Kino

Der Mensch ist ein grausames Tier Sebastião Salgado und "Das Salz der Erde"

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Sebastião Salgado (l.) bei den Yali in Papua.

(Foto: © Juliano Ribeiro Salgado / NFP)

Salgado hat die Schrecken der Welt - Krieg, Vertreibung, Hunger - in großartigen Bildern festgehalten und ist daran fast verzweifelt. Jetzt macht er Naturfotos. Wenders Doku "Das Salz der Erde" ist eine Hommage an den Sozialfotografen und Menschenfreund.

Die Fotografien von Sebastião Salgado lassen einen erstarren, sie halten fest, faszinieren ob ihrer großen Schönheit - und des großen Schreckens, den man oft erst bei genauerem Hinsehen entdeckt. Denn der brasilianische Fotograf, mittlerweile weltberühmt, ist das, was man einen Sozialfotografen nennt: Er geht seit 40 Jahren da hin, wo Konflikte und Krisen ihre Spuren hinterlassen, zeigt all die Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind und die einen (und ihn selbst) immer wieder fassungslos machen - und er zeigt auch die Würde, die Schönheit, die Großartigkeit des Lebens.

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Warten auf das Bild: Sebastião Salgado am Polarkreis.

(Foto: © Juliano Ribeiro Salgado / NFP)

Der deutsche Regisseur Wim Wenders, vorher bereits erfolgreich mit den Dokumentarfilmen "Buena Vista Social Club" und "Pina", hat sich nun in einem ehrfurchtsvollen Porträt dem Ausnahmefotografen Salgado genähert, gemeinsam mit dessen Sohn Juliano. Das Problem "Wie filmt man einen Fotografen beim Fotografieren, ohne dass es langweilig wird?" hat Wenders unter anderem mit einem cleveren Trick, mit einer "Teleprompter-Dunkelkammer", gelöst: Er setzte Salgado vor einen Bildschirm mit seinen Fotos, während der seine Fragen dazu beantwortete. "Die Kamera steht hinter einem halbdurchlässigen Spiegel direkt hinter dem Bildschirm und filmt ihn sozusagen durch seine Fotografien hindurch. Dadurch schaut Sebastião gleichzeitig auf seine Fotografien und blickt den Zuschauer direkt an", erklärt Wenders sein Verfahren.

Schönheit und Schrecken

Dadurch betrachtet der Zuschauer die Fotos quasi mit Salgado zusammen und bekommt gleichzeitig die Geschichte dazu geliefert: wie ist das Bild entstanden, unter welchen Umständen, welche Gedanken und Gefühle hat Salgado, wenn er es sieht? Denn neben der großen ästhetischen Schönheit, die Salgados Fotos auszeichnen, sind es vor allem Gefühle, die sie hervorrufen: Entsetzen, Fassungslosigkeit, Scham.

Salgado hat sich an so ziemlich alle bekannten und auch weniger bekannten Krisenherde der Welt begeben und im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen war er oft auch länger vor Ort, teils Monate oder Jahre. Er hat Flüchtlingsströme festgehalten, Opfer von Gewalt und Krieg, Zerstörung, unvorstellbares Leid. Die Bilder sind von einer derartigen Wucht, dass man sich unweigerlich fragt: wie kann ein Mensch das ertragen, all das Grauen - und wie kann er das auch noch fotografieren? Wie kann man seine Kamera auf Sterbende oder bereits Tote richten, auf Mütter, die nur noch Skelette sind und mit Kindern, die an ihren leeren Brüsten saugen? Und dabei noch über den geeigneten Ausschnitt, die passende Blende nachdenken?

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Ab 30. Oktober in den deutschen Kinos.

Das wurde Sebastião Salgado häufig vorgeworfen, unter anderem von Susan Sontag (in ihrem Essay "Looking at War" spricht sie im Zusammenhang mit Salgado von der "Inauthentizität des Schönen") - dass er das Leid der Menschen für seine Zwecke ausnutzt, dass er es zugleich ästhethisiert. Denn in seinen großartigen, beeindruckenden Fotos offenbart sich der Schrecken häufig erst bei längerem Hinsehen. Diesem Vorwurf muss sich wohl jeder Presse- und Reportagefotograf einmal aussetzen.

Salgado jedoch, das wird spätestens in "Das Salz der Erde" deutlich, ist kein Voyeur, er nimmt am Leid der Porträtierten großen Anteil - und er will diesen Menschen in der Weltöffentlichkeit ein Gesicht geben. Denn "alle müssen diese Bilder sehen", meint er. Um aufgerüttelt zu werden, um zu wissen, was in der Welt vor sich geht.

Der Mensch soll ruhig aussterben

Sebastião Salgado konnte das irgendwann jedoch nicht mehr aushalten - nach seinen Fotoreportagen 1994 im Kongo und in Ruanda, wo er den Völkermord an den Tutsi und die anschließende Massenflucht dokumentierte, war er völlig desillusioniert: "Ich hatte den Glauben an uns verloren." Er war zu dem Schluss gekommen: Der Mensch ist ein grausames Tier und hätte es verdient, auszusterben. Salgado war so am Boden, dass er selbst sterben wollte, wie er ganz offen bekennt. Er hatte einen Zusammenbruch und wurde schwer krank.

Danach nahm er Zuflucht in seinem Heimatland Brasilien und begann, zusammen mit seiner Frau das durch Abholzung total ausgedörrte, ausgelaugte Farmland seiner Familie wieder aufzuforsten. In jahrelanger mühevoller Arbeit ließen sie Millionen Bäume pflanzen: "Aus dem Projekt, das ursprünglich auf Familienebene bleiben sollte, wurde plötzlich ein gewaltiges ökologisches Unternehmen. ... Sie gründeten das Instituto Terra, das inzwischen zu einem der führenden Arbeitgeber in der Region geworden ist. Sie haben bereits 2,5 Millionen Bäume auf dem Gebiet der ehemaligen Ranch meines Großvaters gepflanzt, das jetzt ein Naturschutzgebiet ist, und eine weitere Million Bäume wurden auf das umliegende Land gepflanzt", erzählt sein Sohn Juliano Ribeiro Salgado.

"Genesis" - das versöhnliche Ende

Auch fotografisch wandte sich Sebastião Salgado von den Menschen ab und der Natur zu - sein Projekt "Genesis", an dem er seit 2004 acht Jahre lang gearbeitet hat, zeigt fast ausschließlich Eisberge, Tiere oder Natur - und Urvölker. Er wollte in "Genesis", seiner "Liebeserklärung an die Erde", unberührte Landschaften, die "letzten Naturräume" zeigen. Denn laut Salgado  sind "rund 46 Prozent des Planeten noch immer in dem Zustand, in dem er sich bei seiner Entstehung befunden hat." So nimmt seine bisherige Lebensgeschichte - und der Film über ihn - ein versöhnliches Ende und lässt den erschütterten Zuschauer nicht völlig ohne Hoffnung zurück. Schließlich sind die Menschen, in Anlehnung an ein Bibelzitat, doch das "Salz der Erde".

Wenders Porträt ist voller Bewunderung für Salgado und sein Werk - so voller Bewunderung und Ehrfurcht, dass kritische Fragen gar nicht erst aufkommen. Wie war das mit seiner Familie, Frau und Sohn, wo er doch oft so unendlich lange weg war? Waren sie nicht wichtig? Und was hat Salgado eigentlich über Jahrzehnte an die Orte des Grauens getrieben, immer und immer wieder? Was genau war seine Motivation?

Trotz der unkritischen Herangehensweise ist Wenders aber ein spannendes, beeindruckendes filmisches Porträt gelungen - das auch bereits ausgezeichnet wurde: auf dem Filmfestival in Cannes im Mai 2014 bekam er den Spezialpreis der Sektion "Un Certain Regard".

Die Ausstellung zu Genesis, noch bis zum 11. Januar 2015 im International Center of Photography (ICP) in New York zu sehen, kommt im Frühjahr 2015 auch nach Berlin, ins am 30. Oktober neu eröffnete C/O Berlin im Amerika Haus. Sie ist dort vom 18. April bis zum 16. August zu sehen.

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Der Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" startet am 30. Oktober 2014 in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de