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389 Tage Mosaic-Expedition Das ewige Eis schmilzt

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Markus Rex hat die Expedition mit vorbereitet und schließlich geleitet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mehr als ein ganzes Jahr war Markus Rex in der Arktis unterwegs, im Herzen des Klimawandels. Er leitete die Expedition, forschte und notierte dabei Tag für Tag, was die "größte Arktisexpedition aller Zeiten" im Kleinen ausmacht.

Die Tage sind grau und ungemütlich, da wächst die Sehnsucht nach Winter und nach einem Ort, an dem Corona weit weg ist. An diesem Ort war Markus Rex. Der Physiker, Polar- und Klimaforscher leitete die Mosaic-Expedition, bei der der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" zehn Monate lang mit einer Eisscholle durch die Zentralarktis driftete.

Mit den Daten, die die Forschenden in dieser Zeit gesammelt haben, wird die Wissenschaft noch Jahrzehnte oder vermutlich Jahrhunderte arbeiten. Doch auch menschlich ist eine solche Reise der Superlative unvergesslich, das zeigt Rex' Logbuch, dass nun vorliegt. Der 44-Jährige war schon mehrfach auf Polareinsätzen, doch dies dürfte die Expedition seines Lebens sein.

Im September 2019 lässt er seine Frau und die beiden Söhne, zugleich erwartungsfroh und wehmütig in Potsdam zurück, wissend, dass er im kommenden Jahr keinen Geburtstag und auch nicht Weihnachten mit ihnen gemeinsam verbringen wird. Stattdessen trägt es ihn hinaus aufs Meer und immer weiter ins Eis hinein, bis schließlich die Eisscholle gefunden ist, an der die "Polarstern" nun die Drift des Eises nachvollzieht. Tag für Tag begleitet Rex die Expedition mit seinen Aufzeichnungen.

Im unfassbar schönen Land der Eisbären

389 Tage werden es am Ende sein, die Rex in "Eingefroren am Nordpol" dokumentiert. Es ist ein Logbuch, in dem die Ereignisse jedes einzelnen Tages festgehalten sind, und doch sehr viel mehr. Denn Rex gelingt es, die nautischen, technischen und wissenschaftlichen Vorgänge an Bord und auf dem Eis aus einer geradezu staunenden Perspektive zu erzählen. Beispielsweise, wenn er während der Polarnacht auf Skiern auf der Eisscholle unterwegs ist, um elektrische Leitungen zu kontrollieren. Sie versorgen die einzelnen Messstationen mit Strom, sind aber auch immer wieder gefährdet, unterbrochen zu werden, durch Eisbewegungen oder Eisbären.

Auf seinem Kontrollgang entdeckt Rex Eisbärenspuren, die Stolperdrähte, mit denen die Bären abgeschreckt werden sollen, sind zugeweht. Immer wieder muss Rex stoppen, um mit dem Schein seiner Stirnlampe die Umgebung abzusuchen. Denn hungrige Eisbären würden auch einen Menschen als Nahrung akzeptieren. Trotzdem lauscht der Expeditionsleiter auf das Geräusch, das seine Skier im Schnee machen und das ferne Tschirpen des Sodar, eines Gerätes, das Wind und Turbulenzen misst. An diesem Tag fühlt sich die Mission an, "wie die Erkundung eines fremden, in ewiger Dunkelheit tiefgefrorenen Himmelskörpers".

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So penibel die Expedition geplant und vorbereitet wurde, ohne Improvisation geht es nicht. Das wird ebenso bei den Halloween-Kostümen deutlich, wie beim Weihnachtsprogramm, aber auch, als die Mission wegen des Coronavirus zu scheitern droht. Der weltweite Flugverkehr kommt zum Erliegen, die Versorgung der "Polarstern" stockt, der nächste Mannschaftsaustausch kann nicht wie geplant stattfinden. Weltweit werden Forschungsprojekte abgebrochen, doch für die Mosaic-Expedition kann eine Lösung gefunden werden.

Die beiden deutschen Forschungsschiffe "Sonne" und "Maria S. Merian" werden die "Polarstern" versorgen, die anreisenden Forschenden werden als "menschliche Bioreaktoren" in Quarantäne ihre Abreise oder einen möglichen Krankheitsausbruch abwarten. Erst als nach zwei Wochen bei allen drei Coronatests negativ sind, können die Schiffe zu einem Rendezvous in einem Fjord aufbrechen, sodass die Mosaic-Expedition wirklich fortgesetzt werden kann.

Klimaforscher mit Leib und Seele

Dabei lässt Rex keinen Zweifel daran, wie wichtig der menschliche Zusammenhalt der Forschenden für das Gelingen einer solchen Polarfahrt ist. Dabei sind Lagerkoller und Heimweh den Menschen an Bord trotzdem nicht fremd. Immer wieder werden Unterhaltungsabende, Partys oder Vorträge organisiert, um etwas Abwechslung in die langen Arbeitstage zu bringen.

Zum Ende der Expedition treffen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer öfter auf freie Wasserflächen, wo das Eis bereits weitgehend geschmolzen ist. Rex ist Klimawissenschaftler mit Leib und Seele, ihm ist der Zusammenhang zwischen dem menschlichen Handeln und den Klimaveränderungen zu offensichtlich, als dass er das für sich behalten könnte.

Energieerzeugung, Industrie, Verkehr und Gebäudeheizungen machen 90 Prozent aller Co2-Emissionen aus. Hier müsse man ansetzen, für Veränderungen müsse man gesellschaftliche Mehrheiten organisieren und die Schwankenden überzeugen. Nur so werden Klimaschutz langfristig und generationenübergreifend erfolgreich sein. "Das arktische Meereis spielt nicht nur eine wichtige Rolle im globalen Klimasystem, es ist auch Bestandteil alter Kulturen und Basis für das Leben vieler indigener Gesellschaften. Und es ist ein Ort faszinierender und einmaliger Schönheit."

"Eingefroren am Nordpol", ist als ungekürzte Lesung mit Steffen Groth beim Hörverlag als Download erhältlich.

Quelle: ntv.de

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