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"Brüder" als Hör-Epos Von der Wiege bis zur Guillotine

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Auch Demoulins Frau Lucille wird geköpft.

(Foto: imago/Leemage)

Die Französische Revolution fegt ein ungerechtes System hinweg und wird dabei selbst zur Schreckensherrschaft. Hilary Mantel schrieb darüber ihren Bestseller "Brüder", der drei Revolutionäre begleitet. Nun wird daraus grandioser Hörstoff.

Innerhalb von drei Jahren kommen in Frankreich Mitte des 18. Jahrhunderts drei Jungen zur Welt. Maximilien de Robespierre, Georges-Jacques Danton und Camille Desmoulins werden jedoch keineswegs als "Brüder" geboren, wie Hilary Mantel ihren Debütroman nannte. Trotzdem sind sie enger miteinander verbunden, als es Geschwister sein könnten. Denn die drei jungen Idealisten werden, zu Männern gereift, die Geschichte ihres Landes auf ungeahnte Weise prägen. 

Aus dem bereits 2012 auf Deutsch erschienenen Roman ist nun ein Hör-Epos geworden, das die Französische Revolution lebendig werden lässt. Regisseur Walter Adler verwandelte Mantels 1100-Seiten-Wälzer in einer WDR-Produktion in eine mehr als 12-stündige Hörspielfassung, die die drei "Brüder" bis aufs Schafott begleitet.

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Adler betrachtet seine Hörspielversion als Netflix für die Ohren, erschienen bei Der Audio-Verlag.

Robespierre (Jens Harzer) verliert jung die Mutter und überlebt nur mit viel Glück das Kindesalter. Auf dem Collège Luis-Le-Grand trifft er auf Desmoulins (Matthias Bundschuh), der stottert und irgendwie seltsam ist. Und dann ist da noch Danton (Robert Dölle), der Priester werden soll, den es aber zu den Rechtswissenschaften zieht. Schon in der Schule pflegen sie ihren Widerspruchsgeist, ersehnen Reformen und mehr Rechte für Bürger. So offensichtlich sind die Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten. An diesem Geist ändert sich auch nichts, als sie älter werden.

Sein erstes Todesurteil als Richter bringt Robespierre noch in höchste Not, von der späteren Grausamkeit ist kaum etwas zu ahnen. Vor Gericht hält er politische Plädoyers, in Arras vermisst er seinen Freund Desmoulins schmerzhaft. Es zieht ihn nach Paris. Dort versucht sich Desmoulins als Dichter, würde aber lieber bei "einer gewaltsamen blutigen Revolution mitmachen, irgendetwas, womit ich meinen Vater blamieren könnte". Seine Wortgewandtheit erprobt er in aufrührerischen Pamphleten und wird so zum Journalisten.

Revolution als blutiges Happening

Parallel dazu wird die Lage im Land immer unruhiger, während König Louis XVI. in sein Tagebuch schreibt, ob er Glück bei der Jagd hatte. Mantels Beschreibungen übernimmt zumeist der Erzähler Michael Rothschopf als tagebuchartige Notizen. Desmoulins freundet sich mit dem Agitator der Revolution, Jean-Paul Marat, an, hält revolutionäre Reden. Nichts ist in diesen Momenten mehr übrig von der stotternden Scheu, die ihn als Kind prägte. Aus der Idee von Reformen wird immer klarer die Vorstellung einer Revolution, ein "Blutbad ungeahnten Ausmaßes".

Ränke und Intrigen, Geltungsbedürfnis und Rachelust machen in diesen Tagen Geschichte. Mittendrin die drei Männer mit ihren Liebesangelegenheiten und Ehefrauen, Schulden und Karriereträumen, Kinder werden geboren und sterben. Das ganz normale Menschenleben eben, das plötzlich bedeutsam wird. Kutschen rollen durch Paris, der Aufruhr einer Menschenmenge nimmt bedrohliche Züge an, leidenschaftlich wird politisch diskutiert, man hat das Gefühl, die Revolution nicht nur zu hören, sondern zu schmecken und zu riechen. Die entwickelt sich unterdessen zu einem gewaltigen Happening, in dem die bisherigen moralischen Gewissheiten einfach untergehen.

Ganz nebenbei fällt der Name von Dr. Joseph-Ignace Guillotine, dessen Name schließlich auf eine moderne Hinrichtungsmaschine übergeht. Die Guillotine, die eigentlich mit ihrem Fallbeil für menschlichere Hinrichtungen sorgen soll, wird zum Synonym für die Terrorherrschaft, als in zwei Jahren an sechs Stunden täglich insgesamt mehr als 40.000 Menschen enthauptet werden. Der Henker beklagt, dem Tod sei die Würde abhanden gekommen.

Machtgier frisst Brüderlichkeit

Die Parole von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" findet für immer Eingang in die französische Nationalidentität. Die Bruderschaft von Danton, Desmoulins und Robespierre ist indes längst in Intrigen, Macht- und Geldgier untergegangen. Die "Brüder" sind am Ende voneinander enttäuscht und bitter verfeindet. Die Freiheitskämpfer sind zu "Ungeheuern" geworden, um ihre Ideologie durchzusetzen, und fürchten gleichzeitig, sie könnten dafür zur Verantwortung gezogen werden. Schließlich bringt Robespierre zunächst im April 1794 Desmoulins und Danton unter die Guillotine, drei Monate später stirbt er selbst unter dem Fallbeil.

Adler gestaltet aus Mantels Roman einen historischen Krimi, in dem jeder seinen eigenen Zwängen folgt. Danton seinem krankhaften Ehrgeiz, hoch verschuldet und erpressbar. Robespierre seiner schwachen Gesundheit, dabei unnachsichtig mit den Mitmenschen und voller Furcht. Und Desmoulins, das Rhetorikgenie mit dem Sprachfehler, wankelmütig und unzuverlässig, seinem Familienfluch. Am Ende werden aus den Tätern, die gerade noch hämisch und bösartig lachten, Opfer, die in der Stunde ihres Todes Vergebung erhoffen.

Dem Personal der Französischen Revolution leiht die erste Garde deutscher Schauspieler die Stimme, insgesamt mehr als 150 Schauspieler: Neben den überragenden Sprechern der Hauptpersonen auch Angela Winkler, Sylvester Groth, Axel Milberg, Tom Schilling, Leslie Malton, Martin Brambach, Felix von Manteuffel, Esther Hausmann. Dieser Geschichte und ihren Interpreten kann man stundenlang zuhören.

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Quelle: n-tv.de

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