Kino

Wenn Alexander Fehling denkt "Gut gegen Nordwind" gut gegen Herbstwind

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Emmi hat sich in ihn verliebt, obwohl sie seine blauen Augen noch gar nicht gesehen hatte.

(Foto: Marla Respondek)

Ein verdrehter Buchstabe lässt eine E-Mail von Emma Rothner (Nora Tschirner) versehentlich bei Leo Leike (Alexander Fehling) landen. Der Linguist antwortet sofort, die beiden beginnen einen schnellen, lustigen und immer intimer werdenden E-Mail-Dialog. Einige Wochen und viele gesendete und empfangene Nachrichten später wird daraus eine virtuelle Freundschaft. Leo und Emma beschließen zunächst, ihre Verbindung rein digital zu belassen - als kleine Flucht vor dem Alltag. Beiden vertrauen sich ihr Innerstes an und kommen sich auf dem schmalen Grat zwischen totaler Fremdheit und unverbindlicher Intimität immer näher. Irgendwann wächst jedoch der Wunsch, sich "richtig" kennenzulernen. Würden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung in der Realität standhalten? Und was, wenn ja? Alexander Fehling erzählt n-tv.de, was ihn vor allem zwischen den Zeilen beschäftigt.

n-tv.de: Sehr emotional, dieser Film. Man schluckt an einigen Stellen ganz schön …

Alexander Fehling: Beim Arbeiten daran merkt man es manchmal gar nicht, wie emotional das am Ende rüberkommt.

Ich gehöre zu den drei Personen, die das Buch "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer damals, 2006, nicht gelesen haben - darüber bin ich jetzt ganz froh, denn so konnte ich den Film ganz unvoreingenommen sehen.

Das ist gut, aber ich denke, dass unsere Drehbuchautoren auch eine Menge dazu beigetragen haben, um das Buch zu einem guten Film zu machen. Im Buch ging es ja nur um E-Mails und jetzt im Film wird das alles visualisiert. Das stelle ich mir nicht so leicht vor. Ich kannte den Roman übrigens gar nicht (lacht), aber als ich dann das Drehbuch bekam, hat mich die Geschichte so sehr berührt. Und als ich dann merkte, ich fange jetzt an, mich dafür zu interessieren, habe ich erst den Roman gelesen. In dem Moment, in dem man dem Drehbuch vertraut, habe ich gesehen, dass auch da die Geschichte ihre perfekte Form hat. Eigentlich hatte diese Geschichte schon ihre perfekte Form gefunden - das Original-Buch. Ein Fehler, der oft gemacht wird, wenn ein Drehbuch aus einem Buch entsteht, ist, dass man alles rüberretten möchte, irgendwie 1:1. Wie eine Parallelgesellschaft, obwohl es sich um ein völlig anderes Medium handelt. Aber ich habe das Gefühl, dass das sehr gut gelungen ist in unserem Fall.

Inwiefern?

Diese Zwischenräume, dieses Schwebende, auch die Frage "Wo führt das hin, selbst, wenn nicht viel passiert?", diese Zartheit, die Intimität - das alles wird in unserem Film gut erreicht, hoffe ich zumindest.

In den letzten 13 Jahren ist ja viel passiert - heute würde man die Person, mit der man da chattet, doch erstmal googeln. Oder auf Facebook suchen. Oder?

Na klar, im Roman werden nur Mails geschrieben, wir haben das im Film in die Gegenwart transportiert. Deswegen gibt es Whatsapp und Sprachnachrichten. Den Mut haben wir gehabt, das ins Jetzt zu transportieren.

Sind wir freier auf unseren virtuellen Inseln und haben wir Angst im realen Leben, wenn wir uns gegenübersitzen und in die Augen schauen?

Ich weiß nicht, aber sicher ist, dass das, was als "soziales Medium" beschrieben wird, unter Umständen gar nicht so sozial ist. Ein Teil vielleicht. Das, was so aussieht, als wäre es eine ständige Verbindung, ist ja oft das Gegenteil von Verbindlichkeit. Ich bin aber auch kein Experte auf dem Gebiet.

Benutzen Sie denn soziale Medien?

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So fern - und doch so nah ...

(Foto: dpa)

Nicht besonders viel, nein. Zur Kommunikation überhaupt nicht. Mails natürlich und SMS und Whatsapp, aber das war's dann auch.

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass Sie eine besondere Nähe zu jemandem aufgebaut haben, den Sie nur über das Telefon oder Mails kennen?

(überlegt) Nee, ist mir tatsächlich noch nie passiert. Schon gar nicht in dieser Ausführlichkeit wie im Film. Aber natürlich kenne ich das und glaube auch sehr daran, dass es Personen gibt, die einen nur mit einem Satz irgendwie treffen können. Oder wenn man ein Buch liest, das einen besonders berührt, dann fragt man sich doch, ob man mit dem Autor oder der Autorin nicht gerne Zeit verbringen möchte - wenn man das Buch gut findet. Das finde ich hochinteressant.

Es gibt ja Bücher, bei denen möchte man, dass sie nicht enden. Weil man sich mit den Figuren quasi angefreundet hat.

Ja, und irgendwann geht es gar nicht mehr um den Plot oder die Geschichte, sondern um die Weltsicht, die Perspektive, die Art der Beschreibung. Manchmal kann ich dann gar nicht mehr so richtig zusammenfassen, worum es tatsächlich ging, weil ich fast mehr mit dem beschäftigt war, was zwischen den Zeilen steht, mit dem, was mich irrational beschäftigt.

Sprache ist so wichtig. In dem Fall ist es nur ein Buchstabe, der den Unterschied macht. Ein Wort ist es manchmal aber auch, was besonders trifft. Zum Beispiel das Wort "robust" - wenn man das zu einer Frau sagt, dann darf man nicht mit all zu viel rechnen …

(lacht) Naja, dann kann man aber sehen, ob die Frau in der Lage ist, etwas auszuhalten. Ob sie vertragen kann, etwas über sich zu hören. Kann auch ein verstecktes Kompliment sein …

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Nora Tschirner guckt natürlich nur äußerst selten zitronig.

(Foto: imago images / Future Image)

Normalerweise gucken Frauen aber eher zitronig, wenn sie das Adjektiv "robust" über sich hören. So guckt auch Nora Tschirner im Film - auch wenn das Wort zu ihr wirklich passen mag, weil sie so wenig puppig, sondern eben geerdet und real daher kommt.

Leider sind wir bei diesen Dreharbeiten ja gar nicht so oft aufeinandergetroffen. Wir haben uns nur drei Mal gesehen, das meiste haben wir getrennt gedreht. Aber wir haben uns davor mit Vanessa Jopp getroffen, um an der Tonspur zu arbeiten, für die Stimmen aus dem Off. Nora war einfach viel zu wenig da.

Man sieht im Film, wie Sie denken …

(lacht) Entschuldigung, dass ich lache, aber das freut mich, denn es war ein extrem großer Teil der Arbeit, zu visualisieren, dass wir denken. Das war die große Aufgabe.

Hat funktioniert.

Freut mich.

Wir haben Sie vor Kurzem in der Serie "Beat" gesehen, die leider nicht fortgesetzt wird. Für den Zuschauer wirklich schade, denn wenn man Rollen mag, dann will man doch, dass das immer so weitergeht. Wie ist das für Sie? Sind Sie froh, wenn ein Dreh, in dem Sie eine Figur verkörpern, dann auch mal zu Ende ist?

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Schriftsteller Daniel Glattauer bei der Filmpremiere am 3. September in Köln.

(Foto: imago images / Horst Galuschka)

Ja, also erst einmal: Es ist tatsächlich schade, dass "Beat" nicht fortgesetzt wird. Aber ich muss echt zugeben, dass ich eine Figur gar nicht über viele Jahre oder endlose Staffeln verkörpern möchte. Denn woraus ich meine Freude nehme und meine Neugierde, ist immer eine neue Geschichte, eine andere Figur. In dem Serienboom, der momentan herrscht, weiß ich es echt zu schätzen, dass etwas einen Anfang, aber auch ein Ende hat. Miniserien sind ideal. Wichtig ist, dass nicht die Cliffhanger die Hauptdarsteller sind.

Dieses Jahr haben Sie eine Lola für Ihre Rolle in "Das Ende der Wahrheit" bekommen …

Genau! Und darüber habe ich mich sehr gefreut, auch wenn ich denke, dass den Film gar nicht so viele Leute gesehen haben. War für mich aber eine sehr interessante Figur, die ich gespielt habe. Ich bin in der glücklichen Position, immer wieder interessante Arbeit zu haben. Einen Preis zu kriegen ist aber schon toll. Ich weiß, dass es ein Bonus ist und nicht das Eigentliche. Wenn ich zurückschaue auf die letzten Jahre, dann freue ich mich vor allem darüber, dass ich immer wieder an sehr verschiedenen Projekten arbeiten durfte.

Mit Alexander Fehling sprach Sabine Oelmann

"Gut gegen Nordwind" startet am 12. September im Kino.

Quelle: n-tv.de

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