"Father Mother Sister Brother"Jim Jarmuschs zärtlich-skurrile Abrechnung mit der Familie
Von Nicole Ankelmann
In "Father Mother Sister Brother" erzählt Jim Jarmusch unterschiedliche Familienzusammenkünfte, die sich in ihrer Banalität und ihrer Unbeholfenheit ähnlich sind. Unklar bleibt, wie viele seiner eigenen Erfahrungen der Filmemacher einfließen ließ.
Beinahe sieben Jahre liegt es zurück, dass mit "The Dead Don't Die" Jim Jarmuschs vorerst letzter Film in die Kinos kam. Eine Zombiegeschichte nach Jarmusch-Art mit Adam Driver in der Hauptrolle. Mit ihm gibt es in "Father Mother Sister Brother" nun ein Wiedersehen - und das ohne echte Zombies, dafür mit Protagonistinnen und Protagonisten, deren Gefühle ihren Familienmitgliedern gegenüber ähnlich verkümmert sind wie die jener Untoten.
In drei Episoden erzählt der inzwischen 73-jährige Jarmusch vom schwierigen Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und deren Eltern und wirft einen mal zärtlichen, mal ironischen Blick auf unterschiedliche Konstellationen. Dafür braucht es in seiner Welt recht wenig. Es reichen eine Wohnstube und zwei bis drei Verwandte, um das tragisch-komische Wesen der jeweiligen Familiendynamiken abzubilden.
Vater, Mutter und Kinder ohne Eltern
Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) sind gemeinsam auf dem Weg zu ihrem nur selten besuchten Vater, der fernab der Zivilisation lebt und von dem sie nur sehr wenig wissen. Auch die Geschwister haben sich über die Jahre entfremdet. Das bekommt der Zuschauer schon bei der längeren Autofahrt zum Haus ihres Erzeugers zu spüren. Kaum sind sie bei ihrem alten Herrn (Tom Waits) angekommen, wird es noch krampfiger. Das Bild, das der zauselige Mann abgibt, könnte nicht trostloser sein. Scheinbar mittellos fristet er in der Einsamkeit sein Single-Dasein und lässt sich immer mal wieder von seinen Kindern finanziell unter die Arme greifen. Ein richtiges Gespräch kommt mit ihnen nun aber kaum zustande, was der zerstreuten Art des augenscheinlich hilflosen Vaters und der Unbeholfenheit seiner Kinder geschuldet ist. Die wenigen Dialoge sind trocken, die Pointen sitzen. Unangenehmes Schweigen wird beispielsweise mit inhaltsleerem Geplauder über einen umso praller gefüllten Präsentkorb übertönt.
Ähnlich sprachlos ist auch das Verhältnis zwischen der Mutter (Charlotte Rampling) und ihren beiden sehr unterschiedlich geratenen Töchtern Lilith (Vicky Krieps) und Timothea (Cate Blanchett). Die eine der am Leben gescheiterte Wildfang der Familie, die andere das verspießte Mauerblümchen. Alle drei leben in Dublin, der gemeinsame Besuch bei der Mutter findet dennoch nur einmal im Jahr statt. Dann werden Kaffee, Kuchen und Oberflächlichkeiten aufgetischt und zwischen feinstem Gebäck und einem überdimensionierten Blumenstrauß Spitzfindigkeiten und Lebenslügen präsentiert. Vor allem Lilith gibt sich Mühe, den anderen vorzugaukeln, sie führe ein geregeltes Dasein. Alles in allem überwiegen auch in dieser Konstellation die komischen Momente, die sich ebenfalls aus der Unbeholfenheit der Protagonistinnen miteinander und der fehlenden Empathie untereinander ergeben.
Der Witz liegt in der Banalität
Teil drei des filmischen Triptychons ist "Sister Brother", und hier ändert sich die Herangehensweise an das Thema Familie noch einmal. Im Mittelpunkt stehen die Zwillingsgeschwister Skye (Indya Moore) und Billy (Luke Sabbat), deren Eltern erst kürzlich auf tragische Weise und viel zu früh ums Leben gekommen sind. Noch einmal kehren die Zwillinge zurück an jenen Ort in Paris, an dem sie als Familie glücklich waren. In der fast leergeräumten Wohnung die letzten Habseligkeiten der Verstorbenen in Form alter Fotos durchstöbernd, tauschen sie Erinnerungen aus und sinnieren über das Leben und ihre Eltern. Während die Bande der Familienmitglieder in den ersten beiden Episoden nicht fragiler hätte sein können, passt zwischen Skye und Billy kein Blatt, was den Film überraschend ironiefrei, emotional und versöhnlich enden lässt.
"Father Mother Sister Brother" ist sicherlich kein sonderlich aufregender Film, aber schauspielerisch ist er herausragend. Ein Kammerspiel in drei Teilen, das von der Banalität der Ereignisse und Dialoge sowie dem darin liegenden lakonischen Witz lebt, wenngleich wir nie erfahren werden, warum die Figuren sich so verhalten, wie sie es tun. Das muss man aushalten können. Jim Jarmusch selbst hat sein Werk als einen "Anti-Actionfilm" bezeichnet, in dem sich vermutlich jeder in der einen oder anderen Situation wiederfinden kann. Familie kann man sich halt nicht aussuchen.
"Father Mother Sister Brother" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.