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Ganz großer Betrug "Parasite": Die Naivität der Reichen

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Die Familie Kim bekommt in "Parasite" ihre ganz große Chance.

(Foto: Koch Films)

Er muss nur eine kleine Lüge erzählen, um sein Leben zum Positiven zu verändern. Und weil das so gut funktioniert, wieso nicht weitergehen? Der Film "Parasite" erzählt von sozialen Ungleichheiten und davon, was es kostet, sie überwinden zu wollen.

Wi-Fi bekommen sie von den Nachbarn, als Luft zum Atmen muss die genügen, die von der schäbigen Hinterhofgasse hineinweht in den Kellerverschlag der Familie Kim. Vater, Mutter und ihre beiden erwachsenen Kinder hausen dort, schlagen sich so durch. Sie schnipsen Wanzen vom Tisch und falten Pizzakartons für ein wenig extra Kleingeld. Es ist kein gutes Leben, was die Kims da führen. Jedenfalls kein bequemes. Deswegen ist es ihnen kaum anzukreiden, dass sie die Chance zum sozialen Aufstieg nutzen, als sie sich bietet.

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"Parasite" ist seit den Filmfestspielen in Cannes kein Geheimtipp mehr. Die Familientragikomödie des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho gewann an der Côte d'Azur den Preis für den besten Film und das zu Recht. Er wagt es, eine der ganz großen Fragen unserer Zeit zu stellen, nämlich die nach ungleich verteilten Chancen. Und dann liefert er einfach einen wahnsinnig spannenden, feingeistigen und aufwühlenden Film, bei dem man über getragenen Schlüpfern und blutigen Messern auch mal kurz wieder vergessen darf, dass hier selbstverständlich auch Gesellschaftskritik geübt wird.

Dem Sohn der Kims bietet sich in "Parasite" die Chance, als Englisch-Nachhilfelehrer bei einer wohlhabenden Familie gutes Geld zu verdienen. Nur ein klein wenig flunkern muss er. Und als das sofort gut geht: Kann man ihm vorwerfen, dass er versucht, für seine Familie noch ein etwas größeres Stück aus der Wohlstandstorte zu schneiden? Was wird aus Moral, wenn sich eine einmalige Chance bietet, Armut hinter sich zu lassen?

Keine Guten, keine Bösen

"Parasite" macht klar: Die guten Plätze in der Arena des Lebens sind begrenzt und entsprechend umkämpft. Wahllosigkeit kommt bei deren Vergabe lange vor Fairness. Und wie soll sich jemand einwandfrei verhalten, dem das Leben mit Willkür hart beigekommen ist? Lange geht es im Film um Aufstiegschancen, plötzlich ums nackte Überleben. Und das wirklich Beklemmende daran ist, dass das alles so schnell geht, dass nicht einmal die Protagonisten es mitkommen. Eben noch flunkerten sie über einen Hochschulabschluss, schon haben sie blutverschmierte Hände.

"Parasite" hat ein herrliches Tempo. Der Rhythmus des Films wirkt immer entspannt und akzentuiert das nur durch rasante Beschleunigungen in den richtigen Momenten. Trostlos nippen die Kims inmitten leergefutterter Plastiktüten an ihrem Bier. Dann müssen sie plötzlich einen pinkelnden Störenfried vertreiben. So ruhig schreitet Frau Park ihre heiligen Hallen ab, dass es rührt, wenn sie über der mentalen Gesundheit ihres Sohns die Nerven verliert.

Bei "Parasite" gibt es keine Guten und keine Bösen, dafür gleich eine ganze Menge hervorragender Charaktere und ein Geheimnis im Keller, das man sich so auch erst einmal ausdenken muss. Der Film ist lang, über zwei Stunden, und jede Minute ist es wert.

"Parasite" startet am 17. Oktober in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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