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"Kim Jiyoung, geboren 1982" Wo Frauen als "Sch-mama-rotzer" gelten

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Die Abwertung der Frau ist in Südkorea gesellschaftlich toleriert.

(Foto: picture alliance/dpa/MAXPPP)

Sie werden benachteiligt, begrapscht und wenn sie Kinder bekommen, verlieren sie ihren Job. "Kim Jiyoung, geboren 1982" von Cho Nam-Joo zeigt am Beispiel eines fiktiven Frauenlebens, wie tief die strukturelle Benachteiligung von Frauen in Südkoreas Gesellschaft verwurzelt ist.

Mit ihrem Bestseller "Kim Jiyoung, geboren 1982" hat die Südkoreanerin Cho Nam-Joo 2016 in ihrem Heimatland einen Nerv getroffen. Das Buch wurde landesweit eine Million Mal verkauft, entfachte eine Debatte über die Ungleichheit der Geschlechter und wurde zum Motor feministischer Massenproteste. Männer reagierten teils mit Anfeindungen. Als zum Beispiel die K-Pop-Sängerin Irene von "Red Velvet" erwähnte, dass sie das Buch gelesen habe, wurde sie in den sozialen Medien von männlichen Fans mit Hasskommentaren überschüttet. Einige kündigten an, Fotos von ihr verbrennen zu wollen.

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Autorin Cho Nam-Joo: "Auch ich habe es so erlebt."

(Foto: Minumsa)

Und darum geht es in dem Buch, das in diesem Frühjahr auf Deutsch (Übersetzung: Ki-Hyang Lee) erschienen ist: Die Mittdreißigerin Kim Jiyoung tut genau das, was von koreanischen Frauen erwartet wird, sie kündigt ihren Job, um sich um ihr Kind zu kümmern. Kurz darauf entwickelt sie seltsame Symptome. Immer wieder schlüpft sie in die Rolle ihrer Mutter oder einer Freundin. Als die Psychose schlimmer wird, schickt sie ihr Ehemann zu einem Psychiater. Aus dessen Perspektive erfahren die Leserinnen und Leser nun, was Jiyoung ihm über ihr Leben erzählt hat, das geprägt ist von Sexismus und Unterwerfung.

Schon als kleines Mädchen lernt Jiyoung, dass sie weniger wert ist, als ein Junge. Ihr Bruder bekommt das schönere Fleischbällchen, in der Schule halten die männlichen Mitschüler ihr Referat als erste und nie wird ein Mädchen Klassensprecherin. Für Jiyoung ist das ganz normal, "so wie niemand hinterfragte, warum die Nummern des Personalausweises bei Männern mit einer 1 und bei Frauen mit der Ziffer 2 beginnen", heißt es.

Ein exemplarisches Frauenleben

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Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat 208 Seite und kostet gebunden 18 Euro.

Regelmäßig wird Jiyoung von Lehrern und Männern im Gedränge der U-Bahn begrapscht, auch ihre Arbeitgeber belästigen sie sexuell. Den Job bei einer Werbeagentur bekommt sie erst nach unzähligen erfolglosen Bewerbungen. Ge- und befördert werden dort aber wieder nur Männer. Weil Arbeit und Familie unvereinbar sind, gehen die Chefs ganz selbstverständlich davon aus, dass Frauen die Firma verlassen, sobald sie Mutter werden.

"Ach, ich möchte auch mit dem Geld meines Mannes im Park herumsitzen und Kaffee trinken … Ein Sch-mama-rotzer, von Beruf Hausfrau - das ist das goldene Leben." Das ist nur einer der Sprüche, die Jiyoung ertragen muss, nachdem sie auf ihre Träume, ihre Zukunft und ein selbstbestimmtes Leben verzichtet hat.

Auf jeder Seite des Buches schlägt einem eine ungeheuerliche Misogynie entgegen. Und es ist kein trauriger Einzelfall. Kim Jiyoung, die nicht zufällig einen weitverbreiteten Namen trägt, ist als Durchschnittskoreanerin konzipiert. An ihr zeigt Autorin Cho Nam-Joo exemplarisch auf, wie extrem die strukturelle Benachteiligung der Frau in der südkoreanischen Gesellschaft verankert ist.

Kein wütendes Manifest

Zwar gibt es seit 1999 in Südkorea ein Gesetz, das Geschlechterdiskriminierung untersagt (in Deutschland zum Vergleich seit 2006) und wenige Jahre später entstand ein Frauenministerium. Aber die alltäglichen Demütigungen und die tolerierte Abwertung der Frau konnte das nicht wirklich stoppen. Wie es um die Geschlechtergerechtigkeit in Südkorea bestellt ist, zeigt auch der "Gender Gap Report 2020" des Weltwirtschaftsforums. Dort landet das asiatische Land auf dem 108. Platz von 153.

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Kim Jiyoung, geboren 1982
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Auch wenn "Roman" drunter steht: "Kim Jiyoung, geboren 1982" wirkt mit seinen Zitaten aus wissenschaftlichen Publikationen und den Fußnoten eher wie ein Sachbuch oder eine Sozialreportage. Im Nachwort erklärt Cho Nam-Joo, dass sich ihr Bericht aus eigenen Erfahrungen speist: "Auch ich habe es so erlebt." Ein wütendes Manifest, wie die Reaktionen in Südkorea nahelegen, will das Buch aber nicht sein. Im Gegenteil: Cho schreibt sehr nüchtern und distanziert.

Die gelungene Hörbuchversion mit Nele Rosetz und Felix von Manteuffel unterstreicht diesen Eindruck. Rosetz, die den Großteil der fast fünf Stunden bestreitet, liest ruhig und emotionslos und schafft das Kunststück, dennoch nie Gefühlskälte zuzulassen. Sie packt die Hörerinnen und Hörer mit ihrer Interpretation dieses Themas, das nicht zufällig weltweit auf große Resonanz stößt.

Quelle: ntv.de

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