Reserven mehr. Helmut Schmidt kehrt im August 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, nach acht Jahren als Soldat hat er keinen Beruf. Er beginnt schließlich ein Studium, während Loki weiterhin für das Familieneinkommen sorgt. 1947 wird Tochter Susanne geboren.

Es sind vor allem diese frühen Jahre, in denen das Ehepaar Schmidt die Freundschaften schließt und den Zusammenhalt entwickelt, die es später durch Helmut Schmidts Politikerjahre tragen. Lange sind beide berufstätig, Loki als Lehrerin, Helmut als Senator und Bundestagsabgeordneter. Die Fernbeziehung ist der Normalzustand. Erst als Helmut Schmidt Verteidigungsminister wird, lässt sich Loki als Lehrerin beurlauben und folgt ihm nach Bonn. Da ist die Tochter bereits erwachsen, auch um die Pflege der Eltern hatte sich Loki Schmidt in Hamburg gekümmert.

Entscheidung beieinander zu bleiben

Lehberger spricht deutlich aus, dass Loki Schmidt nicht zuletzt deshalb zu ihrem Mann zieht, weil der eine Affäre hat und die Ehe auf der Kippe steht. Schmidt selbst dürfte das nicht so gesehen haben, für ihn steht die Verbindung zu Loki niemals infrage. Und es hat auch nicht nur einen außerehelichen Ausflug gegeben. Trotzdem hat die Ehe Bestand. Mehr noch, Loki Schmidt bringt sich als Politikergattin unterstützend ein und baut sich parallel dazu noch ein neues Leben als Umweltschützerin auf.

Aus heutiger Sicht hat dieses Beieinanderbleiben durchaus einen etwas faden Beigeschmack. Die selbstbewusste und starke Loki Schmidt, die sich dann doch gleichermaßen in Geschlechterstereotypen und in die Staatsräson fügt. Doch Lehberger gelingt es, diese Entscheidung als Ergebnis eines lebenslangen Abgleichs der verschiedenen Bedürfnisse zu zeichnen, von dem am Ende beide Partner profitierten.

Im Alter wirkten die Schmidts unzertrennlich und in nahezu vollendetem Einklang. Schachspielend oder ins Gespräch vertieft, waren sie sich auch nach all den Jahren nicht verloren gegangen. Vielleicht machte sie das am Ende zu einem Jahrhundertpaar.

Quelle: n-tv.de

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