Kino

Ziviler Ungehorsam ist möglich Wackersdorf, gallisches Dorf in der Oberpfalz

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Landrat mit Gewissen und Verantwortung: Johannes Zeiler als Hans Schuierer (l.).

(Foto: Alamode Film)

Mal was anderes: Gute Nachrichten aus Bayern! Auf dem Filmfest München gewann "Wackersdorf" bereits im Juli den begehrten Publikumspreis der "Süddeutschen Zeitung" und des Kultur-Radiosenders Bayern 2 - und ab sofort kann sich jeder davon überzeugen, dass ein engagierter, politischer Film die Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht und großes bayerisches Kino sein kann. "Wackersdorf" handelt von den Vorkommnissen rund um das gleichnamige Dorf in den 1980er-Jahren, als sich eine breite Allianz aus Bürgern und Aktivisten gegen die dort geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage auflehnte und sogar die Eskalation mit der Staatsmacht in Kauf nahm. Regisseur Oliver Haffner hat sich des brisanten Themas angenommen und einen Film daraus gemacht, der zeigt, wie der Abschied vom Obrigkeitsdenken aussehen kann und wie Zivilcourage - auch in der Politik - funktioniert. Mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller, Johannes Zeiler, der den Landrat Schuierer spielt - einen Politiker, wie es ihn heute kaum mehr zu geben scheint, hat er sich doch mit der Regierung Strauß angelegt - unterhielt sich n-tv.de in München über Zivilcourage, das eigene Phlegma und den Bayern an sich.

n-tv.de: Das ist ein langer Film, ein wichtiger Film, bei dem man als Zuschauer miterlebt, wie die Figuren sich entwickeln, wie sie sich winden, wie sie zu dem werden, der sie dann sind.

Oliver Haffner: Danke sehr, das hört man gern.

Warum jetzt "Wackersdorf"? Die Ereignisse sind ja eine Weile her … 

Haffner: Das ist eine längere Geschichte. Vor sieben Jahren haben wir begonnen, damals geschah die Nuklearkatastrophe in Fukushima, als aufgrund eines Tsunamis ein Atomkraftwerk zerstört wurde. Daraufhin kam dann das Aus für die alten Reaktoren in Deutschland und der Plan, bis 2022 ganz aus der Kernkraft auszusteigen - das alles hat mich an meine eigene Jugend in Bayern erinnert. Ich war ja ehrlich gesagt damals ein bisschen zu jung, um mich an die Geschehnisse rund um Wackersdorf und die Wiederaufarbeitungsanlage in der Mitte der Achtziger zu erinnern. Aber meine Schwester ist eben acht Jahre älter als ich und dadurch hatte sich mein Gespür für diese Situation damals auch extrem geschärft und das hat mich auch geprägt.  

Was hat die Schwester denn gemacht?

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Oliver Haffner bei der Arbeit.

(Foto: Erik Mosoni)

Haffner: Die ist mit dem Bus zum Demonstrieren gefahren (lacht). Und das hat bei uns zu Hause doch zu diversen Auseinandersetzungen geführt. Ich komme aus einem sehr liberalen Elternhaus, aber es gab eben diese große Angst um meine Schwester, dass ihr was passieren könnte. Die Bilder haben meine Eltern schon alarmiert … 

Verständlich - es gab bei den Protesten damals ja Tote … 

Haffner: Ja, und angesichts dessen und dieser Zeit, in der ich meine Jugend erlebt habe, ist das ganze Thema tatsächlich auch mit Angst besetzt gewesen und auch mit einer großen Skepsis gegenüber staatlicher Gewalt. 

Gab es dann eine Spaltung innerhalb ihrer Familie?

Haffner: In meiner Familie zum Glück nicht, aber das Thema hat in vielen Familien natürlich Spuren hinterlassen. Kurz gesagt: Diese Sozialisation gepaart mit Fukushima hat einiges in mir wieder wachgerufen und ich habe mich gefragt, ob es das Thema bereits als Spielfilm gibt. Gab es nicht, zum Glück, und damit bin ich dann zum Ingo Fliess gegangen, dem Produzenten, der auch aus der Oberpfalz kommt. Der stand übrigens tatsächlich selbst am Bauzaun. 

Und dann haben Sie gemeinsam das Thema für den Film entwickelt?

Haffner: Ja, denn Ingo konnte sich an den Landrat Hans Schuierer erinnern, den es wirklich gegeben hat. Und dann haben wir begonnen, zu recherchieren. 

Und jetzt kommen Sie ins Spiel, Herr Zeiler, denn Sie spielen den Landrat Schuierer.

Haffner: Da muss ich noch ganz kurz dazwischenfunken: Der Johannes Zeiler ist mein absoluter Besetzungswunsch gewesen. Sehr früh schon. Und daher hab' ich ihn einfach angerufen … 

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Held wider Willen, da er seinem Gewissen folgt, nicht der Macht: Hans Schuierer.

(Foto: Alamode Film)

Johannes Zeiler: Naja, wir kennen uns schon aus der Schauspielschule (lacht), er hat Regie studiert, ich Schauspiel, daher haben wir sozusagen prägende Jahre miteinander verbracht. 

Haffner: Und nach unserem ersten Treffen war klar, dass wir das beide wollen. Und dann begann die Vorbereitung. Das Tolle ist, dass Johannes quasi eine szenische Autorenschaft an dem Film mitträgt. Im Endeffekt hat das, was Johannes daraus gemacht hat, meine Erwartungen gesprengt, muss ich wirklich sagen. 

In dem Moment, in dem der Landrat anfängt zu denken, der Moment, in dem sein Gewissen einsetzt und er anfängt, ganz anders zu arbeiten, da bekommt man tatsächlich Gänsehaut. Man bemerkt den Zwiespalt, der in ihm immer größer wird: Arbeitsplätze schaffen contra Umwelt erhalten. 

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Hans Schuierer 1989 - heute ist der SPD-Politiker 87 Jahre alt.

(Foto: imago)

Zeiler: Ja, das war ein ganz schöner Ritt auf der Rasierklinge. Ich musste mich da auch sehr herantasten, denn zugegebenermaßen konnte ich mich zu Beginn der Dreharbeiten nicht mehr an die Thematik Wackersdorf erinnern. Ich bin ja Österreicher und wir hatten unsere eigenen Themen. Ich erinnere mich an die Parallelen, die es zu unseren heimischen Themen hatte, aber eben nicht so konkret, da musste ich mich jetzt einarbeiten.

Die Demonstranten kamen aus allen Alters- und Sozialschichten  - das ist ja etwas total Tolles, wenn ein Thema die Menschen so vereinen kann. In Wackersdorf scheinen keine Krawall-Touristen gewesen zu sein, man hatte ein gemeinsames Ziel. Brauchen wir heute nicht auch wieder mehr Menschen auf den Straßen, die sich einsetzen für ihr Ziel?

Zeiler: Ich denke, die Zuschauer sehen, dass es einen riesigen Unterschied zur heutigen Zeit gibt, auch wenn die aktuellen Ereignisse im Hambacher Forst und die zahlreichen "Wir sind mehr"-Demos ein anderes Bild abgeben. Die Schwelle, auf die Straße zu gehen und für eine Sache einzustehen, ist gar nicht mal so hoch - sie ist nur wahnsinnig lang. Dieser Weg ist voll mit "Es betrifft mich doch gar nicht", "Ich kann eh nix machen", "Da werde ich gefilmt" und "Häh, jetzt?" So zu demonstrieren wie damals ist ja eine körperlich anstrengende, riskante Sache, die die Menschen da gemacht haben. Es gibt Leute, die haben dort Wochen verbracht, Urlaub dafür genommen, um zu protestieren. Sie haben Leib und Leben riskiert. Das macht man dann, wenn man sich persönlich wirklich bedroht fühlt. 

Gibt es heute keine Bedrohungen dieser Art mehr? 

Zeiler: Doch, aber sie sind anders, subtiler. Die Bedrohungen kommen angeschlichen und es braucht ein gutes Sensorium, um zu begreifen, dass da wirklich eine Gefahr lauert. Ich muss mich aber auch selbst am Schlafittchen packen, denn natürlich gibt es heute, wie gesagt, auch Demos, und dann geht man doch nicht hin. Weil immer irgendwas ist: man dreht, man hat was anderes vor. Unsere satte Daseinslage hält uns da schon ganz schön auf.

Das Sensorium, sagen Sie, das Gefühl für etwas zu haben, das ist doch aber besonders wichtig. Das kommt im Film gut raus, wie lange es braucht, ehe man wirklich kapiert, was um einen herum geschieht.  

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Die Proteste in Wackersdorf dauerten sieben Jahre. Noch heute ist die "Lex Schuierer" in Kraft, mit der die damalige Staatsregierung den Widerstand des Politikers aushebeln wollte.

(Foto: dpa)

Haffner: Die Frage ist immer: Wie bereit bin ich, ein Risiko einzugehen? Will ich wirklich meine Position in Frage stellen? Das ist ja das Großartige an der Figur des Hans Schuierer: Ein Mensch geht einen Weg, bei dem er wirklich alles riskiert. Er riskiert seine berufliche Sicherheit, seine finanzielle Absicherung, er ist nicht mehr der Jüngste und trotzdem sehen wir ihm quasi beim Denken zu, dabei, wie er alles aufs Spiele setzt. Auch privat.

Zeiler: Und er sagt gar nicht mal so viel. 

Haffner: Das ist das Tolle an ihm und an dir, Johannes, das ist das, was eine Schauspielkunst ausmacht. 

Sie haben sicher viel Originalmaterial gesichtet, viele Gespräche geführt … 

Haffner: Ja, die Recherche war aufwendig. Über Jahre, immer wieder. 

Zeiler: Ich habe mir alles, was ich über Hans Schuierer finden konnte, natürlich angesehen, weil ich den so nah wie möglich spielen wollte. Und das Drehbuch hat natürlich geholfen. Mir gefiel von Anfang besonders, dass der an vielen Stellen einfach gar nichts sagt (lacht). Dass aber jede Menge passiert. Es gibt eine Qualität des "Nichtssagens". 

Eine ganz andere Art, einen Film anzugehen. Langsamer, nicht so viele schnelle Schnitte - aber auch ein bisschen grau, oder? Die arme Oberpfalz!

Zeiler: Nichts gegen ein schönes Granitgrau, bitte!

Haffner: Ich glaube an die Kraft des Kinos und daran, dass es eine Reise ist an Ort und Welten, die man nicht kennt. Diese Mentalität einzufangen - also wenig sprechen, aber wenn, dann hat es etwas zu bedeuten, das macht diese Region so eigen. Genauso haben wir versucht, eine Landschaft einzufangen, mit ihren Menschen, möglichst authentisch, und das hilft dann hoffentlich dabei, dass dieser Film allgemeingültig verständlich ist. 

Wie unglaublich man angelogen wird! Das wird auch im Abspann besonders deutlich. 

Zeiler: Ja, es geht darum, das Regelwerk der Lenkung selbst in die Hand zu nehmen, sich nicht alles von Politikern oder Industrie gefallen zu lassen. Deswegen wird aus dem Politiker Schuierer auch der Bürger Schuierer. 

Haffner: Wackersdorf ist der Initialmoment für die Entwicklung der bayerischen Zivilgesellschaft, denke ich. Der Abschied vom Obrigkeitsdenken. Der Bayer braucht etwas länger, ehe er sich bewegt. Aber wenn, dann bewegt er sich heftig. (lacht)

Mit Oliver Haffner und Johannes Zeiler sprach Sabine Oelmann.

Quelle: n-tv.de

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