Rumer, smile!"Ich kann Amy Winehouse verstehen"
Rumer hat nicht ihren besten Tag, heißt es, als es zum Interview geht, und schon fürchtet man, vielleicht auf eine Diva mit Allüren zu stoßen. Mitnichten! Eher möchte man die talentierte Sängerin in den Arm nehmen und ihr sagen: "Jetzt lächle doch mal, das hast du doch toll gemacht!"
Die letzte Zeit war nicht einfach - auch wenn viel Gutes passiert ist. Rumers Debut-Album "Seasons Of My Soul" machte sie bekannt und brachte sie in eine Reihe mit Künstlerinnen wie Adèle und Karen Carpenter, an deren Stimme sie so fatal erinnert, dass man meinen könnte, sie wäre wieder auferstanden. Und sie war so perfekt in die Zeit hineingerutscht, in der all diese Mädels gerade ihre Retro-Sause in Sachen Soul abfeierten. Dass sie so erfolgreich war, nach einer langen Durststrecke, und nun ein zweites Album auf den Markt gebracht hat, das in keinster Weise an das erste anschließt, erleichtert die Sängerin mit den pakistanischen Wurzeln jedoch nur bedingt. Sie ist erschöpft und wartet im Cosmo-Hotel eingekuschelt in eine Decke auf die Fragen, die ihr im verregneten Berlin so gestellt werden können. Sie taut erst langsam während des Gespräches auf.
n-tv.de: Wir machen ganz schnell, ich kann schon sehen, dass du total müde bist.
Rumer: Ich bin gar nicht mal so müde, ich bin nur emotional irgendwie ausgelaugt.
Ist ja eigentlich auch kein Wunder, wenn man sein neues Album promotet, oder?
Ja, man hat erst die Arbeit, dann immer die Angst, ob es auch wirklich gut genug ist, und dann, wenn es fertig ist, fällt man in so ein Loch, man muss aber immer weiter darüber sprechen, obwohl man doch eigentlich jetzt fertig ist. (lächelt)
Gehst du denn bald auch noch auf Tour?
Nein, das zum Glück nicht. Das schaffe ich jetzt nicht mehr, ich bin echt erschöpft. Aber das sagte ich ja bereits. Ich mache nur die Dinge, die unbedingt nötig sind.
Denkst du denn, dass das schlechte Sommerwetter auch mit deiner Erschöpfung zu tun haben kann?
Ja, vielleicht ...
Ich habe das Gefühl, dass mich das Wetter jedes Jahr immer mehr beeinflusst.
Ja, die ganze Umwelt spielt so ein wenig verrückt, denke ich. Wenn es regnet, regnet es immer gleich katastrophal, wenn es warm wird, ist es brüllend heiß, es gibt gar nichts mehr in der Mitte. Ich muss so oft darüber nachdenken, wie wir mit unserem Planeten so umgehen, und das ist nicht gut.
Ist das ein Thema, das du auch in einem Songtext verarbeiten könntest?
Ja, das habe ich eigentlich schon mal gemacht, auf meinem letzten Album, "Seasons of my Soul", da geht es um die interne und die externe Welt. Da habe ich meine Beziehung zur Umwelt eigentlich ganz gut drauf verarbeitet. Man fühlt sich nur so machtlos. Und ich stehe momentan auch nicht wirklich in Verbindung mit der Umwelt, ich halte mich ja ständig in klimatisierten Räumen und Autos auf.
Du wartest also auf Ferien?
Dringend!
Hast du bald Urlaub?
Nein.
Warum nicht?
Weil ich so viel zu tun habe.
Dann reden wir mal über deine Arbeit: Du hast ein Album gemacht mit rein männlichen Texten. Warum hast du dir die ausgesucht?
Weil ich eigentlich schon immer auf Musik von Frauen stehe: Dusty Springfield, Aretha Franklin, Nina Simone, Joni Mitchell, ich liebe Frauen einfach! Weibliche Musik und alte Musik. Versteh' mich nicht falsch, aber ich hatte das Gefühl, dass ich eine neue Balance brauchte. Und ich bin da mit voller Absicht so rangegangen. Und dann fand ich mich "in a man's world" wieder. Aber so geht mir das, seit ich als Rumer unterwegs bin. Die männliche Welt ist viel feindseliger, kälter.
Du fühlst dich umzingelt von Männern? Manche Frauen wären neidisch ...
Ja. Überall! Je weiter man an die Spitze kommt, desto mehr Männer sind da. Die Frauen, die noch einigermaßen oben sind, sind vielleicht mal hier und da eine Geschäftsführerin, aber wirklich an der Spitze mangelt es an Frauen. Da sind einfach zu viele Männer.
Wir erklärst du dir das? Es gibt doch so viele weibliche erfolgreiche Künstlerinnen im Moment.
Aber die Welt wird trotzdem von Männern angeführt.
Hat sich nichts getan, trotz Emanzipation und so weiter?
Nein.
Hättest du denn lieber in den wilden siebziger Jahren gelebt, weil auch deine Songs dieser Zeit entspringen?
Nein, ich habe das nur gemacht, weil ich eine gewisse Beständigkeit auf dem Album haben wollte. Ich wollte nicht zwischen verschiedenen Zeiten hin- und herspringen. Ich wollte, dass man das Album ganz einfach und unbelastet anhören kann, und außerdem sind die Siebziger die Ära der Singer-Songwriter, das ist einfach die Zeit, die mich interessiert.
Und wie bist du an die Auswahl gegangen? So wahnsinnig bekannt sind die meisten Lieder ja nicht. Mein absolutes Lieblingslied ist "Sara Smile" von Hall& Oates.
Ja, das liebe ich auch sehr, mein Produzent hat es für mich ausgesucht, weil mein richtiger Name ja Sarah ist. Eigentlich wollte ich es nicht auf dem Album haben, weil es viel zu lieblich ist, meine Songs sollten alle obskur sein (lacht endlich ein bisschen). Aber die Plattenfirma wollte es unbedingt.
Ist es nicht merkwürdig, zwei Namen zu haben? Fühlst du dich manchmal hin- und hergerissen zwischen Rumer und Sarah? Bereust du es vielleicht sogar, dich umbenannt zu haben?
Nein! Denn ich bin sowieso irgendwie zwiegespalten. Ich habe oft das Gefühl, dass ich ein wandelnder Widerspruch bin. An dem einen Tag würde ich am liebsten alles hinschmeißen, an einem anderen Tag bin ich wieder total zielstrebig, dann wäre ich am liebsten eine Hausfrau und am nächsten Tag ein Karriereweib, das sein eigene Plattenfirma hat, ach ich weiß auch nicht. Verstehst du das? Die eine Hälfte von mir wäre gerne zu Hause und würde stricken und die andere würde gerne einen Hit nach dem anderen schreiben.
Das ist doch normal ...
(lacht) Ja, bis zu einem gewissen Grad, aber ich habe das Gefühl für meine Identität irgendwie verloren. Und weißt du, es kommt mir auch echt total ungesund vor, dass ich den ganzen Tag über mich reden soll. Hast du schon mal eine Hochzeit geplant?
Ob ich schon mal eine Hochzeit geplant habe?
Ja, so richtig mit allem Drum und Dran, vorbereitet meine ich.
Ja, um ehrlich zu sein, sogar schon zwei.
(lacht) Also, so fühle ich mich! Ich plane immer das ganz große Ding, dabei hat man eine Menge Stress, du stehst total unter Druck, die ganzen Details, auf die du achten musst, und es geht ja auch die ganze Zeit um dich, und dann kommt der große Tag, jeder starrt dich an. Und - peng - ist es vorbei, dieses große Ding.
Naja, man kann es ja auch öfter machen ...
Genau, ja, aber selbst wenn du dreimal heiratest, ist alles fein. Aber ich habe das Gefühl, dass das bei mir JEDEN Tag passiert. Diese Art von Anspannung, von Druck, meine ich, und ständig geht es um mich mich mich ...
Und das gefällt dir nicht?
Nein!!!! Das ist auch sehr ungesund!
Aber meinst du nicht, als unbeachtete Hausfrau würdest du dich auch schnell langweilen?
Wahrscheinlich.
Dann könntest du ja wieder anfangen zu singen.
Ja, bestimmt. Ich weiß nicht.
Suchst du jetzt also einen Mann zum Heiraten? Oder hast du einen Freund?
Nein. Ja, ich suche einen Ehemann (lacht, ein bisschen)
Okay, nett, gutaussehend, reich ..
Nett reicht schon. Weißt du, ich bin wirklich stolz auf das, was ich erreicht habe, ich habe mein Herzblut da reingegeben, ich habe lange nicht das Tageslicht gesehen, weil ich immer im Studio war, aber ich würde das gerne teilen mit jemandem.
Ich habe das Gefühl, dass du wirklich gut auf dich aufpassen musst.
Ich finde, das Schlimmste ist, dass ich immer falsch verstanden werde. Man ist immer so ein Teil einer Lüge, weil jeder denkt, dass es jemandem wie mir doch permanent super gehen müsste. Das hängt mir so zum Hals raus, dass das jeder denkt. Tut mir leid, das ich jetzt so ein bisschen düster bin, aber ich verstehe, dass es Leute umbringt. Ich kann Amy Winehouse wirklich gut verstehen. Ich verstehe total, in welche Ecke sie sich gedrängt gefühlt haben muss.
Du wirkst aber nicht - im Gegensatz zu Amy Winehouse - als wärst du so leicht zu erschüttern oder durch Drogen aus der Bahn zu bringen oder so.
Weißt du, das hängt total davon ab, wie du aufgewachsen bist. Und welche Freunde du hast. Drogen gibt es überall. Wenn du mit den falschen Leuten abhängst, kann das ganz schnell gehen. Selbst, wenn du aus einer sehr guten Familie kommst, kann dir das passieren. Es kann jedem passieren, vor allem, wenn du in einer verletzlichen Phase bist. Deswegen hasse ich es auch, wenn Leute jetzt zum Beispiel über Amy Winehouse sagen: "Klar, sie war einfach so eine Drogentante, was für eine Schande, was für eine Verschwendung", na klar, aber sie war nunmal drogenabhängig, und das ist eine Krankheit. Das ist so eine komplexe Sache, wenn man Angst hat, verzweifelt ist, das ist ein Cocktail voller Emotionen, man fühlt sich wie ein Tier in der Ecke.
Bist du denn gut aufgehoben?
Ja, ich werde gut beschützt und abgeschirmt, ich habe zum Beispiel überhaupt keine Paparazzi, das ist super, mich erkennt keiner. Eigentlich guckt mir niemand nach, nicht mal der Postbote erkennt mich. Das ist aber gut so.
Ich weiß, dass du eine traurige Familiengeschichte hast, aber was ist mit deinen Geschwistern, seid ihr Freunde?
Oh ja, wir sind gut miteinander.
Deine Cover wirken immer so wie aus dem Familienalbum.
Oh ja, aber der kleine Junge auf der Schaukel, das ist einer, den ich im Park getroffen habe, nur der auf meinem ersten Album, das ist tatsächlich mein Bruder.
Dein Album heißt "Boys Don't Cry" - glaubst du das wirklich?
Natürlich nicht! Männer haben auch die unterschiedlichsten Emotionen. Männer sind auch kompliziert und empfindsam. Sie haben Hoffnungen, sind aggressiv, sie sind besorgt, das alles kommt auf meinem Album aber auch ganz gut zur Geltung, denke ich.
Wie gehst du mit schlechter Kritik um, liest du sowas?
Manchmal lese ich das. Es ist ja meist was Wahres dran. Ich mag es gar nicht gerne, im Fernsehen interviewt zu werden. Aber auch das Internet birgt seine Gefahren, es geht manchmal zu wie im Wilden Westen. Das macht mir ehrlich Sorgen manchmal.
Bist du denn bei Facebook oder Twitter?
Ja, denn ich kommuniziere gerne, vor allem wenn ich unterwegs bin.
In dem Vorwort deines Album steht, dass du dir mehr "Erziehung" wünschst: Was meinst du damit?
Ach, ich würde einfach gerne noch so viel wie möglich lernen, ich hätte gerne, dass mich jemand an die Hand nimmt und mir sagt, was ich machen soll. Ich kann ganz schlecht lügen, und wenn ich ehrlich bin, dann muss ich eben gestehen, dass ich gerade total erschöpft bin und ich kann einfach nicht so tun, als würde es mir super gehen. Es tut mir leid.
Das muss dir nicht leid tun! Ruh' dich aus, ich freu' mich auf unser nächstes Gespräch!
Das Gute an diesem ganzen Stress ist aber, dass am Ende wahrscheinlich was Gutes dabei rauskommt. Und ich habe mehr Verständnis für meine Freunde entwickelt, wenn es ihnen schlecht geht, denn ich weiß, wie hart es sein kann.
Ja, keiner sucht sich aus, dass es doch bitte möglichst schwer sein sollte im Leben.
Ja, und ich verstehe das jetzt viel besser. Man muss etwas haben, an dem man sich festhalten kann.
Rumers Album ist im Juni 2012 erschienen.
Mit Rumer sprach Sabine Oelmann