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Pippi Langstrumpf in modern Was Fahri Yardim mit Rambo zu tun hat

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Fahri Yardim und Luna Marie Maxeiner bei der Premiere von "Rocca verändert die Welt" am 3. März in Hamburg.

(Foto: www.imago-images.de)

Rocca ist elf Jahre alt und führt ein ungewöhnliches Leben: Während ihr Vater als Astronaut aus dem Weltall auf sie aufpasst, lebt Rocca mit dem Eichhörnchen Klitschko zusammen und geht zum ersten Mal auf eine normale Schule. Dort fällt sie durch ihre unbekümmerte und unangepasste Art sofort auf. Angstfrei stellt sie sich den Mobbern der Klasse, denn für Rocca steht Gerechtigkeit an erster Stelle. So versucht sie auch ihrem obdachlosen Freund Caspar (Fahri Yardim) zu helfen und nebenbei das Herz ihrer Oma (Barbara Sukowa) zu gewinnen. Immer optimistisch beweist Rocca, dass auch ein Kind die Kraft hat, die Welt zu verändern. Fahri Yardim zumindest ist davon vollkommen überzeugt, wie er n-tv.de im Interview verraten hat.

n-tv.de: Drehen mit Kindern - wie ist das für einen, der in der letzten Zeit vor allem durch seine Rollen in "Dogs of Berlin", "Abgeschnitten", "Tschiller" und in der Serie "jerks." präsent war, bei denen er den harten Kerl spielt? Oder den lustigen? Denn jetzt ist deine Rolle eine ganz andere.

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Keine weiteren Fragen.

(Foto: www.imago-images.de)

Fahri Yardim: Es hat eine gewisse Freiheit, etwas Unmittelbares, wenn man mit Kindern dreht. Das macht das schönste Schauspiel aus, sich im Moment zu verlieren. Kinder stören die professionelle Abliefermaschine. Es ist ein dümmliches Klischee, mit Tieren und Kindern am Set sei es am schlimmsten. Im Gegenteil: Erwachsene sind oft die fieseren Totalausfälle. Mit Luna Maxeiner (Darstellerin von Rocca, Anm.d.Red.) habe ich mich herrlich verstanden. Alles in ihrer Gegenwart ist in Bewegung, sie ist ein Sonnenschein versprühender Flummi.

Inwiefern?

Beim Drehen mit Kindern wird immer besonders darauf geachtet, dass eine friedlich fröhliche Atmosphäre herrscht. Auch die Erwachsenen kommen in den Genuss - in den Pausen gibt es Unterhaltungsprogramme und Bonbons.  

Und dann machst du beim Unterhaltungsprogramm mit?

Klar, ich bin inzwischen Weltmeister im Seifenblasenmachen. Auch wenn der Schein der fertigen Filme trügt, an vielen Sets herrscht eine hässlich aggressive Grundstimmung. Bei Kinderfilmen nicht, der Kinderfilm glänzt geradezu dagegen an. Ich hätte ewig so weiterdrehen können, denn es war eigentlich eine Reise auf tausend Regenbogen.

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Caspar erzählt Rocca, warum er auf der Straße lebt.

Kann es sein, dass Kinder ziemlich perfekt auf die Welt kommen und wir sie dann im Laufe der Zeit verbiegen? Kindergarten und Schule haben natürlich viel Gutes, aber es wird dort eben auch vieles "aberzogen" …

Du meinst, dann gehen die Restriktionen los? Dann werden sie domestiziert?

Ja, inklusive ihrer Eltern.

(lacht) Ich weiß was du meinst, aber ich denke, ganz so schlimm ist es nicht. Ich werde mich nicht in eine romantisierte Verteufelung des Vernünftigen einreihen. Es ist nicht alles fluffig und frei. Wir leben in einer Gemeinschaft, die will gestaltet werden. Auch wenn es hübsch klingt, "Kinder an die Macht", das wäre unser aller Untergang (lacht). Verantwortung verlangt nach einem entwickelten Geist. Andererseits erinnert das Kindliche an die Unverstelltheit der Dinge, an das Staunen und das Spiel. Dem liegt jede Menge Magie inne, die man sich erhalten sollte, die man vor allem aber Kindern zugestehen sollte, bevor man sie in den Gehorsam presst. Der kindliche Geist hat eine unbändige Kraft.

Der von Luna oder der von Rocca?

(lacht) Beide. Luna, die Schauspielerin, verleiht der Figur Rocca diese Macht.

Macht?

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Die Oma hat zunächst Probleme mit ihrer ungewöhnlichen Enkelin.

Ja, die Macht, Freundlichkeit zu versprühen, Frohsinn auszustrahlen. Sie ist komplett unverstellt. Und natürlich schwingt in dieser Kostbarkeit die Befürchtung mit, es könnte vergehen.

Und die Kindheit ist der kürzeste Zeitraum im Leben eines Menschen - das sollte man immer bedenken. Aber zurück zu Rocca, deren Leben ja ein bisschen wie ein Märchen ist, und zum Film: Du spielst einen Obdachlosen, kannst aber natürlich was - du warst nicht immer auf der Straße. Du darfst dich auch verlieben. Eine Frage, die sich bei den meisten Obdachlosen vielleicht gar nicht stellt … Hast du dich auf das Leben auf der Straße vorbereitet?

Method Acting? (lacht) Nee, ehrlich gesagt nicht. Obdachlosigkeit schwingt aber immer mit in der Großstadt. Sie begegnet mir. Dass wir Obdachlosigkeit zulassen, verlangt nach einer kritischen Reflexion unserer Gesellschaft, unseres Zustandes. Und ist dabei immer eine Erschütterung unserer Selbstverständlichkeit. Ich habe mich nicht drei Monate unter die Brücke gelegt, ich habe mich instinktiv genähert. Zudem ist "Rocca" eine märchenhafte Erzählung, weniger das naturalistische Drama. Der Film führt wunderbar vor, dass hinter den Gesichtern, die von der Straße geprägt sind, Geschichten stehen. Diese Menschen sind keine fernen Monster. Und dieser Erzählung, dass sie keine Fremden sind, schon gar keine Freaks, wollte ich gerne beiwohnen. Die schweren Schläge des Lebens werden von Roccas bedingungsloser Offenheit umarmt, bis sich der verlorene Funke wieder entfacht. Denn darin ist sie mit ihrer Unbekümmertheit bereits Meisterin. Sie erinnert daran, dass das Leben, egal wie schwer es ist, trotzdem lebenswert sein kann.

Man geht tatsächlich sehr beschwingt und nachdenklich aus dem Film und denkt: Ich muss jetzt sofort etwas machen.

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Fast wie bei Pippi Langstrumpf - es gibt auch eine Annika und einen Tommy.

Man will die Welt verändern, stimmt. Wir können in einem so reichen Land wie Deutschland nicht zulassen, dass es Obdachlosigkeit gibt. Das falsche Versprechen, dass der Markt alles von selbst regelt, gilt ja häufig noch als alternativlos. Ich bin kein Revolutionär, aber ich ruhe nicht vor dieser Ungerechtigkeit. Ich wünsch' mir größere Gesten, ich wünsche mir strukturelle Veränderungen. Dazu braucht es eine tiefere Beweglichkeit. Und wenn ein Film wie "Rocca" es schafft, uns auf fröhlichste Weise aus der Hemmung zu schubsen, ist es zumindest ein kleiner Beitrag für eine bessere Welt.

Das andere große Thema im Film ist das Thema Mobbing: Kinder können grausam sein. Waren sie schon immer. Aber es hat ja mit dem Gebrauch von Handys und dem Internet sehr viel krassere Formen angenommen.

Auch wenn ich gerne Parolen schwinge, ich bin kein Experte (lacht). Ich mach hier jetzt nicht den Opa und auf modernisierungsfeindlich, denn "Rocca" lehrt zum Beispiel auch, dass man mit dem Medium Internet kostbar umgehen und schöne Dinge erreichen kann.

Wir wurden alle mal gehänselt oder blöd gefunden, so viel steht wohl fest …

Ich sah früher aus wie eine Mischung aus Steve Urkel und Rambo, mit Glitzerzahnspange und riesiger Brille, und ich bin glimpflich davongekommen. Lag an meiner Schule. Meine Eltern hatten den Instinkt, mich da in einen unfassbar achtsamen Raum zu entlassen. Ich wäre untergegangen, wenn ich auf härtere Pflaster geraten wäre.

Und was war das für eine Schule?

Eine sogenannte "Freie Kinder Schule". Und davor in einem Kinderladen, alles sehr antiautoritär. Sehr progressiv, sehr achtsam. Wie es auch abgehen kann, habe ich an der Schule nebenan gemerkt, in dem Haifischbecken wäre ich garantiert untergegangen. Vielleicht kann der Film uns daran erinnern, dass wir alle mal wieder ein bisschen netter zueinander sein sollten. Wir sind doch alle eins, am Ende des Tages. Klingt esoterisch, ist aber so.

Wie gehst du damit um, wenn du gemobbt wirst?

Katja Benrath (l), Regisseurin, und Hilly Martinek, Drehbuchautorin, kommen zur Weltpremiere des Films. Foto: Georg Wendt

Regisseurin Katja Benrath und Drehbuchautorin Hilly Martinek.

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Ich bin auch ein zartes Pflänzchen und natürlich, wenn ein Shitstorm über einen hinweghagelt, dann lässt mich das nicht kalt. Ich habe bei Freunden erlebt, wie tief das gehen kann. Aber ich habe auch eine gewisse Lust an Kritik, ich wachse daran. Zu viel Lobhudelei ist mir zu öde, ich werde dann gemütlich. Ich war zu lange Everybody's Darling - es freut mich, wenn der Wind mal etwas rauer weht. Daran kann man dann wachsen. Aber Unverschämtheiten tun weh, die machen klein.

Schwer vorzustellen allerdings, dass jemand sich an dir mobbingtechnisch abarbeitet, du hast ja eine riesige Bandbreite. Du darfst cool sein wie in "Dogs of Berlin", die bist witzig, wie bei "jerks.", …

Danke …

… du spielst in Kinderfilmen den Netten. Du musst doch total happy sein!

Ja, ich kann nicht meckern, bin gut aufgestellt, und dass ich so vielfältige Facetten zeigen darf, ist ein schönes Gefühl. Ich muss mich dafür aber manchmal ganz schön heftig wieder einsammeln, so persönlich. Dennoch, diese Kontraste zwischen Härte im "Tatort" und Regenbogenwelt bei "Rocca" sind fantastisch. Ich bin übrigens gern dabei, liebe Warner Bros., wenn "Rocca" fortgesetzt werden sollte, das unterschreibe ich hier an Ort und Stelle.

Mit Fahri Yardim sprach Sabine Oelmann

"Rocca verändert die Welt" läuft ab dem 14. März im Kino.

Quelle: n-tv.de

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