Kino

Vincent Cassel im Interview Menschlichkeit ist sexy

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Freuen sich, wenn sie wegen ihrer Rollen angesprochen werden: Vincent Cassel und Reda Kateb (v.l.)

(Foto: dpa)

Diesen Film müssen Sie sich ansehen, wenn Sie das Gefühl haben, es könnte Ihnen zu gut gehen. Auch, wenn Sie der Typ Mensch sind, der gerne helfen möchte, aber noch nicht weiß, wie. Wenn Sie Vincent Cassel lieben, dann sowieso. Und dann lernen Sie jetzt noch Reda Kateb kennen und eine Initiative, die man auf der Stelle unterstützen sollte. Oder eine ähnliche. n-tv.de hat mit den Hauptdarstellern des außergewöhnlich guten Films "Alles außer gewöhnlich", Vincent Cassel und Reda Kateb, gesprochen und obendrein einen der Regisseure getroffen, Eric Toledano, der diesen Film gedreht hat, nach seinen Erfolgen (zusammen mit Kollege Olivier Nakache) "Ziemlich beste Freunde", "Heute bin ich Samba" und "Das Leben ist ein Fest". Bitte sehen Sie sich diesen Film an - das Thema ist schwer, aber der Film ist leicht, die Darsteller, die Menschen aus dem echten Leben spielen, sind formidable. Sie werden begeistert sein.

n-tv.de: Monsieur Cassel, "Alles außer gewöhnlich" ist eine Komödie mit einer stetigen Träne im Augenwinkel - wie erging es Ihnen damit während der Dreharbeiten?

Vincent Cassel: Es war eine zutiefst berührende Erfahrung, als ich zum ersten Mal Kinder mit dieser Art von Behinderung gesehen habe, ich hatte vorher noch nie etwas mit Autismus zu tun. Ich habe als Erstes die Regisseure angerufen und sie gefragt: "Seid ihr sicher, dass ihr eine Komödie darüber machen wollt?" (lacht) Das ist ein ernstes Thema. Aber sie haben mir versichert, dass sie das auf jeden Fall vorhätten und dass es darüber hinausgehen würde. Ich glaube, man muss den richtigen Abstand dazu finden, um das darzustellen. Wenn man einen Film mit autistischen Kindern dreht, kann man nicht den ganzen Tag nur weinen, man muss sie unterstützen. Wir müssen uns also davon verabschieden, ständig Mitleid zu empfinden. Aber am allerwichtigsten ist es, den Blick von oben herab abzulegen. Wir müssen die Sentimentalität hinter uns lassen und die Arbeit erledigen, die eine solche Krankheit mit sich bringt. Wir müssen Mitleid durch Handeln ersetzen.

Monsieur Kateb, wie war es für Sie?

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Ziemlich beste Freunde: Ein Jude und ein Moslem.

(Foto: Prokino)

Reda Kateb: Ich war schon sehr beeindruckt. Allein, wie lebendig es an dem Ort ist, wo die Kinder betreut werden. Es gibt eine Menge Leiden, das ist richtig, aber es gibt auch sehr viele gute Momente, sehr viel Hoffnung. Allein, dass so viele Kulturen auf einem Haufen sind, ist ein Gewinn! Der Verein "La Silence des Justes" (Das Schweigen der Gerechten) ist ein sehr warmer und ein sehr starker Ort. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich mich dem nähern, welche Sprache benutze ich, um an Kinder mit Autismus heranzukommen? Und was soll ich sagen - es gibt keine Methode. Es läuft alles individuell. Ich musste allerdings sehr für meine Rolle daran arbeiten, dass ich es schaffe, es wirklich so wirken zu lassen, als sei dieses Leben mein Alltag.

Und wie haben Sie das angestellt?

Kateb: Ganz einfach - ich bin sehr oft vor Ort gewesen und habe mich mit den Kindern und den Betreuern angefreundet.

Da ist viel Herz im Film …

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Eric Toledano, Reda Kateb und Vincent Cassel bei der Premiere.

(Foto: imago images/Future Image)

Eric Toledano: Ja, wir haben wirklich versucht, mit einem humanistischen Ansatz da ranzugehen. Anfänglich wollten wir der Organisation nur helfen, ihre Ideen zu unterstützen und sie mit Schauspielern und Künstlern zusammenbringen, um eigene Theater-Initiativen zu gründen. Eines Tages - nachdem wir die Leute 15 Jahre kannten - haben wir dann von Canal+ eine "Carte Blanche" bekommen, um einen Dokumentarfilm zu drehen über ein Projekt oder Leute, die wir besonders in den Vordergrund stellen möchten. Der Titel der Filmreihe lautet "Da müsste man einen Film draus machen … ", aber wir hatten damals das Gefühl, dass wir dem Thema nicht gerecht werden können und haben uns vorerst anderen Filmprojekten gewidmet.

Natürlich sind Schauspieler immer gut vorbereitet, wenn sie eine Rolle spielen, aber es gibt solche und solche Filme - bei diesem stelle ich mir vor, dass er auch bei den Darstellern eine gewisse Langzeitwirkung hinterlassen hat. Es geht nicht nur um Behinderung, es geht auch um Liebe, um Politik und um Armut, es geht darum, dass Menschen sich allein gelassen fühlen. Was haben Sie für sich mit in die Realität genommen?

Kateb: Ich war zum Beispiel in Marokko bei der Eröffnung des ersten Zentrums für autistische Kinder in Nordafrika und ich konnte sehen, wie schlimm die Situation dort ist. Ich habe viel Zeit mit dem Mann verbracht, dessen Rolle ich spiele, und ich habe das getan, ohne eine bestimmte Vorstellung zu haben, ich habe es einfach auf mich wirken lassen. Aber das Sinnvollste war, dass ich es wie immer mache, wenn ich eine neue Rolle angehe: Ich ziehe mich an, ich lerne den Text, ich fahre zum Set und sehe dann, was passiert (lacht). Ich hatte Vertrauen in meine Regisseure und in meine Partner. Es stimmt aber, der Film hat eine gewisse Verantwortung, denn es geht um die Menschen, die wir sonst eher wenig im Kino zeigen.

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Cassel: Ich habe auch Zeit verbracht mit meiner "Figur", mit Stéphane Benhamou. Ich habe mit den Äußerlichkeiten angefangen, ihn beobachtet, wie er sich bewegt und wie er mit den Jugendlichen agiert. Und dann hatte ich große Angst, dass ich zu emotional werden könnte, dass ich in meinem Gefühl steckenbleibe, dass ich distanzlos werde. Ich musste mich an den Kontakt mit den autistischen Kindern gewöhnen. Danach habe ich versucht, etwas in mir zu ändern. Ich habe, ehrlich gesagt, bislang fast immer nur Figuren gespielt, die aggressiv sind, die gegen etwas sind, die brutal sind. Jetzt hatte ich es mit einer Figur zu tun, die sanft ist, die gibt, die für etwas ist. Ich habe versucht, besonnener zu agieren, besser zuzuhören. Bis jetzt hatte ich einen eher zynischen Blick auf die Menschheit und den habe ich bis vor Kurzem auch tatsächlich für realistisch gehalten. Aber seit ich diese Rolle gespielt habe, weiß ich, dass es tatsächlich Menschen gibt, die bereit sind, alles für andere zu geben. Das war eine Lektion in Sachen Menschlichkeit.

Das heißt, dieser Dreh und dieser Film wirken tatsächlich nach.

Kateb: Ja, das ist ein ungewöhnliches, seltenes Abenteuer gewesen und ja, es wirkt nach. Ich denke, ich habe dort Freundschaften fürs Leben geschlossen.

Cassel: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen mich jetzt anders sehen. Ich werde sehr oft angesprochen, auf eine herzliche Art, manche Menschen bedanken sich bei mir, dass wir diesen Film gemacht haben.

Was hat sich verändert in den letzten 20 Jahren, in denen Sie bereits mit dem Projekt zu tun haben?

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Mit Joseph, dessen wahrer Figur der Film gewidmet wurde.

Toledano: Was sich nicht verändert hat, und das ist großartig, unfassbar, ist, dass die beiden Protagonisten im wahren Leben noch immer komplett überzeugt sind von dem, was sie da machen. Wie sie sich ihrer Aufgabe widmen, ist einzigartig! Wie sie sich der Verwaltung widersetzen, wie sie standhalten, wie sie fokussiert sind. Auf Französisch heißt der Film "Hors Normes", also außerhalb der Normen. Es ist ja so, dass ein Staat immer versuchen muss, dass alles seine Richtigkeit hat, und hier gibt es weder eine administrative Richtigkeit noch den Dank von oben, sondern nur Handlung, die reine Handlung. Und das passt zum Kino - Handlung, die sich aus unverhofften Begegnungen speist. Die Geschichte ist also wie gemacht für das Kino.

Die Zeiten haben sich geändert, oder? Die beiden Regisseure begleiten das Projekt seit 20 Jahren, haben Sie das Gefühl, dass wir wieder mehr und lieber helfen? Hilft man sich gar selbst dadurch, dass man anderen hilft?

Cassel: In Frankreich hat die Revolution ja Tradition (lacht), deswegen gehen die Leute wieder auf die Straße, ich denke da an die Gelbwesten. Ich denke, wir sind wieder bereit, für das, was wir errungen haben, einzustehen. Denn unsere Errungenschaften sind nicht selbstverständlich und das spüren wir jeden Tag. Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht in einer Situation enden wie in den USA.

Der Mix aus Schauspielern und Autisten ist wirklich gelungen - wie schwierig war es, die passenden Darsteller zu finden?

Wir haben in den Räumlichkeiten von zwei Vereinen gedreht, haben mit allen Eltern gesprochen und gesagt, wir fänden es schön, wenn wir mit euren Kindern drehen dürften. Wir haben also sehr viele echte Darsteller. Dann haben wir natürlich Profis und aber auch Autisten, mit denen man arbeiten kann. Wir haben aber auch Schauspieler ausgebildet, einen Autisten darstellen zu können. Wir haben eine beste männliche Entdeckung, den "Joseph", der jetzt für den "César" nominiert ist als bester Nachwuchs-Schauspieler.

Und der Junge mit dem Kopfschutz?

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Der Junge mit dem Kopfschutz - mit Geduld und Liebe geht es voran.

Jemand, der wirklich stark beeinträchtigt ist, kann nicht schauspielern, das ist unmöglich. Dieser junge Schauspieler ist ein 14-Jähriger, dessen jüngerer Bruder Autist ist und der mit der Darstellung dieser Rolle besser verstehen wollte, wie sein Bruder tickt. "Ich möchte begreifen, wie er die Welt sieht", sagt er uns. Das ist eine sinnvolle Motivation, denn er wusste von zu Hause, welche Krisen es gibt, wenn ein Angehöriger Autist ist. Es war ausschlaggebend, dass jemand die Rolle spielt, der besonders authentisch sein konnte. Und er war heimlich beim Casting, seine Eltern wussten davon nichts.

Was war eigentlich der Auslöser für Stéphane, den Verein zu gründen?

Das war der junge Mann, im Film Joseph genannt, der gerne die Notbremse in der U-Bahn zieht. Der sollte eigentlich nur mit in die Ferien, aber Stéphane hat eine besondere Beziehung zu ihm entwickelt und daraufhin haben immer mehr Eltern ihre autistischen Kinder zu ihm geschickt, so entstand sein Projekt. Leider ist der echte Joseph mittlerweile gestorben, er wurde 40 Jahre alt, ihm ist der Film gewidmet. 

Mit Vincent Cassel, Reda Kateb und Eric Toledano sprach Sabine Oelmann.

"Alles außer gewöhnlich" startet am 5. Dezember in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de