Kino

Nostalgie in "Doctor Sleep" Unruhiger Schlaf für King- und Kubrick-Fans

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Mike Flanagan hat die berühmte Kettcar-Szene aus "Shining" für das Follow-up einfach noch mal neu gedreht - samt des unvergessenen Musterteppichs.

(Foto: Warner Bros.)

Mike Flanagan wagt sich 39 Jahre nach Stanley Kubricks "Shining" an die Verfilmung der Fortsetzung von Horror-Autor Stephen King. Jacks Sohn Danny ist inzwischen erwachsen und wird noch immer vom Shining heimgesucht. Und auch der Zuschauer muss im Kino durch einige tiefe Täler.

Stephen Kings literarische Fortsetzung von "Shining" zu verfilmen, war ein ambitioniertes Projekt. Nicht nur, weil King die legendäre "Shining"-Verfilmung von Stanley Kubrick missfiel und es sicherlich nicht ganz einfach war, ihn von diesem Projekt zu überzeugen. Sondern auch, weil das Buch mehr als 700 Seiten umfasst sowie zahlreiche Handlungsstränge, denen ein Film aufgrund seiner Laufzeit kaum gerecht werden kann. Auch nicht dann, wenn diese stolze 152 Minuten beträgt, womit "Doctor Sleeps Erwachen" neun Minuten länger ist als sein Vorgänger von 1980.

Horrorfilm-Regisseur Mike Flanagan hat das Mammutprojekt trotzdem gewagt, vor allem in Reminiszenz an das Original, das wohl beinahe jedem außer eben King gefiel. "Shining" mit Jack Nicholson in der Rolle des immer verrückter werdenden Autors Jack Torrence ist ein Meilenstein der Horrorfilmgeschichte oder besser: der Filmgeschichte im Allgemeinen. Etwas, das man von "Doctor Sleeps Erwachen" so nicht behaupten kann.

Sterbebegleitung der anderen Art

Wendy Torrence und Sohn Danny haben sich nach dem Erfrierungstod von Jack in Florida ein neues Zuhause gesucht - fernab jeglichen Schnees, der nur unliebsame Erinnerungen an die Zeit im "Overlook Hotel" wecken würde. Das Shining, das die tragischen Ereignisse in der Einöde des Berghotels in Colorado überhaupt erst auslöste, ist Danny deswegen aber noch lange nicht los. Seine Visionen machen ihm weiter zu schaffen, doch mit einem Trick des altbekannten Dick Hallorann gelingt es ihm, sie einigermaßen im Zaum zu halten.

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Dieser Schriftzug ist Danny noch wohlbekannt.

(Foto: Warner Bros.)

Viele Jahre später ist Dan (Ewan McGregor) dennoch vom Leben schwer gezeichnet, obdachlos und ein Säufer wie einst sein Vater, als er auf Billy (Cliff Curtis) trifft, der ihm eine Unterkunft und die Hoffnung auf ein besseres Leben bietet. Dan besucht fortan die Anonymen Alkoholiker und arbeitet in einem Hospiz, in dem er mit seinem Shining den Sterbenden den Weg ins Jenseits ebnet, was ihm den Spitznamen "Doctor Sleep" einbringt.

Wieder acht Jahre weiter, Dan ist inzwischen trocken, wird er auf übersinnliche Weise von der zwölfjährigen Abra (Kyliegh Curran) kontaktiert. Die hat dank ihres eigenen, extrem ausgeprägten Shinings entdeckt, dass die Mitglieder einer Sekte Kinder auf möglichst schmerzhafte Weise töten, um so ihre Kraft aufzusaugen und damit ihr eigenes Leben zu verlängern. Dan und Abra machen sich gemeinsam auf, um dem blutigen Treiben von Anführerin Rose the Hat (Rebecca Ferguson) und ihrem Gefolge ein Ende zu bereiten.

Zu viel Handlung, zu wenig Zeit

Was in der Zusammenfassung schon äußerst komplex klingt, ist es auch in den gut zweieinhalb Stunden im Kino. Nicht so komplex, dass man die Zusammenhänge nicht versteht, aber so, dass sie einen in weiten Teilen kaltlassen. Denn jeder Strang und jede Figur werden nur angerissen, nichts wird wirklich emotional auserzählt. In Flanagans Fokus stand eher, dem Kubrick-Original zu huldigen, und so gibt es zahlreiche Verweise auf "Shining", für die man den Film unbedingt vorher gesehen haben sollte.

Ewan McGregor, der als saufender, sich prügelnder, kotzender und moralisch fragwürdiger Dan zu Beginn noch am stärksten agiert, liefert ansonsten eine durchschnittliche Leistung ab. Highlight aus schauspielerischer Sicht ist Rebecca Ferguson, der es gelingt, Rose als Hybrid aus verführerischem Charme und kaltblütiger Entschlossenheit darzustellen. Gegen sie wirkt der Rest ihrer Mörder-Truppe so beängstigend wie eine Horde Hippies, mit denen man gerne mal einen Joint rauchen würde.

Superhelden-Film mit Horror-Elementen

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Rebecca Ferguson spielt die ambivalente Rose.

(Foto: Warner Bros.)

Bei "Doctor Sleeps Erwachen" handelt es nicht um einen klassischen Horrorfilm, sondern um einen Superhelden-Streifen mit ein paar Horror-Elementen, der in durchaus atmosphärischen Bildern erzählt wird. Der Look, den Flanagan und Kameramann Michael Fimognari geschaffen haben, ist aber nicht das Einzige, das bei Kubrick entliehen ist.

Zum Einstieg folgen wir Danny auf seinem Kettcar durch die langen Flure des "Overlook-Hotels", und schlussendlich gibt es ein Wiedersehen mit dem Jahre später völlig verfallenen Gebäude inklusive seiner vereinsamten Bar und dem Zimmer 237. Selbst Dannys Vater Jack darf noch einmal auferstehen, wenn er auch dieses Mal nicht von Jack Nicholson verkörpert wird, sondern von Henry Thomas, dem Elliot aus "E.T. - Der Außerirdische". So richtig wichtig für die Geschichte ist diese Reise in die Vergangenheit allerdings nicht. Alles in allem wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, aus "Doctor Sleep" eine Mini-Serie zu machen oder aber sich - wie einst Kubrick - aufs Wesentliche zu konzentrieren. So jedoch kommt "Doctor Sleeps Erwachen" trotz oder wegen aller Nostalgie nicht über ein solides "Befriedigend" hinaus.

"Doctor Sleeps Erwachen" läuft ab dem 21. November in den Kinos.

Quelle: n-tv.de