Musik

Die neue Billie Holiday Andra Day - zeitlose Stimme des Soul

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Lady Day und Eartha Kitt lassen grüßen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Über eine zufällige Begegnung mit Stevie Wonders Ehefrau Kai landete ein Mitschnitt einer Performance von Andra Day in den Händen des Großmeisters. Überwältigt von ihrem Talent, stellte Stevie Wonder sie dem Songwriter/Produzenten Adrian Gurvitz vor, der sich ihrem Debütalbum widmete und mit Day zusammen ihren "Retro-Pop-Soul" ins Leben rief - eine "Mischung aus Jazz, Soul und Doo-Wop, mit einer Prise Rock und Hip-Hop-Einflüssen". Ihre Stimme und ihr Songwriting sind für den US-Shootingstar Freiheit und Erlösung zugleich. Ihr Album "Cheers To The Fall" ist eine offenherzige Soul-Biografie in 13 Songs, die von Wahrheit, Furchtlosigkeit, Verletzlichkeit, Vergebung und natürlich Liebe geprägt ist und bereits Vergleiche mit Amy Winehouse, Adele oder Billie Holiday nach sich zieht. Wir sprechen mit einer bestens gelaunten Andra Day in Berlin.

Blues, Gospel, Motown ist deine Musik, die alten Größen wie Nina Simone und Ella Fitzgerald sind deine Idole - wie sieht es mit zeitgenössischer Musik denn aus, hörst du, was heute sonst noch so angesagt ist?

Oh ja, na klar, Tonnen von Musik, ich bin geradezu besessen! Ich liebe zum Beispiel Beyoncé sehr.

Ist ja auch ne blöde Frage, Blues, Gospel und Motown kann natürlich auch zeitgemäß sein, man denkt nur immer, dass es "von früher" ist.

Ja, stimmt, es ist sehr zeitgemäß - oder vielleicht sollte man besser sagen, dass diese Musik zeitlos ist. Zumindest versuche ich, das mit meiner Musik zu transportieren. Ich mag Musik aber einfach im Generellen und höre mir viele unterschiedliche Stile an.

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Andra Day beim "12th Annual MusiCares MAP Fund Benefit Concert" am 19. Mai 2016 in Los Angeles.

(Foto: AP)

Ich habe vor Kurzem die Sisters Sledge gesehen - die waren großartig auf der Bühne.

Ich weiß, was du meinst, ich habe gerade Patti LaBelle gesehen und es war einfach nur fantastisch. Ich würde sogar mal behaupten, dass sie besser geworden ist, je älter sie wurde. Das ist ein absoluter Anreiz.

Warum auch nicht - gut zu wissen, dass man seine Stimme sogar noch ausbauen kann, oder?

Oh ja.

Du bist ja aber erst 31. Wie bist du nun auf diese Art von Musik aufmerksam geworden?

Oh, der Klassiker, mein Daddy hörte immerzu Jazz und Motown. Meine Mutter war eher so der Fleetwood-Mac-Typ. Aber wirklich kennengelernt habe ich die Musik erst, als ich auf der Kunsthochschule war, auf der "San Diego School for Creative and Performing Arts". Da war ich sehr jung, erst 13 oder 14. Aber erst da lernte ich Billie Holiday und so weiter kennen. Mein Lehrer stellte mir diese Musik vor und ich habe gefragt: "Und wer soll das sein, dieser Billie Holiday?" (lacht) Aber von dem Moment an war mir klar, was ich will. Es hat mir eine vollkommen neue Welt eröffnet, eine Quelle der Töne, der Noten, einfach alles!

Das ist ja eher ungewöhnlich, in dem jungen Alter.

Ja, aber Jazz ist die Grundlage, quasi die Wiege der Musik, zusammen mit der Klassik (lacht). Das sollte sich jeder anhören. Wenn man das hört, dann weiß man die Musik viel mehr zu schätzen.

Ein weiterer Meilenstein in deiner Karriere muss doch sicher - zumindest glaube ich das - die Zusammenarbeit mit Stevie Wonder gewesen, oder? Wie ist das, mit so einer lebenden Legende zu arbeiten?

(lacht) Das kannst du wohl sagen, dass das ein Meilenstein war. Es ist so offensichtlich, dass er ein Genie ist, dass er zu den talentiertesten Musikern aller Zeiten gehört. Es wirkt alles unangestrengt bei ihm. Ich war so glücklich, dass er unglaublich freundlich und lustig ist, wenn man mit ihm zusammenarbeitet. Wenn man mit ihm im Studio ist, dann macht er einen Witz und alle sind locker. So einfach ist das. Er macht alles zu einer Art Familientreffen. Ihn bei der Arbeit zu sehen, ist faszinierend, fast schon unwirklich.

Kennst du die "Carpool-Karaoke" mit James Cordon? Wo Stevie zuerst am Steuer sitzt und James etwas zögerlich wirkt?

(lacht) Oh ja, das ist großartig. Ich war mit ihm auf der Bühne im Madison Square Garden, und selbst da hat er rumgewitzelt. Er liebt diesen Witz, dass er sich ins Auto setzt und nach Hause fährt.

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"Stevie Wonder ist so witzig!"

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wo wir gerade über Legenden sprechen: Was hast du gedacht, als du erfahren hast, dass Prince tot ist?

Ich dachte nur: Das ist so hart! Für mich waren Prince, Michael Jackson und Stevie Wonder immer so eine Art modernes Dreigestirn. Und nun sind zwei davon tot, das ist grausam. Schon als ich von der Meldung hörte, dass sein Flugzeug wegen Grippe - angeblich - notlanden musste, dachte ich mir, dass da was nicht stimmt. Aber die Todesnachricht hat mich vollkommen überrascht und geschockt. Es hat mir das Herz gebrochen. Für viele muss das doch so sein, als ob man ein Familienmitglied verliert. Ich meine, wir sind mit Prince aufgewachsen.

2016 muss jetzt mal damit aufhören, finde ich.

Absolut, ja, es sind bereits zu viele gestorben.

Deine Musik lässt uns ganz schön an deinem Leben und deinen Gedanken und Gefühlen teilhaben, sehe ich das richtig? Hast du keine Angst, dass du dich da zu sehr öffnest? Zum Beispiel, wenn du über eine vergangene Beziehung singst?

Zum Glück habe ich mit meinem Ex über alles gesprochen, bevor ich mein Album veröffentlicht habe. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn betrogen habe, habe ihm auch erzählt, was das mit mir gemacht hat, dass ich weiß, dass ich andere verletzt habe. Wir sind befreundet. Zuerst fand ich das auch schwierig, mit so intimen Texten an die Öffentlichkeit zu gehen, aber mir wurde geraten, die Wahrheit zu sagen. Das kennen die Leute von sich selbst, und warum sollte ich meinen Fans etwas vorflunkern? Da sage ich doch lieber "Cheers!" (lacht)

"Cheers" ergibt ja in fast jeder Lebenslage Sinn … Bist du ein Partygirl?

Momentan nicht so.

Wenn auch das ganze Leben eine Party ist - du hast momentan eigentlich andauernd Grund zum Feiern, weil dein Album so erfolgreich ist.

Das stimmt (lacht). Das Leben ist gerade auch so schon verrückt genug, da brauch' ich keine großen Extra-Partys.

Ich finde wahre Geschichten jedenfalls immer interessant.

Ja, geht mir genauso. Ich bin eine Geschichtenerzählerin und ich höre mir gerne welche an. Ich liebe Adeles Alben, fällt mir da gerade ein.

Und Amy Winehouse?

Die habe ich sehr geliebt.

Wenn du ihr jetzt etwas raten könntest, was wäre das?

Ach, das ist schwer. Besonders bei Amy. Aber ich würde ihr sagen, dass sie sich ihre Ruhe, ihren Frieden nicht rauben lassen sollte, dass sie sich nichts kaputtmachen lassen sollte. Nichts, aber auch gar nichts, ist das wert. Ich merke das jetzt. Ich versuche, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Auch nicht, wenn es über mir zusammenstürzt oder alles einfach nur zu viel wird. Wenn es mir alles zu heftig wird, gehe ich.

Dann bist du eine starke Persönlichkeit …

(lacht laut) Das wäre schön, ja!

Auf jeden Fall denke ich, dass es gar nicht so einfach ist, mit Erfolg umzugehen, oder?

Stimmt. Aber noch ist alles in Ordnung.

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Sie braucht keinen Schnelltrockner-Lack ...

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wie lange brauchst du, bevor du das Haus verlässt? Du hast ja einen außergewöhnlichen Stil.

(lacht) Ich bin so der ganz oder gar nicht-Typ. Entweder dauert es zehn Sekunden oder eine Stunde. Aber natürlich bin ich anders angezogen für die Arbeit, für Interviews, Auftritte und so weiter. Dann dauert es auch etwas länger (lacht), zwei Stunden (lacht). Ich seh' nicht immer so aus.

Du hast vor kurzem im Weißen Haus gesungen. Ist das nicht irre aufregend, mit Michelle zu schunkeln, Arm in Arm mit dem Präsidenten?

Oh ja, das ist völlig unwirklich. Ich glaube, ich habe währenddessen gar nichts mitbekommen, erst, als ich die Fotos hinterher sah. Vorher dachte ich nur: "Fall' nicht auf, steh' nicht im Weg, wenn die Obamas reinkommen!" Oh mein Gott (lacht) es war so so speziell! Meine Eltern waren im Publikum …

... die natürlich mächtig stolz sind ...

… na klar. Sie haben die Obamas sogar kennenlernen dürfen an diesem Tag, das war natürlich überwältigend. Präsident Obama und seine Frau waren auch in Bestform. Man merkt ihnen an, wie sehr sie die Gelegenheit genießen, Musik zu hören, sich mit Leuten zu treffen und zu reden.

Ich habe ein wenig Angst vor der Zeit nach Obama …

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Andra Days Album "Cheers to the Fall" erschien Mitte April 2016.

... haben wir alle (lacht)! Die Geschichte wird eines Tages feststellen, dass das einer der besten Präsidenten war, die wir je hatten. Natürlich gibt es Dinge, die auch er nicht hinbekommen hat, aber am Ende werden wir uns einig sein, dass seine Politik fortgeführt werden sollte. Noch lachen wir ein wenig über Trump, aber in diesem Moment, wo ich das sage, haben sich wieder ein paar mehr Leute entschlossen, ihn zu wählen. Das heißt, sie nehmen ihn ernst. Das ist unheimlich.

Man hätte doch nie gedacht, dass er so weit kommt, oder?

Nein, es ist wie eine TV-Show, wie eine Soap. Aber es passiert tatsächlich und das ist die ganze Wahrheit.

Lebst du noch in San Diego?

Nein, in Los Angeles. Ich vermisse San Diego so. Auch wenn L.A. toll ist.

Die Nähe zu Mexiko ist es, was San Diego so anders macht, oder?

Ja, die Leute dort sind nicht so besessen, Berühmtheiten zu sehen oder zu fotografieren, und du hast recht, es ist sehr bunt, weil die nächste Kultur ein anderes Land mit einer anderen Sprache, nur ein paar Kilometer weit entfernt, ist. Ich bin oft dort.

Dann viel Erfolg weiterhin, Andra Day!

Mit Andra Day sprach Sabine Oelmann

Andra Day geht ab September auf Tour.

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Quelle: n-tv.de

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