Musik

Für den Weltfrieden Coldplay bringen Licht ins Dunkel

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Keine Sorge, sie sind trotz dieses Fotos auf der Höhe der Zeit: Coldplay.

(Foto: Tim Saccenti / Warner Music)

"Everyday Life" macht's möglich: Mit angezogener Bombast-Handbremse und mutigen Blicken über den eigenen Tellerrand sorgen Coldplay für Ruhe auf dem Hater-versus-Fan-Schlachtfeld.

Fast jedes Genre hat eins: ein polarisierendes Aushängeschild, das die Musikwelt spaltet, globale Verbalschlachten anzettelt und sich für Tausende Ehekrisen verantwortlich zeigt. In der Singer/Songwriter-Branche beispielsweise hackt man gerne auf einem gewissen James Blunt rum. Im Edelstahl-Lager sind es die vermeintlich zu weichgespülten Herren von Nickelback, die in regelmäßigen Abständen an den Mobbing-Pranger gestellt werden. Und im Pop-Bereich zieht man als hochrangiger Musikpolizist nur allzu gerne über ein Kollektiv namens Coldplay her. Ja, so manch etablierter Act da draußen hat es nicht leicht. Da fragt man sich doch: Wie geht man als Schmäh-Zielscheibe mit all der negativen Energie um?

Mit dem Schnitzeljagd-Joker auf Stimmenfang

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Was die Dudes von Nickelback machen, weiß kein Mensch. Bei James Blunt und Coldplay hingegen steht Humor ganz oben auf der Konter-Liste. Während der Schmusesänger aus Tidworth gerne mal einen lockeren Twitter-Spruch auf Reisen schickt, ziehen Chris Martin und Co dieser Tage einen grinsenden Schnitzeljagd-Joker aus den Ärmeln. Sollen die Hater ruhig weiter maulen. Im Universum der guten Laune jucken all die Hasskommentare nicht doller als ein Mückenstich.

Statt sich irgendwo jammernd in der Ecke zu verkriechen, nehmen sich Coldplay in einem selbstinszenierten PK-Videodreh zum neuen Studiowerk "Everyday Life" lieber selbst aufs Korn. Aber das ist erst der Anfang. Überall auf der Welt kleben geheimnisvolle Band-Plakate an den Häusern. Im neuseeländischen Otago jubeln Fans des Quartetts mit am lautesten. Hier tauchen doch tatsächlich kurz vor der Veröffentlichung des ersten Doppelalbums der Bandgeschichte alle Songtexte in der Lokalpresse auf.

Live in Jordanien!

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Knapp 16.000 Kilometer weiter westwärts drehen die Jünger ebenfalls am Rad. Coldplay spielen tatsächlich live in Jordanien - und zwar mit allen neuen Songs im Gepäck. Kreisch! Kreisch! Kreisch! Es ist wahrlich alles angerichtet für ein musikalisches Ausrufezeichen, das die eine Seite verstummen und die andere Seite laut aufschreien lassen soll. Aber kann "Everyday Life" diesem Vorab-Druck auch standhalten?

Nun, die sechs bereits vor dem Release-Tag des Albums veröffentlichten Songs teilen sich in zwei Lager auf. Da wäre zum einen standardisiertes Material à la "Orphans", "Daddy", Everyday Life" und "Champion Of The World". Hier gehen die Briten keinerlei Risiko ein. Angetrieben von großen Gefühlen geht es mit der Akustikgitarre und dem Piano im Gepäck vom Kinderzimmer aus direkt auf die Stadionbühne. Dem gängigen Pop-Allerlei gegenüber stehen ein Fela-Kuti-Sample, pompöse Seeed-Bläser und schroffe Cowboy-Chords aus dem BossHoss-Archiv ("Arabesque", "Guns").

Musikalisch zwischen den Stühlen

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Auch der Rest des zwischen "Sunrise" und "Sunset" hin und her schunkelnden Materials präsentiert und positioniert sich zwischen den Stühlen. Nach einer herzzerreißenden Instrumental-Eröffnung schälen sich esoterische Folk-Klänge ("Church"), in sphärischen Synthiewelten polternde Schimpftiraden ("Trouble In Town") und der pure Gospel-Blues ("Broken") aus den Boxen.

Bisweilen fernab ihrer selbst gesteckten Komfortzone musizierend, machen Coldplay vieles richtig. Statt dem Grusel der Welt mit noch mehr Sound-Plastik zu begegnen, erinnert Chris Martin lieber an die musikalischen Glanztaten eines Billy Bragg ("WOTW/POTP") und die Magie von ungefilterter Lagerfeuer-Poesie ("Old Friends").

Coldplay glätten die Wogen

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Nicht durchweg, aber doch auffallend oft, schieben Coldplay ihren musikalischen Grundwerten einen Riegel vor. Das hebt die Musikwelt zwar nicht aus den Angeln. Aber es glättet zumindest für den Moment die Wogen. Im Spätherbst 2019 herrscht tatsächlich Waffenruhe zwischen eingefleischten Hatern und Liebhabern der ersten Stunde. Coldplay erweisen sich als Friedensstifter. In einer Welt voll Hass, Gewalt und Angst ist das sicherlich nur ein kleines Licht im Dunklen. Aber es ist ein Licht.

Quelle: n-tv.de