Hörbücher

Die Macht der Erinnerung"Sophie L." und ein 80 Jahre alter Mord

11.04.2026, 12:37 Uhr Thomas-BadtkeVon Thomas Badtke
Lutetia-Hotel-Paris-France
Das Hotel "Lutetia" in Paris war 1945 "Anlaufstelle" für Überlebende der Konzentrationslager. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Erinnerungen machen Menschen zu dem, was sie sind. Erinnerungen können aber auch trügerisch sein. Christopher Nolans Meisterwerk "Inception" hat das filmisch eindrucksvoll gezeigt. Matthew Blakes neuer Bestseller "Sophie L." steht dem in nichts nach.

Erinnern Sie sich an "Anna O."? Ich schon. Die Frau hat ihre Spuren hinterlassen, sich einen Platz in meinem Gedächtnis redlich verdient. Matthew Blake sei Dank. Er schuf diese Frau, diese Figur aus seinem gleichnamigen Bestseller. Der Plot: aufwühlend, irgendwie neu - und als Psychothriller so ziemlich das Beste, was einem abseits der wohlbekannten ausgetretenen Pfade passieren konnte. Blake spielte mit den Lesern - und Hörern. Daran erinnere ich mich.

Nun schickt er "Sophie L.", erschienen bei S. Fischer und Argon, ins Rennen um Auflagen und Downloads. Und eines kann ich schon verraten: Auch diese Frau, diese Figur, werden Sie nicht wieder vergessen, werden sich an sie und ihre Geschichte erinnern. Und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage finden: Was, wenn eine Erinnerung das Leben kosten kann?

Geschichte(n) aus der Stadt der Liebe

Olivia lebt in London, arbeitet als Gedächtnisexpertin in einer Klinik, hat einen sechs Jahre alten Sohn - und keinen Mann. Dafür aber eine Granny namens Josephine, die in Paris lebt und den Holocaust überlebt hat. Josephine war Malerin, ihr bekanntestes Werk hängt im Foyer des Luxushotels "Lutetia". Es zeigt eine abgemagerte Frau in der Kleidung des Vernichtungslagers Auschwitz, sie sitzt im Zimmer 11 des "Lutetia". Das Hotel diente 1945 als "Anlaufstelle" für aus dem KZ Gerettete und Entkommene.

Nun, 80 Jahre später, befindet sich Josephine wieder im "Lutetia". Das sagt zumindest ein Polizist, der Olivia eines Morgens in London anruft. Olivias Granny soll einen Mord gestanden haben, den sie einst im Zimmer 11 begangen haben soll. Olivia kann das nicht glauben, will es nicht glauben. Vielleicht eine spezielle Ausprägung von Demenz? Irgendetwas ist faul an der Geschichte. Olivia macht sich kurzerhand auf nach Paris, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sie kann zwar mit Josephine sprechen, an deren Geständnis, sie habe eine Frau namens "Sophie L." umgebracht, ändert das aber nichts.

Die Sache wird noch verworrener, als Olivias Großmutter im Schlaf ermordet wird. Ein Freund Olivias aus einer reichen französischen Aristokratenfamilie war gerade zu Besuch bei ihr, wurde niedergeschlagen. Olivia kennt den Mann, war in der Jugend verliebt in ihn, ehe er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Paris Richtung New York flüchtete. Er ist der Sohn des berühmtesten Psychotherapeuten des Landes, auf dessen Couch einst auch Olivia gelegen hatte - und der der beste Freund von ihrer Granny gewesen ist: Er war 1945, als 17-Jähriger, im "Lutetia", kannte und behandelte damals schon die Traumata von Olivias Großmutter.

Mittlerweile nagt aber der Zahn der Zeit an ihm. Eine Rufmordkampagne einer ehemaligen Patientin hat ihn mitgenommen. Die Frau hatte sich kurz nach einer Gerichtsversammlung das Leben genommen. So die offizielle Sicht auf die Dinge. Als Leumundszeugin bei dem Prozess hatte Olivia fungiert. Hängt der Mord an ihrer Granny etwa damit zusammen? Oder liegt die Wurzel des Übels ganz woanders, viel tiefer, versteckt vielleicht in ihren eigenen Erinnerungen? Die Gedächtnisexpertin als Opfer ihres eigenen Könnens?

Anzeige
Sophie L.: Raffinierte Psychospannung von dem Autor des Bestsellers »Anna O.«
125
12,90 €20,00 €

Erinnern, um zu überleben

Fragen, die im neuen Psycho-Bestseller Blakes erst nach und nach aufgeworfen und am Ende auf einen Schlag beantwortet werden. Sich aufbauende Spannung, die in einer einzigen Szene kulminiert. Als Hörer des von Vera Telz und Achim Buch brillant gelesenen Audiobooks wird man via Rückblenden immer wieder in die bedrückende Zeit Anfang 1945 hineingezogen. Man taucht ein in ein Paris, dessen Bewohner nach einem Sinn suchen, die einen Neuanfang wollen, aber noch keinen Schlussstrich unter die Kriegsgräuel gezogen haben.

Man spürt als Hörer diese Zerrissenheit, ist zu Tränen gerührt. Und man ballt die Fäuste in Gedanken daran, dass heute nahezu europaweit genau diese Kräfte wieder erstarken, die damals mehr als einen Kontinent in Schutt und Asche gelegt und zig Millionen Menschen vom Erdball getilgt haben. Unaufdringlich, aber direkt, webt Blake die immer aktuellen Fragen nach Schuld und Moral, Vergessen und Erinnern in seinen Plot ein. Wer die Erinnerung eines Menschen kontrolliert, hat ihn in der Hand, kann dessen Vergangenheit manipulieren - und dadurch auch die Zukunft. Es ging um einen 80 Jahre alten Mord. Erinnern Sie sich?

Quelle: ntv.de

ThrillerParisRezensionenHolocaust