Kino

"50/50 - Freunde fürs (Über)leben" Den Tumor mit Humor genommen

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"Was rasierst du damit sonst so?" "Meine Haare." "Und wo?" Gordon-Levitt und Rogan als Adam und Kyle.

(Foto: dapd)

Adam und Rachael laden die Eltern zum Essen ein, weil sie ihnen etwas mitteilen möchten. Natürlich denkt Mutti nun, dass die lieben Kinder endlich heiraten werden oder Nachwuchs ansteht. Mitnichten - was diese beiden mitzuteilen haben, ist grausam. Adam hat Krebs. Und was jetzt folgt, ist eine Komödie darüber. Klingt komisch, funktioniert aber.

Die Spannung am Tisch ist zum Schneiden. Adam (Joseph Gordon-Levitt) möchte endlich sagen, was los ist, Rachael stochert in ihrem Salat herum, der Vater hat Alzheimer und der Mutter wird langsam klar, dass es hier nicht um die Ankündigung eines freudigen Ereignisses geht. Ihr Sohn möchte ihr mitteilen, dass er Krebs hat, kriegt es aber nur schwer über die Lippen: "Mama, du kennst doch 'Zeit der Zärtlichkeit', oder?" fängt er an, und der leere Blick seiner Mutter spricht Bände. Was soll nun kommen? Rachael (Bryce Dallas Howard), die Freundin, die versprochen hat, Adam auch in den schlechten Zeiten zur Seite zu stehen, faucht ihn an: "Jetzt sag' es ihr endlich!" Und schließlich tut er es.

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"Fifty-fifty? Im Casino wär' das 'ne super Chance!"

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie die Nachricht bei seiner Mutter (Anjelica Huston) ankommt, ist eine großartige schauspielerische Leistung. Sie steht auf, geht in die Küche, um grünen Tee zu machen, denn "der verringert um 15 Prozent das Risiko, an Krebs zu erkranken". Als Adam dann sagt, dass das jetzt keinen Sinn mehr habe, denn er habe ja bereits Krebs, fällt sie in seine Arme und es kommt, wie es kommen muss: Der Kranke muss seine Umwelt trösten, weil diese nicht mit der Nachricht umgehen kann. Und auch er selbst hatte mit allem, nur nicht mit der Diagnose "Krebs" gerechnet: "Das muss ein Irrtum sein. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich trenn' den Müll ...".

Und doch ist es wahr. Dies ist die wahre Geschichte von Will Reiser, der als junger Mann, der eigentlich alles richtig macht im Leben, an Krebs erkrankt. Reiser, Comedy-Autor und damals Anfang 20, arbeitete für die "Ali G Show", als ein Tumor an seiner Wirbelsäule diagnostiziert wurde. Seine befreundeten Arbeitskollegen Seth Rogen und Evan Goldberg sorgten sich zwar um ihn, spornten ihn aber auch an, alle skurrilen oder bewegenden Ereignisse aufzuschreiben, um später einen Film aus seinen Erfahrungen machen zu können. Anscheinend gingen sie von einer Heilung des Kollegen fest aus - oder taten zumindest so.  

Und wenn er nicht gestorben ist, dann ...

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Frauen anbaggern mit Krebs - kein Problem für Kyle ...

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Reiser schrieb das Drehbuch und produzierte seine Geschichte nun genau so, wie es ihm passte. An dem Tag, als die Szene beim Essen mit den Eltern gedreht wurde, besuchten ihn seine Eltern am Set: " Meine Mutter fing an zu weinen. Diese Szene war so mitreißend und rührend. Ich meine, ich habe das Buch geschrieben, ich habe das alles erlebt, aber zu sehen, wie meine Mutter sich mit der Filmmutter identifiziert hat, das ist nicht zu toppen." Und das mag das Geheimnis des Films sein: die Authentizität und der trockene Witz, mit dem Reiser seine Geschichte ins Kino bringt. 

Sicher, es ist schrecklich, ein krankes Kind zu haben, und es ist auch nicht gerecht, wenn der soeben noch schöne, vitale und erfolgreiche Freund eventuell dem Tod geweiht ist, aber es ist noch ungerechter, sich permanent danebenzubenehmen durch falsche Rücksicht oder Pharisäertum. Der einzige, der es auf eine gewisse Art und Weise richtig macht, ist Adams Kumpel Kyle (Seth Rogan), der so geradeaus ist, dass es schon weh tut.

Du siehst scheiße aus!

Er will, dass Adam sein Leben genießt, trotz Krebs. Oder gerade wegen Krebs? Er ermutigt ihn sogar, seine Krankheit als Mittel zu benutzen, um Frauen anzubaggern. Als Adam sagt, dass er das auf keinen Fall machen wird, ergreift Kyle die Gelegenheit und benutzt einfach die Krankheit seines Freundes, um sich bei der Damenwelt als mitfühlender, sorgender und aufopfernder Freund zu präsentieren. Es funktioniert. Es funktioniert aber vor allem deswegen, weil er hinter seiner rauen Schale, seinen Sprüchen ("Fifty-fifty? Nicht schlecht, Alter, im Casino wäre das 'ne super Gewinnchance!") und seiner unbeholfenen, manchmal gar tumb wirkenden Art der einzige ist, der Adam auch in den schwersten Momenten zu Seite steht und ihm mit blöden Sprüchen und Aktionen Mut macht und Normalität vermittelt.

Denn wie der Filmtitel schon sagt: Die Chancen stehen 50/50. Adam kann genauso gut leben wie sterben. Für den ersten und besseren Fall ist es dann eine gute Erinnerung, wenn die Zeit der Erkrankung mit all ihren schweren Momenten auch bedeutet, dass man mal gelacht hat. Für den Fall, dass Adam stirbt, hat er wenigstens noch ein paar witzige, intensive oder unvergessliche Momente gehabt. Wie man es auch sieht, die Herangehensweise des ungehobelten, aber besten Freundes ist hitverdächtig. Als Adam vor dem Badezimmerspiegel steht, um sich schon vor seiner Chemo-Therapie eine Glatze zu rasieren hilft Ehrlichkeit am meisten: "Du siehst scheiße aus!" Beide lachen.

Bitte nicht anfassen!

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Berührung schafft Nähe ...

(Foto: dapd)

Um sich an seine Krankheit zu "gewöhnen" beziehungsweise besser damit klarzukommen, unterzieht Adam sich einer Therapie. Auf keinen Fall möchte er, dass seine Mama, die sich auch noch um den kranken Vater kümmert, bei ihm einzieht, um ihn zu bemuttern. Dass dies nur ihre hilfslose Art ist, sich ihrem Sohn zu nähern, versteht er erst mit Hilfe der sehr jungen, noch sehr unbeholfen wirkenden Therapeutin Katherine, die, um "ein Gefühl der Nähe" zu schaffen, zum Beispiel ständig ihre Hand auf seinen Arm legt. Als er sie darauf hinweist, dass er das albern findet, lässt sie es so lange, bis der Kranke sich nach dieser Geste zurücksehnt.

Überhaupt scheint sie die einzige zu sein, die zu ihm durchdringen kann. Sie ist offensichtlich nervöser als ihr Patient - aber er ist ja auch erst ihr dritter Fall. Großartig ist Anna Kendrick (Oscar-nominiert für "Up In The Air") in dieser Rolle: Sollte man einmal eine Therapeutin brauchen, dann bitte eine wie sie. Sie wirkt glaubwürdig und klug, charmant und herzig und ist so naiv-tollpatschig, dass man ab und zu unfreiwillig über sie lachen muss, das aber nie böse. Die Produzenten - unter ihnen Seth Rogan - haben sie für diese Rolle ausgesucht, weil sie zu ihr tatsächlich keine Alternative sahen: "Das kommt nicht oft vor. Aber manchmal erwähnst du einfach einen Namen und sofort denkt jeder: Genau! Perfekt!"

Deine Zellen mutieren

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Willkommen im Club Krebs ...

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die andere weibliche Hauptrolle - Adams Freundin Rachael - ist mit Bryce Dallas Howard ebenfalls spannend besetzt, denn sie spielt die unsympathische, unzuverlässige, ängstliche und letztendlich untreue Freundin des Kranken. Und dass die legendäre Anjelica Huston am Set der jungen Filmemacher war und tatsächlich die Rolle von Adams Mutter übernahm, versetzt die Jungs in Stolz: "Sie gehört zu den Leuten, die alle anderen allein durch ihre bloße Anwesenheit sofort besser dastehen lassen. Und lustig ist sie auch noch." Huston findet, dass "50/50" tief bewegend und witzig zugleich ist: "Die Idee, eine Komödie über Krebs zu machen, ist sicher gewagt. Aber Will (Reiser, Drehbuch und Produzent, Anm. d. Red.) schöpft aus eigenen Erfahrungen. Er kennt die verrückten und komischen Situationen, die eine so ernste Krankheit mit sich bringen können."

"Wenn man erzählt, dass man Krebs hat, ist das, als würde man in einen Club aufgenommen", so Reiser. "Plötzlich begreifst du, dass wir durch ein enges Netzwerk verbunden sind. Das ist vielleicht das einzig Gute an Krebs: Alle machen dasselbe durch. Du fühlst dich isoliert, von deinem Körper im Stich gelassen und weißt nicht, wie du mit den Menschen um dich herum umgehen sollst. Aber ständig kommen Leute mit neuen Wundermethoden auf einen zu und sagen: 'Weißt du, ich kenne da diesen Typen ...' Ich war ein Spektakel, ein Freak." Und sowohl er als auch sein Darsteller, Joseph Gordon-Levitt, haben das Beste aus allem gemacht.

Denn das ist ein echter Glücksfall an dem Film, der sicher seine pathetischen Momente hat - aber wie sollte man die bei dem Thema auch ausblenden? - Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt. Wie er die Diagnose aufnimmt - das könnte ich sein, denkt man sich. Wie er die Party seiner Kollegen erträgt, bei der sie sich quasi bereits von ihm verabschieden und sich selbst dabei am meisten bedauern, nämlich als Menschen, die jemanden kennen, der Krebs hat und der daran vielleicht verrecken könnte, wie er seine Freundin schließlich rausschmeißt und mit wie viel Humor, aber auch Sarkasmus er den Krebs nimmt - das ist großartig.

Reiser hofft, dass der Film die Probleme von Krebspatienten auf den Punkt bringt: "Krebs zu haben bedeutet, dass deine Zellen mutieren. Es gibt nichts Persönlicheres, als dass dein Körper sich selbst attackiert."

Gordon-Levitt, den wir zuletzt in "Inception" und "(500) Days of Summer" gesehen haben, wurde in seiner Rolle als Adam für die Golden Globes nominiert und der ganze Film in der Kategorie Komödie/ Musical.

Also - keine Berührungsängste bitte und ab ins Kino! Der Film läuft ab sofort in deutschen Lichtspielhäusern.

Quelle: ntv.de

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