Hörbücher

Britischer Humor vom Feinsten "Scoop" verpasste der Presse eine Ohrfeige

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"Scoop" lässt kaum ein gutes Haar an der Journalisten-Riege der 1930er Jahre.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ein verschrobener Autor, eine Verwechslung und die Jagd nach der exklusiven Story: Der bitterböse Roman des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh wurde erstmals 1938 veröffentlicht. Doch bis heute hat er nichts an Aktualität eingebüßt und ist als Hörbuch ein Erlebnis.

"Wir werden entführt!", ruft ein Reporter begeistert, "das gibt eine schöne kleine Story!" Die Jagd nach der Story treibt die Figuren in Evelyn Waughs Roman "Scoop" an. Wie weit würden Journalisten gehen für die eine große Schlagzeile, die Exklusivstory? Die Antwort des britischen Schriftstellers ist bitterböse und urkomisch. Trotz seines stolzen Alters - immerhin hat der Roman mehr als 80 Jahre auf dem Buckel - wirkt "Scoop" alles andere als verstaubt. Das liegt nicht zuletzt an Jan Weiler, der dem englischen Klassiker neues Leben einhaucht.

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Alles beginnt mit einer Verwechslung: Lord Copper, Besitzer der Londoner Zeitung "Daily Beast", will den angesagten Schriftsteller John Boot als Sonderkorrespondent im afrikanischen Ishmaelia beauftragen, da dem fiktiven Land angeblich ein Krieg bevorsteht. Doch seine Redakteure machen den falschen Boot ausfindig, nämlich William Boot. Der ist so ziemlich das Gegenteil von dem weltgewandten, erfolgsverwöhntem Starautor: ein verarmtes Landadel-Ei, eigenbrötlerisch und kauzig. Weitab vom Trubel der Großstadt schreibt William die wöchentliche Natur-Kolumne "Üppige Auen" für die "Daily Beast" - und ist damit mehr als zufrieden. Zumindest bis ihn die Nachricht erreicht, dass er nach London in die Redaktion kommen soll .

William hat Angst. Nicht, weil er nach Afrika reisen soll - denn davon weiß er noch gar nichts. Sondern weil ihm seine Schwester bei seinem letzten Artikel über die Lebensweise des Dachses einen Streich gespielt und das Wort "Dachs" durch "Haubentaucher" ersetzt hat. Das zog böse Leserbriefe nach sich. William ist sich nun sicher: Er wird gefeuert. Voller Sorge fährt er nach London und muss schon bald feststellen, dass eine Entlassung das geringere Übel gewesen wäre. Denn er soll ins weit entfernte Ishmaelia reisen und einen großen "Scoop" landen, eine sensationelle Exklusivstory.

Auf der Jagd nach dem "vielversprechenden kleinen Krieg"

Bei der Entstehung des Romans griff Waugh auf seine eigenen Erfahrungen als Auslandsberichterstatter zurück. 1935 war er als Korrespondent des "Daily Mail" in Abessinien, um über den drohenden Angriffskrieg durch das faschistische Italien zu berichten. "Ich hatte kein großes Talent dafür, studierte aber mit großem Vergnügen die Schrullen und Ausschweifungen meiner Kollegen", schreibt Waugh in seinem Vorwort zu "Scoop", das auch im Booklet des Hörbuchs zu lesen ist. Und tatsächlich beschreibt Waugh mit spitzer Feder die Skrupellosigkeit und Ignoranz der Sensationspresse, ihre blinde Sucht nach Breaking News, Skandalen, einem "vielversprechenden kleinen Krieg".

William ist diese Welt fremd. In London vor die Wahl gestellt, ob er entlassen werden soll oder nach Ishmaelia fahren will, bricht der Natur-Kolumnenschreiber schließlich nach Ostafrika auf - gefolgt von Dutzenden weiteren Reportern, die sich gegenseitig bespitzeln und ausspielen. Es beginnt eine turbulente Odyssee, in der William über Länder und Kontinente hinweg von einem haarsträubenden Ereignis ins nächste taumelt, ohne so recht zu wissen, wie ihm geschieht. Doch nach der Ankunft in Jacksonburg, der Hauptstadt Ishmaelias, stellt sich heraus, dass die Überfahrt und die Anreise abenteuerlicher waren als der Aufenthalt in dem angeblichen Krisengebiet. Dort herrscht nämlich gegen jede Erwartung Ruhe.

Und William?

In seiner bissigen Persiflage auf die Presse lässt Waugh kaum ein gutes Haar an Journalisten. Verzweifelt suchen die Reporter in Ishmaelia nach aufregenden Neuigkeiten für die heimatlichen Redaktionen, wo man Meldungen über ein allgemeines Chaos erwartet. Und so erfinden sie andauernd neue Skandale und Aufmachergeschichten. Da wird sogar ein simpler Fahrkartenschaffner zum russischen Agenten. Und William? Der telegrafiert Wetternachrichten nach England - bis er einem ominösen Geschäftsmann und einer divenhaften Hochstaplerin über den Weg läuft. Sie verhelfen ihm tatsächlich zum großen Scoop. So viel sei noch verraten: Damit endet die kuriose Geschichte von William Boot noch lange nicht.

Der verzwickte Plot mit seinen tollpatschigen Figuren, bewusst klischeehaften Darstellungen und pointierten Dialogen erinnert zuweilen an die Werke von Monty Python und Loriot. Man könnte meinen, die meisterhaften Komiker hätten sich einiges von dem "King of Novelists" Waugh abgeschaut. Vor allem die von Missverständnissen und Absurditäten geprägten Dialoge lassen den Hörer ungewollt laut auflachen. Hier brilliert auch Jan Weiler. Der Autor und Kolumnist gibt bei seiner Lese-Performance alles: Ob mieses Französisch, brummend autoritär, nasal abgehoben oder auch säuselnd verführerisch - Weiler schöpft mit vollen Händen aus seinem stimmlichen Repertoire. So verleiht er nicht nur allen Figuren einen eigenen Charakter, sondern stattet sie auch mit dem nötigen Maß an Exzentrik und Spleenigkeit aus.

In Zeiten von Digitalisierung und Multimedia-Journalismus hat sich das Zeitungsgeschäft seit dem Erscheinen von "Scoop" 1938 verändert. Doch die beißende Kritik des Kulturpessimisten Waugh am modernen Leben hat nach wie vor Relevanz. So wirken seine Spitzen auf Eitelkeiten, Konkurrenzdenken und die Dynamik von Falschmeldungen weiterhin aktuell. Verpackt in feinsten britischen Humor unterhalten die achteinhalb Stunden mit Waugh und Weiler von der ersten Sekunde bis zur letzten. Doch Vorsicht, wie so oft in satirischen Werken strotzt auch "Scoop" von politischer Unkorrektheit.

Quelle: ntv.de