Kino

Peter Lindbergh und die Frauen "Women's Stories" - ein Meister gewährt Einblicke

Der Meister und seine Mädchen - Peter Lindbergh vor einem Foto mit Karen, Rachel, Estelle, Linda, Tatjana und Christy.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

"Peter Lindbergh - Women's Stories" ist eine einfühlsame Dokumentation über einen der wohl wunderbarsten Fotografen unserer Zeit. Dem "Regisseur unter den Fotografen", der mit seinen Bildern nicht nur Supermodels gemacht hat, sondern vor allem Geschichten erzählte, in denen die Frauen, die vorher nur "Kleiderstangen" waren, eine echte Personality entwickeln durften, widmet Jean Michel Vecchiets seinen Dokumentarfilm. Vecchiet erzählt die außergewöhnliche Geschichte eines Mannes, der zu den größten Fotografen des 20. Jahrhunderts zählt, mit ruhiger, dezenter Kamera und sagt: "Die Fotografien von Peter Lindbergh beinhalten etwas Fundamentales, das was einen Künstler dazu treibt, ein bewusstes und unbewusstes Erbe seiner Arbeit zu erschaffen." Wir erfahren viel über Peter Lindberghs Kindheit, geprägt von den Spuren des 2. Weltkriegs, auf seinem Lebensweg bis hin zum Starfotografen - erzählt wird das Ganze von seinen Begleitern und vor allem seinen Begleiterinnen: Schwestern, Ehefrauen, Freundinnen, Mitarbeiterinnen. Mit n-tv.de sprach der - unglaublicherweise - 75-Jährige über Kreativität, Selfies und seinen Antrieb.

n-tv.de: Wo Sie nun so viel Schönheit in Ihrem Leben um sich herum hatten und immer noch haben - was ist da eigentlich noch schön für Sie?

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Peter Lindbergh: Die Schönheit, von der man so im Allgemeinen spricht, die ist überhaupt nichts wert.

Ui - das aus Ihrem Mund klingt erstmal ungewohnt …

(lacht) Ich weiß, aber ich meine damit diese gleichförmige Art von Schönheit, die ich mit einem Radiospot vergleichen würde. Dieser Radiospot, der mir unbedingt etwas verkaufen will, mit einer Stimme, die in mir Vertrauen oder was weiß ich erwecken soll. Und solche Gesichter gibt es eben auch, die werden allgemein für schön gehalten, sind aber vor allem eines: langweilig.

Ein Gesicht, das etwas ganz Besonderes hat, so ein Gesicht wie das von Tatjana Patitz, ist für viele das Erotischste überhaupt.

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(Foto: instagram/ the realpeterlindbergh)

Ja, zu Recht, Tatjana hat etwas Besonderes, etwas Einmaliges. Ansonsten finde ich übrigens sehr viel Schönheit in Architektur.

Und sich selbst auf der Leinwand zu sehen, wie in dem Film jetzt, wie ist das für Sie?

Erstaunlich gut. Ich hatte erwartet, dass in dem Film irgendwann irgendjemand etwas sagt, wo ich peinlich berührt auf allen vieren aus dem Kino robben muss, aber das ist nicht eingetreten (lacht). Das Wichtigste für mich ist, dass man in dem Film keinen Star aus mir gemacht hat, ich bin nicht so der Typ für Glamour. Ich habe übrigens von Anfang an gesagt, dass ich kein Recht darauf habe, an dem Film rumzunörgeln. Ich habe mich auf dieses Wagnis eingelassen, also bitteschön.

Normalerweise läuft das ja immer anders, normalerweise wollen alle ein Mitspracherecht haben …

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Ja, aber für mich zählt nur das Ergebnis. Ich habe das auch immer so gehandhabt: Wenn ich Fotos von Nicole Kidman auf dem Times Square haben will, dann muss ich mit Nicole Kidman auf den Times Square gehen. Das finden Agenten natürlich unmöglich, fragen, ob das ein Witz sei, aber während die noch diskutieren, gehe ich mit Nicole Kidman bereits los und wir sind auf dem Times Square, während alle anderen sich noch überlegen, ob das eine gute Idee ist. Und am Ende kommt ein Foto dabei raus, was super ist.

Das heißt, Sie haben selbst die größten Diven im Griff …

Naja, das heißt eigentlich nur, dass ich inzwischen gelernt habe, mit Diven und ihrer Umgebung umzugehen. Wenn ich Fotos von Naomi Campbell im Pool machen wollte, dann war mir vorher klar, dass sie rummeckern wird, dass ihr kalt ist, dass sie Theater macht …

Nervt das nicht?

Das ist mir egal (lacht). Hier rein, da raus. Das heißt einfach nur, dass es ein paar Minuten länger dauert, das ist alles.

Waren Sie schon immer so gelassen?

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(Foto: instagram/ therealpeterlindbergh)

Ich habe es versucht. Manche Sachen muss man aussitzen, das ist alles. Der Trick ist, den- oder diejenige vor der Kamera denken zu lassen, dass die neue Pose, das andere Licht, der bessere Winkel deren Idee war (lacht). Das ist alles. Wenn man Leute immer anbrüllt: "Baby, jetzt guck' mal nach links, hüpf' nach rechts, nein, noch ein bisschen!", dann macht man ja Roboter aus denen, das will keiner. Alicia Vikander hat über mich gesagt: "Der ist wie die großen Regisseure - er sagt nicht viel", und das nehme ich mal als Kompliment.

In den Neunziger ging es los mit den Supermodels …

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(Foto: instagram/ therealpeterlindbergh)

Ja, das lag unter anderem daran, dass ich richtige Geschichten mit meinen Fotos erzählen wollte. 1990 war das mit Helena Christensen und dem Marsmenschen in der Mojave-Wüste. Dann wurden die Mädchen alle zu Supermodels und es reichte, wenn man sie vor eine Mauer stellte. Erst 2000 konnte ich wieder anfangen, narrativ an die Bilder heranzugehen. Da konnte ich meine Marsgeschichten von Invasionen und so weiter erzählen - da konnte ich endlich wieder Fotograf sein.

Mit Regisseur Vecchiet wirken Sie sehr vertraut - ist das ein richtiger Eindruck?

Er ist früher schon viel mit uns mitgereist, um unsere Arbeit filmisch zu begleiten. Das Tolle an ihm war immer, dass er einfach verschwand. Das hört sich jetzt ein bisschen gemein an, aber er war nicht zu sehen, verhielt sich dezent und war im Hintergrund. Sehr gut, mit ihm zusammenzuarbeiten! Und sehr überraschend jetzt für mich: Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, an vieles konnte ich mich kaum erinnern. Und er hatte mich schon vor einer Weile gefragt, ob er über Polen in seinem Film erzählen darf.

Und was haben Sie gesagt?

Gerne! Ich konnte mich endlich entschuldigen bei den Leuten aus der Stadt, in der ich in Kriegszeiten geboren bin - die waren nämlich bei der Premiere auf der Berlinale. Sie haben mir eine Medaille und ein Bild geschenkt, was mich unendlich gerührt hat. Sie haben mich eingeladen und ich kann endlich damit anfangen, meine Vergangenheit zu bewältigen.

Bereiten Instagram und Co einem gestandenen Fotografen eigentlich eher Sorge, weil jetzt schließlich alle fotografieren, oder auch Freude, weil man sich selbst und seine Arbeit dort prima präsentieren kann?

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(Foto: instagram/ therealpeterlindbergh)

Letzteres. Viele Leute machen mit ihren Handys bessere Fotos als einige ausgebildete Fotografen (lacht). Nein, aber es ist ein gutes Medium, um sich zu präsentieren. Ich bin nur kein großer Freund von Selfies, jedenfalls nicht von meinen eigenen. Ich sehe schrecklich aus auf Selfies.

Viele Ihrer Wegbegleiter kommen zu Wort und dürfen über Sie erzählen - am berührendsten finde ich Ihre Schwester. Und am witzigsten. "Auf einer Skala von eins bis sechs bekam Peter in der Schule oft eine acht", sagt sie zum Beispiel.

Ja, der Regisseur war wirklich gründlich (lacht). Er ist schließlich bis nach Lesno gefahren, hat sogar meine Geburtsurkunde wiedergefunden. Und natürlich war es ein Leichtes für ihn, Sachen aus meiner Schwester herauszuholen, an die ich mich selbst kaum erinnern kann.

"Arbeit ist Leben" heißt es im Film - wenn man Ihnen die Arbeit wegnimmt , dann ist das kein Leben mehr für Sie?

Das hat meine Ex-Frau gesagt (lacht)! Wir haben ja zusammen angefangen. Das ist schon süß: Im Film klingt es ein bisschen so, als hätte sie "mich gemacht" - und wenn ich länger darüber nachdenke, dann stimmt das ja auch irgendwie (lacht). Ich habe aber immer versucht, eine menschliche Perspektive auf meine Arbeit zu legen, ich arbeite ja eigentlich immer. Wenn mich jemand fragt, ob ich etwa die ganze Nacht gearbeitet hätte, dann sage ich: "Nee". Aber ich hab' da natürlich gesessen und gearbeitet, ich empfinde das nur nicht so.

Sie sind 75 ...

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Lindbergh vor einem Porträt von Tatjana Patitz bei der Filmpremiere während der Berlinale im Restaurant Grosz.

(Foto: soe)

... ja, und ein paar Jahre will ich noch machen! Mit den vorhandenen Fotos sollte ich allerdings wirklich noch etwas anstellen. Ich sollte vielleicht aufhören, ständig weiter zu produzieren. Ich wüsste nicht, ob das, was ich heute mache, für irgendjemanden interessant ist. Früher konnte man da noch mehr machen, mit den Supermodels. An dem Frauenbild rumzuschmirgeln war damals wirklich interessant. Heute sollte ich vielleicht lieber Platz machen für die Jungen, da passieren so viele Sachen. Alles hat sich geändert. Die großen Meister braucht kein Mensch mehr.

Würden Sie Frauen angesichts der MeToo-Debatte heute anders inszenieren?

Neee! Ich hatte immer einen natürlichen Respekt vor Frauen - auch vor Männern - und eine große Abneigung dagegen, Einfluss auszuüben, bloß weil man der und der ist oder das und das kann oder macht. Wenn Leute zu mir kommen und sagen: "Es ist so eine Ehre, Sie kennenzulernen", dann denk' ich immer, sind die bekloppt? "Ich freu' mich auch, Sie kennenzulernen", sag' ich dann. Also bitte, ich bin doch keine Mumie! Oder wenn sich Leute ständig bei mir entschuldigen - schlimm! In mir steckt noch immer der Duisburger Junge. Mein Traum ist es, um auf MeToo zurückzukommen, dass Frauen in einen Fahrstuhl steigen und mit einem Mann in den 20. Stock fahren können, ohne Angst vor sexueller Belästigung haben zu müssen - das wäre eine ideale Welt.

Wer darf Sie eigentlich fotografieren?

Ich hasse es wirklich, fotografiert zu werden. Aber einer meiner Söhne hat mal Fotos von mir gemacht, mit denen ich leben kann. Ich habe einfach nicht bemerkt, dass er auf den Auslöser gedrückt hat. Aber sonst: Die reine Tortur! 

Mit Peter Lindbergh sprach Sabine Oelmann

"Women's Stories" startet am 30. Mai im Kino.

Quelle: n-tv.de

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