Kino

Und auch zwischen den Laken Olivier Assayas liest '"Zwischen den Zeilen"

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Typisch französisch? Juliette Binoche und Guillaume Canet.

(Foto: imago/Prod.DB)

Manchmal fällt es gar nicht so schwer, zwischen den Zeilen zu lesen: Léonard (Vincent Macaigne) schreibt Romane, in denen er vergangene Liebschaften verarbeitet und die realen Bezüge mehr schlecht als recht verschleiert. Sein Verleger Alain (Guillaume Canet) ist jedoch von dem letzten Manuskript wenig überzeugt und im Augenblick auch mehr mit der Digitalisierung seines Verlags beschäftigt. Und außerdem ist da noch die attraktive junge Mitarbeiterin (Christa Théret), die für ebendiese Digitalisierung zuständig ist. Alains Frau Selena (Juliette Binoche) muss einem jedoch nicht leid tun: Ihr gefällt Léonards Text, vielleicht, weil sie selbst mit einer Affäre in die Angelegenheit verstrickt ist. Ehrlichkeit ist hier ein zumindest flexibles Konzept. Und so diskutieren alle mit viel Witz über Dichtung und Wahrheit sowie den kulturellen und digitalen Wandel, sehen über ihr zweifelhaftes frivoles Handeln entspannt hinweg und liefern so eine intelligente Komödie mit ungewöhnlich viel Wortanteil. Apropos Wortanteil: Mit n.-tv.de sprach Regisseur Olivier Assayas über Europa, die Franzosen und die Angst vor schlechten Drehbüchern.

n-tv.de: "Zwischen den Zeilen" - der Film heißt im Original auf Französisch anders, oder?

Olivier Assayas: Ja, der Film hat tatsächlich mehrere Titel. "Double Vie" in Französisch, also Doppelleben, und der US-Titel ist "Non Fiction". Aber mit "Zwischen den Zeilen" kann ich gut leben, vor allem, da ihr in Deutschland den Film ja sowieso synchronisiert.  

Es geht viel um "Between The Lines" - aber ein weiterer passender Titel wäre auch "Between the Sheets", also zwischen den Laken … Denn da spielt sich ja auch eine Menge ab.

Oh ja, obwohl - der Film entstand aus einer Reihe von Konversationen. Wir hatten sehr viele Ideen, es ging uns aber vordergründig um die heutige Verwirrung, die in der Gesellschaft herrscht. Aber ich glaube, die Charaktere im Film haben eine Art Eigenleben entwickelt, und sie überlegen tatsächlich, wie ihre Beziehungen untereinander gestrickt sind. Ganz ehrlich: Wenn man einen Film macht, dann schadet es nichts, wenn er witzig ist. Und vor allem schadet es nichts, ihn auch ein bisschen sexy zu machen (lacht).

Das funktioniert immer! Aber das ist auch gut so, denn der Film wirft ja einen recht unbarmherzigen Blick auf die Literatur- und Kultur-Szene in Frankreich.

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Olivier Assayas - ein Mann der Worte.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Ich denke, da verändert sich gerade viel, nicht nur in Frankreich. Definiert wird das Ganze durch die digitale Revolution. Es ist keine einfache Entwicklung, vor allem für den Literatur-Betrieb. Es ist zum Teil sehr verstörend und beängstigend, was da vor sich geht, denn Literatur und Verlage gab es quasi schon immer in unserer Zivilisation. Und diese Zivilisation basiert auf dem geschriebenen Wort. Lange schien es so, als ob das ewig so weitergehen würde. Und jetzt ist uns klar geworden, dass es bald ganz anders sein könnte. Dass die Welt, wie wir sie kennen, so nicht mehr existieren wird. Und wenn sie auch nicht ganz verschwindet, so wird sie doch ganz anders sein. Ich wollte einen Film machen, der den Wandel in der Gesellschaft aufzeigt, im Allgemeinen. Denn man muss sich einfach immer mal wieder hinterfragen.

Die Digitalisierung erscheint vielen wie ein Horror-Szenario. Das Alte gilt nicht mehr, das Neue macht Angst …

Aber ich darf immer noch entscheiden, was ich möchte! Ob ich mich der digitalen Welt hingebe oder ob ich lieber analog bleibe. Wir sollten uns immer wieder hinterfragen, was unsere Moral angeht, was unsere Beziehung mit der Vergangenheit ist, was unsere Werte sind. Und wir müssen uns klar machen, was wir selbst tun können, denn die Politik zum Beispiel wird uns dafür keinen Rahmen geben. Wir sollten akzeptieren, dass die Welt sich verändert.

Ich finde es schon manchmal schwer, Dinge zu akzeptieren - wenn man zum Beispiel an die Europa-Wahl denkt …

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Dass sein Buch nicht verlegt wird, liegt in diesem Fall vielleicht ausnahmsweise gar nicht mal daran, dass der Autor mit der Frau des Verlegers schläft ...

(Foto: Alamode Film)

Das sind alles Individuen, die gewählt haben. In einer Demokratie müssen wir das akzeptieren. Im Sinne von ertragen, verstoffwechseln, beim nächsten Mal besser machen. In Frankreich haben wir schon lange eine ziemlich starke rechte Fraktion. Die ist ja nicht erst mit Marine Le Pen vorhanden, ihr Vater war vorher schon da. Aber dennoch haben wir eine starke Entwicklung in eine pro-europäische Richtung gemacht. Keine Ahnung, ob ich zu optimistisch bin, aber vor ein paar Jahren noch war es vollkommen unmöglich, FÜR Europa zu sein (lacht). Man war Franzose, und das reichte. Europa war radioaktiv verseucht. Und inzwischen öffnet man sich in vielen Parteien dem europäischen Gedanken.

Weil der Brexit so ein abschreckendes Beispiel ist?

Ja, auf jeden Fall. Das Auffälligste war doch, wie weit die Grünen bei der Europa-Wahl gekommen sind. In Frankreich haben sie doppelt so viele Stimmen bekommen wie die Sozialisten üblicherweise. Das ist doch großartig. Vor allem die Jungen haben so gewählt. Und die Mitte hat gar nicht so schlecht abgeschnitten, obwohl es im Moment ja eher eine Stimmung gegen Emmanuel Macron gibt.

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Führen ein Doppelleben: Selena (Juliette Binoche) und Léonard (Vincent Macaigne.

(Foto: Alamode Film)

Im Film geht es um das gute alte Buch, und darum, ob es verlegt wird. Ist die Tatsache, dass heute jeder schreiben kann und sich selbst verlegen kann - bloggen, influencen und so weiter - eher erschreckend oder eine gute Entwicklung?

Ich persönlich habe überhaupt nichts dagegen, wenn jeder, egal wie, seine Sicht der Dinge verbreitet. Als Filmemacher weiß ich, dass es jede Menge Filmblogs gibt, und das ist gut! Francois Truffaut hat gesagt: "Jeder hat zwei Jobs: seinen eigenen und Filmkritiker". Aber worum ich mich sorge, ist das Schreiben von Drehbüchern. Denn ein Film kann nur gut sein, wenn das Drehbuch auch gut ist.  

Ihr Film hat eine gute Portion "Oldschool"-Elemente, vor allem dann, wenn es intim wird. A schläft mit B, B aber auch mit C, und C wiederum hätte gern was mit A, tröstet sich aber unter anderem mit D. Ein wilder Ringelreihen. Die Darsteller, die wir vor allem in Deutschland kennen, sind Guillaume Canet und Juliette Binoche.

Und die beiden haben von Anfang an mit am Drehbuch und am ganzen Konzept gearbeitet. Die Rolle, um die sich für mich von Anfang alles gedreht hat, ist die von Guillaume, dem Verleger. Wie er versucht, seinen Verlag in die Zukunft zu führen. Wie er sich nebenbei verliebt. Wie er seine Ehe dennoch führt. Er ist ein Humanist. Und ganz ehrlich: Man kann kein Verleger sein, ohne Humanist zu sein (lacht).

Er lässt seinen Freund, der mit seiner Frau schläft, wovon er aber wahrscheinlich nichts weiß, trotzdem abblitzen.

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Guillaume Canet versucht, seinen Verlag in die Zukunft zu retten.

(Foto: Alamode Film)

Er hat keine Zeit, über zu vieles nachzudenken, denn er muss seinen Verlag führen. Die Zeiten sind hart. Er muss ständig Entscheidungen treffen, auch, wenn er nicht so richtig davon überzeugt ist. Aber er muss an das Überleben seines Verlages denken. Er ist eine Art Richter, er entscheidet, wie es mit einem Autoren weitergeht, ob er groß rauskommt oder nie entdeckt wird. Und das ist hart. Man spürt, dass es nicht leicht ist, Nein zu sagen, vor allem zu jemandem, den man eigentlich mag.

Mit Olivier Assayas sprach Sabine Oelmann

"Zwischen den Zeilen" startet am 6. Juni im Kino.

Quelle: n-tv.de

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