Kino

Antonio Banderas wird ernst "Die ganze Menschheit leidet"

Er war Zorro und der gestiefelte Kater, aber Antonio Banderas ist immer auch Nischen-Star geblieben. Lange bevor Pedro Almodóvar zum international gefeierten Regisseur avancierte, nahm er Banderas auf in seine Gruppe Sonderlinge, mit der er einst das spanische Kino aufmischte. Heute sind beide Megastars. Ihr neuer Film "Leid und Herrlichkeit" ist ihr wohl bislang größter gegenseitiger Vertrauensbeweis. Almodóvar lässt Banderas in seiner autofiktionalen Erzählung sein ganz privates Leid verhandeln. Banderas zeigt sich dabei verletzlich wie nie. n-tv.de erzählt der Schauspieler von der Depression seines Freundes und Mentoren, vom kreativen Potenzial der Schmerzen und seiner bedingungslosen Liebe zur Kunst.

n-tv.de: Früh im Film sieht man Ihren nackten Rücken, den eine riesige Narbe ziert. Die ist nicht echt und später auch nicht nochmal zu sehen. Wieso wird Sie trotzdem gezeigt?

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In Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" spielt Antonio Banderas die Hauptrolle.

(Foto: Studiocanal/ El Deseo/ Nico Bustos)

Antonio Banderas: Sie steht für den physischen Schmerz. Für Pedro Almodóvar ist das der Ausgangspunkt für seelischen Schmerz. Physischer Schmerz hat ihn lange davon abgehalten, Zeit mit Freunden zu verbringen. Er hat ihn wortwörtlich isoliert. Ich habe mitbekommen: Almodóvar war lichtempfindlich. Er konnte nicht an hellen Orten sein und musste immer eine spezielle Brille tragen. Ohne die hat er Migräne bekommen, die konnte bis zu eine Woche lang dauern. Außerdem hatte er Rückenschmerzen und konnte sich nicht bewegen. Viele verschiedene Faktoren haben aus ihm einen sehr depressiven Menschen gemacht.

Der Umgang mit Schmerz ist ein wesentlicher Teil der Geschichte des Films. Leiden Künstler anders?

Ich glaube, ja. Vielleicht ist es komisch, das so zu sagen, aber Leid und Aufopferung sind gut für die Kunst. Daraus entstehen gute Dinge. Über Schmerz zu reflektieren, berührt die Menschen. Wir leiden schließlich alle. Die ganze Menschheit leidet.

Im Film zeigen Sie sich von Ihrer verletzlichen Seite, vielleicht verletzlicher, als das Publikum das von Ihnen gewöhnt ist. Wie war es für Sie, sich das erste Mal so auf der Leinwand zu sehen?

Ich weiß nicht. Für mich ist das alles ein Mysterium. Ich verstehe auch nicht, warum manche Filme floppen und andere nicht. Mir fehlt die Objektivität, meine Filme zu analysieren. Ich kann sie besser verstehen, wenn etwas Zeit vergangen ist - und damit meine ich viele Jahre! Manchmal zappe ich durchs Fernsehprogramm und entdecke einen Film, den ich vor 25 Jahren gemacht habe. Dann schaue ich mir nicht den Film an. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich eine bestimmte Szene gedreht habe, an ein Problem, das ich mit einem anderen Schauspieler hatte oder dass ich abends mit einer bestimmten Person essen gegangen bin. So ein Film ist wie ein Tagebuch für mich! Mir fällt es sehr schwer, die Dinge auszuschalten, die ich damit verbinde.

Sie haben Ihre gesamte Karriere über mit Almodóvar gearbeitet. Wie haben Sie damals eine Verbindung zueinander aufgebaut und wie hat die sich über die Jahre hinweg entwickelt?

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Banderas spielt einen alternden Filmemacher, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde er für die Rolle als bester Darsteller ausgezeichnet.

(Foto: Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón)

Uns hat immer die Schauspielerei verbunden. Als ich Almodóvar kennengelernt habe, hat er mit einer Gruppe echt verrückter Leute zusammengearbeitet - Leute aus dem Bereich des Rock'n'Roll, der Mode, der Fotografie. Laiendarsteller. Das waren nicht mal Schauspieler! Ich kam vom Nationaltheater in Madrid. Da hat er mich das erste Mal gesehen. Unsere Beziehung war nicht sofort freundschaftlich. Er hat mich in Filmen eingesetzt. Wir hatten ein sehr formelles Verhältnis zueinander, es war nicht besonders intim. Nachdem ich meinen dritten Film mit ihm gedreht hatte, hat sich langsam eine tiefere Beziehung entwickelt.

Was war ausschlaggebend?

Er hat gemerkt, dass mich seine Kunst wahnsinnig interessiert, die Art, wie er eine Geschichte erzählt und wie er Regeln bricht - nicht nur die der Filmkunst, sondern auch die der spanischen Gesellschaft in Hinblick auf deren Moralvorstellungen. Almodóvar hat sich mit Themen befasst, die mich interessiert haben. Das hat er gemerkt, und daraus hat sich ein Dialog entwickelt, der uns aneinandergebunden hat.

In "Leid und Herrlichkeit" sagt Ihre Figur Salvador: "Ohne Film ist das Leben bedeutungslos." Würden Sie dem zustimmen?

Nicht nur ohne Film, sondern ohne Kunst! Ich sage das nicht nur, weil ich Künstler bin. Ohne Kunst wäre das Leben auch bedeutungslos, wenn ich kein Künstler wäre, sondern nur Zuschauer. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, Filme zu schauen oder ein Theaterstück zu sehen oder Musik zu hören … Ohne Kunst wäre das Leben sehr roh und sehr uninteressant.

Mit Antonio Banderas sprach Anna Meinecke

"Leid und Herrlichkeit" startet am 25. Juli in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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