Hörbücher

Aus dem Slum an die Sorbonne Ikal hungert nach Bildung

Ikals Weg scheint vorgezeichnet: Er wird in einer Zinnmine schuften. Aber der Sohn einer armen indonesischen Familie will sich damit nicht abfinden. Er träumt von einem Studium. Und davon, das Mädchen mit den schönsten Fingernägeln der Welt wiederzusehen.

Das Gebäude ist einsturzgefährdet, der Weg dorthin bis zu 40 Kilometer lang und nicht selten lauern Krokodile im Mangrovensumpf. Aber nichts kann Ikal und seine Freunde auf der indonesischen Insel Belitung davon abhalten, täglich zur Schule zu gehen. Denn dort wartet eine junge engagierte Lehrerin auf sie und mit ihr die einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen.

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Andrea Hirata verarbeitet in "Der Träumer" seine eigene Biografie. Er lebt heute als Schriftsteller auf seiner Heimatinsel Belitung.

(Foto: imago stock&people)

In seinem Roman "Die Regenbogentruppe" erzählt Andrea Hirata die zu Herzen gehende Geschichte der Töchter und Söhne von bitterarmen Minenarbeitern und Fischern, für die Bildung Luxus und Chance zugleich ist. Das 2005 erschienene Buch wurde millionenfach verkauft und machte den Indonesier Hirata zum meistgelesenen Autor seines Landes. Auch eine Verfilmung und eine Musicalversion existieren. Inzwischen ist der Roman in 25 Sprachen übersetzt, 2013 erschien er auf Deutsch.

In diesem Jahr, in dem Indonesien das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, ist nun auch der nächste Band, "Der Träumer", in deutscher Sprache erhältlich, der Ikals weiteren Weg nach dem Besuch der Grundschule beschreibt. Und der scheint für den Zwölfjährigen vorgegeben zu sein: Der Sohn eines Vaters, der Analphabet ist und sich als einfacher Arbeiter im Bergbau schindet, und einer Mutter, die nur wenige Monate die Schule besuchte und mit Mühe Briefe entziffern kann, wird in einer Zinnmine enden.

Rückschläge halten Ikal nicht auf

Damit aber kann Ikal, der Zweitbeste seiner Klasse, sich nicht abfinden. Er will studieren, seinen Vater stolz machen und die widrigen Bedingungen in seiner Heimat verbessern. Also heuert er im Hafen als Lastenträger an, um sich die Oberschule leisten zu können. Hirata beschreibt anrührend, wie Ikals Vater extra Urlaub nimmt, sein bestes Kleidungsstück - ein Safarihemd - anzieht und einen kilometerweiten Weg mit dem Fahrrad auf sich nimmt, um bei jeder einzelnen Zeugnisvergabe seines Sohnes dabei sein zu können.

Der schwierigste Part bei der Umsetzung seines Bildungstraumes steht Ikal nach dem Abschluss der Oberschule bevor. Er setzt aus Geldnot auf einem Viehtransporter nach Jakarta über, findet in der Millionenstadt aber keinen Job und muss als Obdachloser unter einer Brücke leben. Doch nicht einmal von einem solch herben Rückschlag lässt Ikal sich unterkriegen. Er bewirbt sich für ein Stipendium in Europa. 17-mal besteht er die schriftliche Prüfung, scheitert aber an der mündlichen. Am Ende aber wird seine Beharrlichkeit belohnt: Zusammen mit seinem Cousin Arai darf er an der Sorbonne in Paris studieren.

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Die fünf CDs sind bei "Hörbuch Hamburg" erschienen, haben eine Laufzeit von 327 Minuten und kosten 19,99 Euro.

Nach einer abenteuerlichen Rundreise durch Europa, die sich die beiden Studenten mit ihren Auftritten als nicht gerade talentierte lebende Delfine auf der Straße finanzieren, kehrt Ikal mit einem Diplom als Wirtschaftswissenschaftler in der Tasche nach Belitung zurück. Aber die ökonomische Krise in seiner Heimat lässt ihn abermals ohne Arbeit dastehen und er muss feststellen, dass ihm sein Land trotz glänzender Noten keine Perspektive zu bieten scheint.

Und dann kommt ihm auch noch seine Sehnsucht nach A Ling in die Quere. Nie konnte er das Mädchen mit den schönsten Fingernägeln der Welt vergessen, in das er seit der vierten Klasse verliebt ist, das die Insel aber bald nach ihrem Kennenlernen verlassen musste.

Gemeiner Cliffhanger

Lebendig, mit feinem Humor und in einer sehr unmittelbaren Sprache entwirft Hirata eine bewegende Geschichte, die an seine eigene Biografie angelehnt ist. Der Roman trägt teils märchenhafte Züge, verliert aber nie die Realität aus den Augen: das Leben in einem zerrissenen Land voller Armut, aus der man sich nur gegen alle Widerstände herausboxen kann - mit Bildungshunger, einem grenzenlosen Optimismus, Mut und Lebensfreude.

Eine echte Empfehlung ist die Hörbuchversion. Sebastian Rudolph, der auch schon "Die Regenbogentruppe" eingesprochen hat, hört man außerordentlich gerne zu, er liest mit der richtigen Mischung aus Liebenswürdigkeit und Witz. Und steht hoffentlich auch für die Fortsetzung zur Verfügung. Denn die wird es wohl geben. Nach dem fast gemeinen Cliffhanger am Ende von "Der Träumer" möchte man unbedingt erfahren, wie es mit Ikal weitergeht.

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Quelle: n-tv.de