Kino

Lenz' "Deutschstunde" im Kino Schwochow findet die richtige Einstellung

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Regisseur Christian Schwochow wollte "Deutschstunde" schon lange verfilmen - zum Glück hat er sich nun ein Herz gefasst.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Dieser Film ist keine leichte Kost - Christian Schwochow bekommt dennoch eine Eins plus für sein endlich verfilmtes Herzensprojekt. Basierend auf dem Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz hat sich Schwochow zusammen mit seiner Mutter, der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Drehbuchautorin Heide Schwochow, an die Verfilmung eines Romans gewagt, der uns alle gerne mal nachsitzen lässt. Es geht um Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Jugendliche Siggi Jepsen (Tom Gronau) muss in einer Strafanstalt einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" schreiben. Er findet jedoch keinen Anfang, das Blatt bleibt leer. Als er die Aufgabe am nächsten Tag nachholen muss, schreibt er wie besessen seine Erinnerungen auf: Erinnerungen an seinen Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), der als Polizist zu den Autoritäten in einem kleinen norddeutschen Dorf zählte und den Pflichten seines Amtes vollkommen ergeben war. Während des Zweiten Weltkriegs muss Jepsen seinem Jugendfreund, dem expressionistischen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), ein Malverbot überbringen, das die Nationalsozialisten gegen ihn verhängt haben. Er überwacht es - obwohl "am Ende der Welt" - penibel, und Siggi (als Elfjähriger gespielt von Levi Eisenblätter) soll ihm helfen. Doch Nansen widersetzt sich - und baut ebenfalls auf die Hilfe von Siggi, der für ihn wie ein Sohn ist. Der Konflikt zwischen den beiden Männern spitzt sich zu, Siggi steht zwischen den Kontrahenten. Mit Christian Schwochow und Ulrich Noethen spricht n-tv.de unter anderem über "die Freuden der Pflicht", Schläge, Liebe und Frauen.

n-tv.de: Herr Noethen, hätten Sie eigentlich auch gern den Künstler gespielt, der von Tobias Moretti dargestellt wird?

Ulrich Noethen: Ja! "Lasst mich den Löwen auch spielen!" Ich hatte auch schon dieses Bild vor mir, wie ich einen etwas sympathischeren Charakter spiele. Wie ich da stehe, am Strand der Nordsee, vom Wind umbraust, mit Palette und Staffelei, (lacht), das konnte ich mir sehr gut vorstellen. Aber dass es dann andersrum gekommen ist, war gut. Wir, also Christian Schwochow und ich, haben aber nie darüber gesprochen. Warum eigentlich nicht, Christian ?

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"Entartete Kunst"? Der Polizist und der Maler, ehemals befreundet, werden zu erbitterten Feinden.

(Foto: dpa)

Christian Schwochow: Während ich den Stoff entwickelt habe, suchte ich ja für jede Rolle den passenden Schauspieler. Und ich muss sagen, es ist eine Seltenheit, dass man zwei Männer in ähnlichem Alter, gleicher - ich sage mal - Stärke und Präsenz in gleichberechtigten Rollen besetzt. Mit Uli habe ich vor acht oder neun Jahren "Die Unsichtbare" gedreht - und auch da hat er gefragt, warum ich ausgerechnet diese und nicht jene Rolle für ihn im Kopf hatte (lacht). Und mit Tobias Moretti habe ich vor Kurzem "Bad Banks" gedreht. Mir war die Besetzung ganz deutlich und klar.

UN: Ich habe mich dann ja gleich damit angefreundet. Ich sehe mich nicht so als Polizist, doch andere haben anscheinend keine Schwierigkeiten, mich in dieser Rolle zu sehen.

Das stimmt, wenn ich das als Zuschauer sagen darf  …

UN: Ich habe Christians Entscheidung auch gar nicht mehr infrage gestellt.

Das Versöhnliche ist doch auch, dass weder die eine noch die andere Figur das komplett Böse oder das komplett Gute verkörpert.

CS: Das wäre sonst ja uninteressant. Ich fange mal vorne an: Der Roman von Lenz ist einfach großartig. Als ich den vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal gelesen habe, habe ich bereits davon geträumt, daraus einen Film zu machen. Der Roman entstand etwa 20 Jahre nach Kriegsende. Es waren ganz neue Bilder über das Leben in einer Diktatur für mich. Allerdings  gab es bei Lenz eine klare Einteilung in Täter und Opfer. Das betrifft übrigens alle Figuren, auch die Frauenfiguren. Das haben wir verändert. Ich wollte das nicht so einteilen in "Da ist der Nazi, da ist der Widerständler, da ist das Opfer" - im Film ist vieles in jeder Figur drin.

Der Polizist Jepsen - er hat weiche Seiten bei aller Härte.

CS: Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass er sein Kind schlägt, weil er es liebt. Ihm sind andere Mittel nicht gegeben, um das auszudrücken. Denn das ist schon perfide, seinen eigenen Sohn loszuschicken, um zu spionieren. Seinen eigenen Patenonkel, den er ja auch liebt, auszuspionieren! Aber trotzdem spürt man da auch Liebe.

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Sonja Richter, Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter und Tom Gronau (v.l.) bei der Filmpremiere.

(Foto: imago images/Revierfoto)

UN: Auf der anderen Seite ist das ja ein großer Vertrauensbeweis.

CS: Für mich war spannend, genau diesen beiden starken Figuren mit Schauspielern wie Uli und Tobias zu besetzen, denn mit denen kommt man genau in diese Denkmuster hinein. Ich verliebe mich in diese Figuren, denn schade wäre es, solche Figuren zu verschenken, weil man sie in einer totalen Eindeutigkeit erzählt.

Dem Zuschauer tun diese Szenen auf jeden Fall weh, sowohl die Schläge als auch die psychologische Grausamkeit und auch die Liebe, die nicht anders gezeigt werden kann als durch Härte.

UN: Jens Ole Jepsen sagt sich: "Das muss nun mal so sein. Ich mach' das nicht gern, aber einer muss es schließlich tun. Und ich zeige, dass auf mich Verlass ist." Und das gilt genauso beim Durchsetzen des Malverbots für den Freund.

Szenen wie diese, wo der Polizist Jepsen seinen Sohn züchtigt als Erziehungsmaßnahme, tun ja mehr weh als große Gemetzel-Szenen, in denen man körperliche Gewalt erwartet.

UN: Beim Erarbeiten solcher "physischen" Szenen sehe ich erstmal den technischen Aspekt. Die Frage ist dann: "Wie schaffe ich diese Szene, ohne dass mein Gegenüber zu Schaden kommt?" Der emotionale Impact kommt ja immer erst hinterher. Man wundert sich als Schauspieler oft selbst, was nach dem Schnitt bei einer Szene dann herauskommt, die man beim Drehen gar nicht so heftig empfunden hat. Und am Ende des Drehtages rekapituliert man nicht nur, was man da erarbeitet hat und wie einen das seelisch angepackt hat, man hat auch damit zu tun, wieder den richtigen Abstand zu kriegen.

CS: Wir überlegen sehr genau, was wir zeigen. Darf ich den nackten Kinderpo zeigen, wenn der Junge von seinem Vater geschlagen wird? Will ich das überhaupt zeigen? Das sind wichtige Entscheidungen. Dinge müssen auch der Fantasie überlassen werden. Als Regisseur gehen mir viele  Dinge aber bereits beim Drehen oft extrem nah.

Zum Beispiel?

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Ulrich Noethen bei der Premiere.

(Foto: imago images/Revierfoto)

CS: Es sind dann kleine Szenen. Während Jepsen seinen Sohn schlägt, justiert er den Kopf des Jungen nochmal nach - das tut mir mehr weh als die Schläge selbst und ich kriege auch jetzt sofort eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich weiß aber, dass Levi und Uli ein super Verhältnis haben, das beruhigt. Das Gleiche gilt übrigens auch für Erotikszenen - solche extremen Drehs sind bis ins Kleinste vorkonzipiert, damit sie funktionieren.

UN: Christian ist tatsächlich sehr gut vorbereitet, er hat Antworten auf jede Frage, die auftauchen könnte. So, dass ich teilweise einen Überschuss an Energie bei mir empfunden habe, weil ich mich gar nicht an der Lösung der Probleme beteiligen konnte - alles war vorbereitet, ich musste nur noch spielen.

CS: Das ist natürlich eine wahnsinnige Übertreibung von Uli. Ich habe natürlich nicht auf jede Frage eine Antwort

"Die Freuden der Pflicht" - so lautet der Aufsatz, den Siggi schreiben muss in der Strafanstalt, in die er als Jugendlicher nach dem Krieg eingewiesen wird. Was fällt Ihnen zu "Die Freuden der Pflicht" ein?

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Tobias Moretti und Levi Eisenblätter

(Foto: imago images/Revierfoto)

UN: Diesen Untertitel von "Deutschstunde" hat Siegfried Lenz natürlich sarkastisch gemeint, denn ich kann nicht sehen, dass Jepsen bei der Erfüllung seiner Aufgabe viel Freude hat. Aber ich kann sagen, dass Pflicht per se keine schlechte Sache ist. Auf den Inhalt kommt es an. Über die Pflicht könnte ich längere Vorträge halten (lacht). Zum Beispiel, dass es durchaus Pflichten gibt, die man sich selbst auferlegt und die man gerne erfüllt.

Woran denken Sie da unter anderem?

UN: Zum Beispiel daran, morgens aufzustehen und die Schulbrote für die Kinder zuzubereiten. Das kann sehr schön sein.

CS: Ich hätte genau das gleiche Beispiel gebracht! Wenn ich zu Hause bin - ich bin ja beruflich viel unterwegs - dann mache ich sehr gerne die Schulbrote und begleite auch den Schulweg. Das ist eine Pflicht, die mich mit großer Freude erfüllt. Auch, wenn die Kinder das langsam gar nicht mehr wollen (lacht)

Es hat auch einen gewissen Automatismus, so eine Pflicht …

CS: Ja, aber ich habe inzwischen einen Ehrgeiz entwickelt, immer wieder neue Schulbrotkreationen zu erfinden …

CS: Uli, das kann ich nur bestätigen!

Kommen wir zu den Frauen im Film - die sind erschreckend schwach. Außer Siggis Schwester. Die verhält sich beschützend, aber die erwachsenen Frauen, Jepsens Frau Gudrun und die Frau des Malers, Ditte, sie geben auf, sie ziehen sich in ihren Schmerz und ihre Welt zurück.

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Levi Eisenblätter als Siggi Jepsen und Maria Dragus als seine Schwester Hilke Jepsen

(Foto: dpa)

CS: Im Roman ist Gudrun Jepsen ja eine glühende Nationalsozialistin, das wollten wir im Film anders erzählen: Sie hat durchaus diese Momente, in denen sich Widerstand in ihr regt, in denen sie ihre Gefühle zulässt. Aber sie hat so etwas von einer Entführten …

UN: … das Stockholm-Syndrom …

CS: … ja genau, das fand ich ein ganz tolles Bild für sie, dass sie sich mit ihrem Mann dann doch irgendwo identifiziert. Und bei Ditte ist es so, dass sie immer schwächer wird. Sie kämpft ja zuerst, aber Max will das gar nicht, und sie kann ihren Kampf nicht gewinnen, denn sie kämpft auch gegen ihre eigene innere Verzweiflung. Max ist im Prinzip sehr egoistisch.

UN: Und Ditte ist auch das Opfer des Malers, ihres Mannes …

CS: Ja, sie hat alles für ihn aufgegeben. Aber sie schafft auch vieles, ganz subtil.

Wir wollen nicht zu viel verraten und es ist auch ein bisschen von oben herab gefragt, das gebe ich zu, denn wir alle wissen nicht, wie wir uns in diesen Situationen verhalten hätten, verhalten würden. Der Film ist jedenfalls der nasse Waschlappen ins Gesicht, die ewige Frage: Wie würde ich handeln?

CS: Deswegen macht man solch einen Film, ja (lächelt). 

Die absolute Absurdität des Krieges wird besonders deutlich durch die Stille - der Strand ist fantastisch, die Sonne geht dramatisch auf und unter, es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht.

CS: Total, ja. In Lenz' Roman ist das der nördlichste Polizeiposten Deutschlands - wir wollten, dass es so aussieht wie das Ende der Welt. Es könnte auch Island sein oder ein anderer Planet. Da sind keine Panzer. Warum ein Malverbot? Der Maler fragt ja auch: "Malverbot, nun gut, in der Hauptstadt, aber warum hier?" Das ist komplett absurd. Die Landschaft und die Räume spiegeln, wie der Krieg das Leben aller verändert. Das fängt auch die Kamera ein: Drinnen die niedrigen Decken und Balken, draußen immer der Horizont. Immer der Himmel. Und trotzdem kommen die Leute da nicht weg, weil die Landschaft sie festhält. Es gibt auch keinen krakeelenden Goebbels - hier schreien die Möwen. Es gibt keine Leichen, dafür haben wir tote Tiere. Wir haben Bilder gemalt, die ausdrücken, wie schwer so ein Krieg zu verstehen ist.

"Bilder" im Kopf stelle ich mir besonders wichtig vor, wenn man sich an so einen Stoff heranwagt.

CS: Diesen Film wollte ich schon so lange drehen und ich dachte mir immer, den mache ich, wenn ich mal groß bin (lacht). Es gibt einige glückliche Fügungen, dass es dann endlich dazu gekommen ist. Es hat 12 Jahre gedauert. Ich habe einiges andere dazwischen gedreht, aber das Interesse an dem Stoff hat mich nie losgelassen.

Was ist die Kernessenz des Films, was meinen Sie? Siggi ist immer gefangen - als Kind von seinem Vater, dann zwischen Vater und Onkel, als Jugendlicher dann konkret in einer Strafanstalt, er ist gefangen in sich ….

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Selfi mit den Kollegen: Levi Eisenblätter genießt den Premierenabend, (Johanna Wokalek im Hintergrund links).

(Foto: dpa)

UN: Etwas in dieser Art habe ich noch nie gespielt,  das muss ich schon sagen. Es ist in meinen Augen so, dass die Verletzungen, die da passieren, von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wenn also jetzt die Generation derer, die dabei waren und mitgemacht haben, endgültig ausstirbt, dann ist es damit nicht getan und vorbei. Denn da sind ja noch wir. Die Erinnerungen, die Verletzungen unserer Eltern und Großeltern, die sich in deren Verhalten festgesetzt haben, wurden an uns weitergegeben. Und wir geben das auch wieder weiter. Das geht über mehrere Generationen, das ist noch nicht geheilt. Es liegt in unserer Verantwortung, davon zu erzählen und die Erinnerungen nicht untergehen zu lassen. Wir müssen etwas Sinnvolles daraus machen. Ist das vielleicht die Essenz des Filmes?

CS: Das ist eine Essenz, auf jeden Fall, und ich glaube auch, dass der Film verschiedene Assoziationen aufmacht. Das letzte Bild ist nicht Siggi, der mit seinen Heften aus der Strafanstalt geht, sondern die letzten Bilder sind die Bilder von Ebbe und Flut, über die der Abspann läuft. Ich hoffe, auch wenn das ein bisschen unmodern erscheint, dass der Film den Menschen eine gewisse Haltung mitgeben kann, nämlich die, dass sich so etwas nicht wiederholen darf. Die aktuellen Wahlergebnisse überall auf der Welt zeigen uns, dass es eine gewisse Sehnsucht nach Diktatur gibt - und das sollten wir nicht kleinreden. Wir müssen uns angucken, wo das herkommt. Gerade bei uns müssen wir hingucken und über die Wunden sprechen. Meine Mutter, die ja das Drehbuch geschrieben hat, hat ihren Vater gefragt nach der Zeit, aber er hat nie über den Krieg und seine Erlebnisse  gesprochen. Und wenn, dann hat er Geschichten erzählt, in denen er sich eine eigene Wahrheit zusammengebaut hat. Wie Uli es sagt: Wir müssen uns weiterhin mit der Vergangenheit auseinandersetzen!

UN: Ja. Wir haben diese Zeit in unserer DNA - und wir haben eine Verantwortung, diese Themen nicht untergehen zu lassen. Wir scheinen immer mehr zu vergessen, dass es noch nicht lange her ist, dass sich die Menschen in Europa mit schöner Regelmäßigkeit die Köpfe eingeschlagen haben. Von anderen Grauenhaftigkeiten ganz zu schweigen. Ist das ein Naturgesetz, dieses Vergessen?

Mit Ulrich Noethen und Christian Schwochow sprach Sabine Oelmann

"Deutschstunde" mit dem brillanten Ensemble Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Johanna Wokalek, Sonja Richter, Maria Dragus, Louis Hofmann, der Entdeckung Levi Eisenblätter und Tom Gronau läuft bereits im Kino.

Quelle: n-tv.de

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