Unterhaltung
Montag, 30. August 2010

Die sanfte Besessene: Jane Goodall "muss es tun"

Von Andrea Beu

Jane Goodall, die weltberühmte Affenforscherin und Umweltaktivistin, muss einfach tun, was sie tut. Sie folgt ihrer Überzeugung - und tut das so überzeugend, dass sie andere damit ansteckt, weltweit. Nun kommt ein Film über ihr beeindruckendes Leben in unsere Kinos.

Freundlich, geduldig, überzeugend: Jane Goodall will die Welt verbessern. Und wir sollen alle mitmachen.
Freundlich, geduldig, überzeugend: Jane Goodall will die Welt verbessern. Und wir sollen alle mitmachen.(Foto: APN)

Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden, wie ein Motto durch ihr Leben – und so auch durch den Film "Jane's Journey – Die Lebensreise der Jane Goodall": Jane Goodall muss einfach tun, was sie tut. Wenn andere sie fragen, oder auch sie selbst sich, warum sie mit mittlerweile 76 Jahren immer noch etwa 300 Tage im Jahr (!) unterwegs ist in der ganzen Welt, um Menschen zu überzeugen von ihrer und unserer aller Sache: "Why me? I have to!"

Diese Bestimmtheit, aber auch die Bestimmung, der sie dann zielstrebig folgte, zeigte sich schon in ihrer Kindheit – wie ihre Schwester im Film erzählt, hätte Jane schon als Kind gesagt, dass sie mal Tierforscherin werden und in Afrika leben würde. Niemand aus der Familie hätte je daran gezweifelt – und so kam es dann ja auch, allen Hindernissen zum Trotz.

Jane Goodall bei der Filmpremiere in Berlin - mit Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel und Mister H, ihrem ständigen Begleiter.
Jane Goodall bei der Filmpremiere in Berlin - mit Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel und Mister H, ihrem ständigen Begleiter.(Foto: dpa)

Ohne entsprechendes Studium (dazu fehlte der Familie das Geld), nur mit einer Ausbildung zur Sekretärin und mit hart erarbeitetem Erspartem fuhr sie schließlich mit 23 Jahren per Schiff nach Afrika und beobachtete, erforschte dort Schimpansen – und wurde später zu einer weltweit anerkannten Expertin auf diesem Gebiet. Ihre Forschungsarbeit über Schimpansen hat die Verhaltensforschung revolutioniert, unter anderem, da sie als eine der ersten beobachtete und erkannte, dass Affen Werkzeuge benutzen, sie sogar selber herstellen.

Ihre Besessenheit, die aber doch sanft, ohne nervenden missionarischen Eifer daherkommt, wird in dem Film von ihr selbst, ihren Wegbegleitern und ihrer großen Fangemeinde eindrucksvoll gezeigt. Der Film hatte am Donnerstagabend in Berlin Deutschlandpremiere. Jane Goodall, die selbst anwesend war, sagte auf die Frage, wie es sei, sich selbst so dargestellt zu sehen: es sei sehr interessant für sie, ihr eigenes Leben in einem Film zu sehen und den Effekt, den ihre Vorträge und Seminare auf andere Menschen hätten – jetzt könne sie erst recht nicht aufhören, das sei ihr dadurch klargeworden. Wir hätten schließlich noch einen weiten Weg vor uns: "We have so far to go!"

Aus dem Wald in die Welt

Jane Goodall kam den Schimpansen nahe wie kaum jemand sonst.
Jane Goodall kam den Schimpansen nahe wie kaum jemand sonst.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Mission, die sie verfolgt, hat schon seit Jahrzehnten nicht mehr ausschließlich mit Schimpansen zu tun. Mitte der 1980er Jahre wurde sie von der Forscherin zur Aktivistin, als sie auf einer Konferenz begriff, wie sehr die Tiere, die sie erforscht, und die gesamte Natur bedroht sind. Sie verließ "ihren Wald" im tansanischen Gombe und reist seitdem unermüdlich durch die Welt, zu Konferenzen und Vorträgen, und versucht Menschen zu überzeugen, dass sie auch mit kleinen Schritten etwas ändern können. Sie ist dadurch für viele Menschen so etwas wie eine Lichtgestalt geworden, die zur Hilfe gerufen wird: wie etwa in ein trostlos wirkendes Indianer-Reservat in den USA, in denen eine solche Hoffnungslosigkeit herrscht, dass sich in den letzten Jahren Dutzende Teenager umgebracht haben. Und Goodall hat Ideen, was man tun könnte – und die Gabe, Hoffnung zu spenden. Dies tut sie auch mit allem Nachdruck und mit der Faust auf dem Tisch: "Man MUSS Hoffnung haben! Man darf die Hoffnung nicht aufgeben!"

Jane Goodall mit ihrem ersten Ehemann, dem Tierfilmer Hugo van Lawick (1974) ...
Jane Goodall mit ihrem ersten Ehemann, dem Tierfilmer Hugo van Lawick (1974) ...(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ihre eigene größte Hoffnung setzt sie dabei auf die Kinder, von denen wir, wie sie immer wieder betont, "die Welt nur geliehen haben". Sie hat daher 1991 in Tansania ein Programm namens, "Roots and Shoots" ins Leben gerufen. Es unterstützt Kinder dabei, eigene Ideen und kleine Projekte im Natur- und Umweltschutz umzusetzen, um so ein anderes Verhältnis zur Natur zu entwickeln und dadurch zur Verbesserung des Lebens auf der Erde beizutragen. Ein Erfolgsprojekt: "Roots and Shoots" ist mittlerweile mit etwa 10.000 Gruppen in 120 Ländern aktiv.

Es ist erstaunlich und wirklich beeindruckend, wie viel sie als einzelner Mensch bewirken konnte und kann – durch ihre Überzeugungskraft, aber auch durch ihre Art, alle zu integrieren. (Auch bei der Deutschlandpremiere holte sie alle Mitarbeiter des deutschen Teams auf die Bühne – und sie erinnerte sich an alle Namen. Jeder wurde von ihr gewürdigt.) Es ist sicher nicht zuletzt auch ihre sympathische, leicht verschrobene englische Art, die sie so unwiderstehlich macht – ihr leiser Humor, ihre Vorliebe für Whisky (von dem immer eine kleine Flasche im Reisegepäck liegt) – und die Erklärung, warum sie eigentlich immer, wirklich immer, diesen Plüschaffen namens Mister H dabei hat. Auch beim Treffen mit Kofi Annan.

Lobpreisung von allen Seiten

... und ihrem gemeinsamen Sohn Hugo, genannt "Grub," am Tanganjikasee (undatiertes Archivfoto).
... und ihrem gemeinsamen Sohn Hugo, genannt "Grub," am Tanganjikasee (undatiertes Archivfoto).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Doch egal, wie sympathisch und überzeugend sie auch sein mag - ihre Mission könnte sie ohne ihre vielen Mitstreiter, Mitarbeiter und Anhänger in aller Welt nicht verfolgen. Ein paar davon kommen in dem Filmporträt zu Wort, beschreiben die Zusammenarbeit oder äußern sich eher allgemein zur Person Goodall – und sie sind alle voll des Lobes. (Auch Prominente wie Pierce Brosnan und Angelina Jolie sind darunter, die beide aber eher Worthülsen abliefern.)

Das ist dann schließlich doch zu viel des Guten und artet in eine Lobhudelei aus, die Goodall eigentlich nicht nötig hat. Ein Wermutstropfen in einem ansonsten sehr beeindruckenden Film mit Bildern von überwältigender Schönheit und einer Botschaft, die einen aus dem Kino gehen lässt mit dem Gefühl: ich muss mehr tun, wir alle müssen mehr tun – und wir können es auch.

"Jane's Journey – Die Lebensreise der Jane Goodall" kommt am 2. September 2010 in die deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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