Der Mann der die Stars dirigiertAlex Christensens "Classical 90s Dance 2"
Als Alex Christensen vor zwei Jahren mit "Classical 90s Dance" durch die Decke ging, war klar, dass der umtriebige Hanseat als wichtigster deutscher Impulsgeber der TechnoDance- und Eurodance-Bewegung in ein Wespennest gestochen hatte. Nun ist Teil zwei da.
Das Einzige, das ihn am Älterwerden nervt, ist die Tatsache, eine Brille zu brauchen. Ansonsten fühlt der Hit-Produzent sich nämlich sehr wohl in seiner Haut. Warum auch nicht? Gerade ist sein neues Album "Classical 90s Dance 2" erschienen und was ist passiert? Es chartet, wie man so schön sagt, von null auf Platz 7. Netter Nebeneffekt: Der Vorgänger "Classical 90s Dance" landet ebenfalls wieder in den Charts. Mit dabei auf seinem Ritt in die Vergangenheit, in der vielleicht nicht alles besser, nur "technoider" war, sind unter anderem Anastacia, Pietro Lombardi, Melanie C. und der eine oder andere Überraschungsgast. Also, nicht lang schnacken und abtanzen. "Another night, another dream, but always you, it's like a vision of love that seems to be true …" Yeah, das waren die 90er!
Wir reden über Musik, die an die 30 Jahre alt ist. Was macht "das Älterwerden" denn mit dir?
Ich sehe alles ein bisschen klarer. Abgesehen davon, dass ich dafür immer öfter eine Brille brauche. Ich hetze nicht mehr jedem Mist hinterher. Ich mache nur noch, was mir wirklich wichtig ist.
Haben sich deine Prioritäten verschoben?
Genau. Ich mache mehr Dinge, auf die ich Lust habe und zwinge mich nicht zu etwas, was ich eigentlich nicht will. Oder weil "man" es müsste.
Geht ein bisschen in Richtung Altersweisheit …
(lacht) Ja, aber das finde ich durchweg positiv. Manchmal sehe oder höre ich Sachen und denke dann, dass ich das früher sicher gut gefunden hätte, aber jetzt muss ich das nicht haben. Das ist ein gutes Gefühl. So entschlackend.
Man kann sich ja nicht immer davor schützen, etwas machen zu müssen, oder nur nach Lust und Laune agieren, auch im hohen Alter nicht, aber man kann es zumindest versuchen.
Ja, man kann nicht alles können oder gesehen haben, ich kann nicht jeden Wein probiert haben. Das Beste ist aber, dass ich ein Wochenende ganz entspannt zu Hause verbringen kann und nicht das Gefühl habe, dass ich sonstwas verpasst hätte.
Bist du bei Facebook und Instagram und Co.?
Ja, beruflich, aber ich bin grundsätzlich ein analoges Kind. Ich bin damit nicht aufgewachsen, habe das nicht so im Blut wie die jungen Leute heute. Ich muss auch nicht ständig posten, wo ich gerade bin oder was ich esse. Es hat auch diesen Angeber-Effekt, auf den ich gar nicht stehe: "Mein Auto! Mein Urlaub! Meine Maniküre!" Da fühl' ich mich nicht wohl bei. Ich bin da wohl anders erzogen worden. Früher glänzte man damit, dass man sozial umgänglich war, dass man gute Freunde hat, dass man sich unterhalten konnte, so etwas.
Hast du Angst vor Neid?
Ja, auf jeden Fall, aber ich finde es eben auch unhöflich, anderen mein persönliches Glück oder meinen Erfolg so vor die Nase zu setzen. Und dann frag' ich mich auch immer: wen bitteschön interessiert das denn? (lacht)
Ich habe neulich ein Foto von mir und Terence Hill gepostet …
Angeberin! (lacht)
Stimmt, ich wollte angeben.
Das darfst du auch, ein Foto mit Terence Hill würde ich auch posten. Und als Künstler muss man natürlich ein paar Dinge posten, aber eben in der Funktion als Künstler. Man muss Stories zur Verfügung stellen, sonst tun es die anderen. Und man muss Fotos zeigen, sonst fotografieren die anderen und das wäre unter Umständen eben ärgerlich. Der einzige Schutz als öffentliche Person ist, dass du selbst dirigierst, was dabei rauskommt am Ende. Weißt du, wer der meistfotografierte Mensch der Welt ist?
Heidi Klum? Eine der Kardashians?
Nein, Steve Aoki, ein DJ. Der hat ein Team von sechs Leuten um sich, die ihn überall und immer fotografieren, damit er es kontrollieren kann. Dann fotografieren ihn noch Hunderttausende auf den Festivals und schwupps - bist du der meistfotografierte Mensch der Welt.
Du verhältst dich als Produzent ja eher gern zurückhaltend, bist im Hintergrund. Ab und an lässt es sich aber nicht vermeiden, ins Licht zu treten. Wie dirigierst du dann dein Leben? Wenn die Leute sagen: Mensch, ist das nicht der, der mal bei Popstars* war? Was macht der eigentlich**? Mit wem war der nochmal verheiratet***? Hat der Kinder****?
Ich kann das ja dosieren. Mit Musik kann ich mich nach vorne oder nach hinten schieben. Bei dem Album, das ich jetzt gemacht habe, ergibt das total Sinn, wenn ich das jetzt auch promote. Ich bin "real" - ich bin aus der Zeit, ich weiß, wovon ich rede, ich habe das erlebt, ich kenne die Songs, ich liebe die Musik.
Nach dem Achtziger-Revival nun also die Neunziger - was kommt danach? Das "Nuller-Jahre-Revival? Hört sich doch schlimm an!
(lacht) Zum Glück geben die Neunziger auch nach Teil zwei der Dance Classics eine Menge her. Wobei ich das hier jetzt mal einschränken will: Mich haben die Dance-Titel der Neunziger geprägt, "Don't Talk Just Kiss", "Rhythm Is A Dancer", "Killer", und die haben nicht die Credits bekommen, die sie hätten bekommen müssen. Vielleicht waren sie falsch produziert, vielleicht waren die Video nicht so toll. Und jetzt mit dem Orchester kann man das so richtig toll hören, was für super Nummern das waren.
Bei den Videos gibst du dir auch große Mühe, oder?
Videos sind ein Schlüssel zur Musik. Youtube ist das neue MTV, das gucken doch alle. Es bringt Spaß, Musik in Bildern zu sehen. Und wir begleiten filmisch die Entstehung der Stücke, das haben wir beim ersten Album so gemacht, deswegen jetzt auch. Ich finde das schön. Es ist aber schlicht gehalten.
Es gibt Dance-Songs, die du zu Balladen gemacht hast. Besonders schön und auch überraschend: Pietro Lombardi mit "Because I Love You" ...
Ich habe Pietro tatsächlich zu "DSDS"-Zeiten kennengelernt. Und dann habe ich ihn im Hinterkopf behalten. Ich hatte ihn auf dem Zettel. Er war jetzt sehr erfolgreich mit zwei deutschen Hits und nun wieder in Englisch, aber das kann er fantastisch. Zum Glück haben wir das hinbekommen. Er ist ein gefallener Engel, mit dem Auf und Ab, mit seinem Familienzwist, man könnte einen Film darüber drehen, aber immer hat er den Kopf oben und die gute Laune behalten.
Der ist ja noch so jung. Er ist ein lieber Typ und ich dachte mir, der wird doch ausgenutzt. Aber er klingt immer nach Hand und Fuß.
Er ist eine liebe Seele, aber er weiß ganz genau, was er will und was er kann. Das ist eine super Mischung. Das schätze ich.
Hat der Pietro sich denn gefreut, mit zwei so heißen Bräuten wie Anastacia und Mel C auf einer Platte zu landen?
Das weiß ich natürlich nicht, aber ich wollte die unbedingt dabeihaben. In die Stimmen dieser Frauen bin ich seit Jahren verknallt. Und ich hatte da so Lieder für sie im Kopf.
Dann rufst du an und erklärst dich, und dann sagen sie ja …
(lacht) Naja, nicht ganz, die beschäftigen sich erstmal sehr damit, was sie machen sollen. Die sind ja clever, die sagen auf keinen Fall sofort ja! Die gucken sich erstmal ganz in Ruhe an, was ich schon so alles gemacht habe. Und dann, wenn ihnen das gefällt, dass ich auch schon Paul Anka produziert habe und der Grammys mit seinem Swing-Album gewonnen hat, oder meine Range bis zu José Carreras reicht …
… dann würde ich an Anastacias Stelle einfach nur gucken, was hat Album 1 erreicht und dann wäre ich aber am Telefon, und zwar schnell.
Mit Mel C. habe ich ja auch "Don't Talk Just Kiss" gemacht. Das Video ist cool-trashig. Aber irgendwie passte der Text nicht. Dann habe ich Fred von "Right Said Fred" angerufen und sie gebeten, da was ändern zu dürfen. Durfte ich. Und jetzt passt es als Ballade. Das ist das Tolle, wenn man schon so lange dabei ist - man kennt so viele.
Das war Anfang der Neunziger ...
Ja, so alt bin ich schon ...
Man muss ein bisschen aufpassen, nicht ins Berufsjugendliche abzugleiten ...
(lacht) Man kommt sich halt nicht so vor, oder? Als ich unter 20 war, fand ich Mittzwanziger ja schon uralt.
Mittvierziger waren eigentlich so gut wie tot ... Ich fragte mich damals schon, ob ich wohl so alt werden würde ...
Ich bin ein stehengebliebener 83er. Das muss ich ganz klar eingestehen, aber ich merke es dann an meinen Augen. Oder im Sportstudio. Wen ich morgens um neun der Einzige da bin ...
... während die jungen Leute noch im Bett rumliegen, meinst du?
Ja, ich habe da einen hohen Aktivitätslevel, denn so lange schlafen kann man ja auch nicht mehr (lacht).
Ich hätte jetzt gerne einen grünen Smoothie ... Aber zurück zur Musik: Du hast ja mal was Anständiges gelernt.
Genau, Speditionskaufmann.
Und könnte man das, was du jetzt bist, auch lernen?
Inzwischen schon, man kann alles lernen oder studieren, aber es ist trotzdem, glaube ich, schwieriger geworden. Es passiert einem auch ein bisschen, und man muss eine große Leidenschaft haben. Es gibt für Jugendliche ja erstmal nur zwei Dinge, mit denen man aus seinem sozialen Umfeld rausschießen kann. Das sind Musik und Sport, alles andere sind geplante Karrieren. Beim Sport kannst du dich verletzten, dann ist alles vorbei. Als Musiker musst du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein - ein halbes Jahr später und schon will das keiner mehr hören. Mein Job, so wie er jetzt ist, ist wie Wasser, das fließt, es ergibt sich. Und Beharrlichkeit ist das Entscheidende.
Wachst du manchmal morgens auf und denkst dir: "YES!!!"
Jeden Tag (lacht). Jeden Tag bin ich dafür dankbar! Ich habe so großen Respekt vor Leuten, die andere Jobs machen, bei Lidl an der Kasse oder im Baumarkt Sachen schleppen, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Und dann denke ich, dass das, was ich mache, gar kein richtiger Job ist, sondern mehr Spaß, und Leidenschaft eben. Natürlich gibt es auch stressige Momente, aber das ist doch kein Vergleich zu anderen Jobs. Wenn Leute in meiner oder einer vergleichbaren Situation stöhnen, dann muss ich echt lachen. Also ja, ich bin dankbar. Sehr!
Wie wirst du eigentlich mit dem eigens für das Album zusammengestellten Berlin Orchestra auf Tour gehen? Das ist ja riesig.
Das frag' ich mich auch! 49 Leute - aber es wird klappen.
Mit Linda Teodosiu und Yass hast du zwei "alte" Casting-Show-Veteraninnen dabei. Bist du ein treuer Typ?
Ich denke schon, so grundsätzlich. Bei den beiden Sängerinnen kommt aber dazu, dass sie unglaublich tolle Sängerinnen sind.
Beide haben den Durchbruch nicht so ganz geschafft, warum?
Das ist eine gute Frage, keine Ahnung. Verdient hätten sie es auf jeden Fall, sie sind nicht nur gute Sängerinnen, sondern auch noch unheimlich gute Persönlichkeiten. Aber warum etwas nicht klappt, das kann ich dir echt nicht sagen. Es ist oft eine Frage des Timings.
Dann ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt für die Frauen.
Ja, wir arbeiten jedenfalls immer wieder zusammen, schon seit Jahren.
Du wirkst sehr entspannt - bist du immer so?
Ich versuche das zumindest.
Bist du als Vater auch so entspannt?
Auch das versuche ich (lacht). Man wird ja manchmal gefragt, was man sich so für sein Kind wünscht, was es mal werden soll. Da habe ich gesagt "glücklich". Denn das fände ich das Allerwichtigste.
Mit Alex Christensen sprach Sabine Oelmann
*Ja, er war mal Juror bei Popstars, der ersten deutschen Casting-Show im TV, die eine Band wie die "No Angels" hervorbrachte.
**siehe Interview
***Ja, mit Nicole Safft, besser bekannt als "Rollergirl"
**** Ja, einen Sohn, die Familie lebt in Hamburg und auf Mallorca.
