Kino

Kosslicks letzte Berlinale Zum Abschied winken die Stammgäste

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Vom 7. bis 17. Februar steht Berlin im Zeichen der Berlinale.

(Foto: REUTERS)

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat sich für seine letzte Runde mit Filmschaffenden von Francois Ozon bis Tilda Swinton einen Haufen alter Bekannter eingeladen. Sein Abschiedsthema: "Das Private ist politisch."

Es ist, als würden sie zu Ehren von Festivaldirektor Dieter Kosslick zum Abschied alle nochmal Spalier stehen. Im Wettbewerb der am Donnerstag startenden 69. Berlinale sind Regisseure wie Francois Ozon, Isabel Coixet, Agnieszka Holland und Zhang Yimou vertreten, die Kosslick wieder und wieder in die Sektion holte. Auf dem roten Teppich werden Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve, Diane Kruger und Tilda Swinton erwartet, die "Mr. Berlinale" seit Jahren die Treue halten. Und auch Jury-Präsidentin Juliette Binoche, Jury-Mitglied Sandra Hüller und Ehrenbären-Preisträgerin Charlotte Rampling zählen zum Kreis der Stammgäste. 

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Dieter Kosslick verabschiedet sich von dem Festival.

(Foto: imago/snapshot)

Traditionell gibt die Berlinale jedes Jahr einen programmatischen roten Faden aus. Offiziell ist das dieses Jahr der 68er-Spruch "Das Private ist politisch". Inoffiziell ist es: Kosslick - und wie und mit wem er das Festival prägte. Der 70-Jährige, dessen künstlerische Auswahl vor einem Jahr heftig in die Kritik geraten war, nimmt nach 18 Jahren Schal und Hut und macht ab 2020 Platz für das Duo aus dem Italiener Carlo Chatrian und der Niederländerin Mariette Rissenbeek. Und so gut gelaunt, wie sich Kosslick aktuell öffentlich gibt, sieht es sogar nach einer reibungslosen Schlüsselübergabe aus.

Aber zurück zum offiziellen Motto, das vor allem durch Familiendramen illustriert wird. Lone Scherfigs Eröffnungsfilm "The Kindness of Strangers" etwa thematisiert das Überleben in der Großstadt, "So Long, My Son" von Wang Xiaoshuai die Folgen der Ein-Kind-Politik Chinas. Im Coixets bereits von Netflix eingekauften "Elisa und Marcela" geht es um eine lesbische Liebe um 1900, in "Piranhas" nach dem Roman von Roberto Saviano um Jugendbanden in Neapel. Ozons "Gelobt sei Gott" bringt den laufenden Prozess gegen Kardinal Barbarin auf die Leinwand, der jahrelang den sexuellen Missbrauch Minderjähriger deckte.    

Hollywood-Flair mit Christian Bale

Zu den drei deutschen Beiträgen gehören Nora Fingerscheidts Debüt "Systemsprenger" über einen gegen alle Regeln verstoßenden Neunjährigen und "Ich war zuhause, aber" von Angela Schanelec über einen 13-Jährigen, der für eine Woche verschwindet und wortlos zurückkehrt. Den Wettbewerb auflockern wird wohl Fatih Akins "Der Goldene Handschuh", auch wenn die Story erstmal gruselig klingt: Die Adaption des Heinz-Strunk-Romans ist ein Porträt des Serienmörders Fritz Honka, der in den 70ern in Hamburg-St. Pauli Frauen zerstückelte.

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Berlinale-Tickets sind wie jedes Jahr begehrt.

(Foto: imago/Future Image)

Das Hollywood-Kino ist mit "Vice - Der zweite Mann" von Adam McKay vertreten, eine Satire über Dick Cheneys Aufstieg zum US-Vizepräsidenten. Hauptdarsteller Christian Bale, der für die Rolle nicht nur reichlich Übergewicht, sondern auch einen Golden Globe bekam, wird den Film persönlich vorstellen und etwas Glamour auf den roten Teppich bringen. Da sieht es in diesem Jahr, in dem treue Weggefährten vor Stars gehen, nämlich eher mau aus.

Insgesamt sind bis zum 17. Februar 400 Filme zu sehen, 23 davon laufen im Wettbewerb, 17 konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären. Sieben Wettbewerbsfilme sind von Frauen - nach den Quotendebatten der vergangenen Jahre ein Schritt Richtung Parität. Sektionsübergreifend ist die politische Lage in Brasilien, wo der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro das Sagen hat, ein Thema. Auch Musik gehört inzwischen fest zur Berlinale - im Special etwa mit dem Konzertfilm "Weil du nur einmal lebst" über die Toten Hosen.

Zombies und Aliens

Generell lohnt es immer, über den Tellerrand der Königsreihen zu schauen. So läuft im Panorama "Skin" mit Jamie Bell: Darin schildert der israelische Regisseur Guy Nattiv die wahre Geschichte eines rechten Szeneaussteigers, der quasi flächendeckend mit rechten Parolen und Symbolen tätowiert ist. In der Perspektive Deutsches Kino dokumentiert "Berlin Bouncer" anhand der Biografien von drei legendären Türstehern, darunter Berghain-Wächter Sven Marquardt, wie sich Berlins Nachtleben im Laufe der Jahrzehnte veränderte.

Wem es nicht skurril genug sein kann, dem empfiehlt sich im Forum die Ulrich-Seidl-Produktion "Die Kinder der Toten": Aus Elfriede Jelineks Roman wurde ein Super-8-Stummfilm, in dem Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie durch die Steiermark geistern. Und im argentinischen "Brief History from the Green Planet" erfährt eine Transfrau, dass ihre Oma zuletzt mit einem Alien zusammenlebte.

Auch angesichts solcher Vielfalt betonte Kosslick jüngst mit Blick auf die Konkurrenz durch Netflix und Co, er sei nicht nur vom Fortbestand des Kinos überzeugt. Festivals würden sogar an Bedeutung zunehmen, "weil sie Filme zeigen, die man sonst nicht sehen kann".

Quelle: n-tv.de

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