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Schwimmt seit Jahren auf der Erfolgswelle ganz oben: David Guetta.
Schwimmt seit Jahren auf der Erfolgswelle ganz oben: David Guetta.(Foto: Guerin Blask / Warner Music)
Freitag, 07. September 2018

"Ich war ein Nerd": David Guetta - God is a DJ

Auch ein David Guetta, einer der reichsten und erfolgreichsten DJs und Produzenten der Welt, kann noch staunen. Zum Beispiel über den Rundumblick der Penthouse-Suite in Ibizas Edel-Party-Hotel "Ushuaia", in dem er jeden Sommerdonnerstag auflegt und wo wir mit ihm zum Interview verabredet sind. "Wow", sagt der 50-Jährige, der in weißen Sneakers, zerrissener heller Jeans und grauem T-Shirt auch kleidungstechnisch eher an einen Teenager erinnert.

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Grund für das Treffen mit Guetta ist dessen neues Album "7", das am 14. September erscheint. Der gebürtige Pariser, der seit fünfzehn Jahren für Welthits wie "I Gotta Feeling", "Titanium" oder "Hey Mama" sorgt, hat einmal mehr seine Zutaten aus Funk, Soul, Hip Hop, Electro und Pop nebst bekannter Gaststimmen (Sia, Justin Bieber) zu einem an guten Melodien und Knalleffekten reichen Werk zusammengerührt. Einige seiner neuen Songs werden sicher auch am Wochenende beim Lollapalooza-Festival in Berlin zu hören sein. Dort tritt Guetta als einer der Headliner auf. Mit n-tv.de spricht er zuvor über sein Jetset-Leben, die Midlife Crisis, Frauen und Avicii.

n-tv.de: Herr Guetta, Sie arbeiten, während alle anderen Leute feiern. Wann hatten Sie zuletzt einen freien Abend?

David Guetta: Gestern! Ich war zu Hause und habe mit ein paar Freunden Pizza bestellt und Filme geguckt. Ganz normal. Es war herrlich.

Wie oft kommt so etwas vor?

Ich lege meistens an fünf Abenden pro Woche auf und habe zwei Tage frei. Theoretisch zumindest. Jetzt gerade habe ich fast rund um die Uhr an meinem neuen Album gearbeitet, weil es fertig werden musste.

Sie haben Häuser auf Ibiza, in Los Angeles, in London und eine Wohnung in Dubai. Wie darf man sich Ihr Leben vorstellen?

Im Sommer wohne ich meist hier auf Ibiza, ich lege montags und donnerstags auf und spiele im Schnitt drei weitere Shows irgendwo in Europa. Auf Ibiza bin ich eigentlich am liebsten, ich mag mein Haus hier wirklich gerne, und die Shows sind grandios. Ab Herbst gehe ich nach Los Angeles, von wo aus ich schnell in Las Vegas bin, wo ich regelmäßig auftrete. Außerdem schreibe ich in LA die meisten meiner Songs und bin häufig im Studio. Von Dubai aus bearbeite ich Asien. Und in London leben meine beiden Kinder und meine Ex-Frau. Dort habe ich mein Familienleben.

Vier Wohnsitze, vier verschiedene Leben?

Schon, ja. In Dubai ist es meist am entspanntesten. Mein Leben ist niemals langweilig oder eintönig, jeder Tag ist anders.

Macht Sie das glücklich?

"Musik werde ich immer machen", ist sich David Guetta sicher.
"Musik werde ich immer machen", ist sich David Guetta sicher.(Foto: Ellen von Unwerth / Warner Music)

Ich bin schon glücklich … aber ich weiß nicht. Wir Menschen, wir brauchen eine Routine. Manchmal fehlt mir das. Länger an einem Ort sein, jeden Abend zur selben Zeit schlafen gehen, jeden Morgen zur selben Zeit aufstehen. Gewohnheiten, die eigentlich nicht besonders aufregend sind, die vermisse ich in meinem Leben. Ich denke, man kann wohl nicht alles haben.

Die meisten Menschen würden sicher gerne mit Ihnen tauschen.

Ja, das würden sie wohl. Es ist mir nur wichtig zu erklären, dass ich hart für mein Leben arbeite, sehr hart. Immer noch. In den letzten drei Monaten habe ich höchstens mal drei Tage lang gar nichts gemacht. Ich arbeite wirklich nonstop.

Was ist Ihre Motivation?

Die geilsten und tollsten und krassesten Songs zu machen, zu denen ich fähig bin. Manchmal, nach 15 Stunden im Studio, denke ich auch: "Mensch, es reicht langsam. Du könntest langsam ins Bett gehen." Aber mich hinzulegen, ohne die beste Musik abgeliefert zu haben, die ich machen kann, das würde mich fertigmachen. Ich fürchte, da ist ein kleiner Draht in meinem Kopf durchgeschmort, sodass ich einfach nicht aufhören kann.

Wie viele Jahre wollen Sie ihr Leben noch so weiterführen?

Musik werde ich immer machen, da gibt es keine Altersgrenze. Aber meine Art zu touren, ist schon sehr anstrengend und auszehrend. 20 Jahre halte ich in dieser Form nicht mehr durch.

Was ist das für ein Gefühl, wenn ein Song fertig ist und Ihnen gefällt, etwa die aktuelle Single "Don’t Leave Me Alone"?

Ein wunderbares. Du fängst bei jedem neuen Song von Null an. Und dann ist es spätnachts, die Nummer ist fertig, sie ist genial, und du denkst: "Den Song gab es heute Morgen noch nicht, und in wenigen Wochen wird er der Welt viel bedeuten." Das ist magisch, du fühlst dich groß.

Kann man sagen: wie Gott?

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Ehrlich, mir geht es nicht um das Gefühl von Macht. Sondern um das Gefühl, ein schönes Wunder geschaffen zu haben. Es ist eher so, dass die Götter uns diese Gabe gegeben haben, und nicht, dass wir uns wie die Götter fühlen. Über diese Magie unterhalte ich mich oft mit anderen Künstlern. Viele empfinden das ähnlich wie ich.

Sie haben seit vielen Jahren einen Hit nach dem anderen. Woher wissen Sie, was die Leute hören wollen?

Zum Teil ist es einfach Glück. Zum Teil ist es der Name - du hast dir mit der Zeit ein gewisses Vertrauen erarbeitet. Und dazu kommt, dass ich wohl einen ziemlich universellen und allgemeingültigen Geschmack habe. Meine Musik kommt ja überall auf der Welt recht gut an, und manch einer denkt: "Na ja, er biedert sich an." Das stimmt aber nicht. Ich bin erfolgreich, weil es mich keine Mühe kostet, massentaugliche Musik zu machen. Das geschieht bei mir von selbst. Außerdem bin ich meistens mit der richtigen Art von Song zur richtigen Zeit am Start. Wenn du zu spät bist und dem Hype hinterher hechelst, dann bist du nicht cool. Wenn du zu früh bist, dann verstehen die Menschen dich nicht.

Ihr Album heißt "7". Gibt es dafür Gründe, abgesehen davon, dass es Ihr siebtes Album ist?

In der Bibel hat Gott sieben Tage gebraucht, um die Welt zu erschaffen. Die Sieben ist einfach eine runde, positive Zahl. Und für mich ist dieses Album der komplette David. Es ist ein Doppel-Album, eins ist mit Pop und das andere mit stärker am Underground orientierter Electronic-Musik gefüllt. Das ist für mich die Rückkehr zu den Wurzeln. Also ist es fast ein neuer Start. Überhaupt, so fühle ich mich auch: Neugeboren.

Mit 50?

Ja! Das Leben besteht aus verschiedenen Phasen. Am Anfang ist alles neu und aufregend und toll, dann bist du an der Spitze, und dort versuchst du, dich festzukrallen, oben zu bleiben. In dieser Phase bin ich vor ein paar Jahren gewesen. Das ist nicht gut - die Gefühle sind plötzlich Angst, Druck und negative Energie.

Und jetzt?

Die Midlife Crisis hat er hinter sich, sagt er.
Die Midlife Crisis hat er hinter sich, sagt er.(Foto: Ellen von Unwerth / Warner Music)

Bin ich in der Phase, wo es mir egal ist, ob die nächste Single ein Riesenhit wird. Den Druck mache ich mir nicht mehr. So frei wie jetzt gerade habe ich mich als Musiker ewig nicht mehr gefühlt. Jahrelang war ich überzeugt, ich zähle nur etwas, wenn ich beständig Hits habe. Aber das ist nicht wahr. Das muss kein Mensch, das schaffst du auch gar nicht. Ich mache meine Musik, weil ich sie liebe, weil das meine Leidenschaft ist, und nicht, um meinen Namen in den Charts zu sehen.

Sie haben das 2014 erschienene "Listen" als Trennungsalbum bezeichnet. Damals ging die Ehe mit Ihrer langjährigen Gattin und Managerin Cathy in die Brüche. Was ist "7" für ein Album?

Ein sehr glückliches Album. Das Ich-bin-wieder-verliebt-Album. (lacht)

"Say My Name" ist eine Latin-Nummer, ebenso "Time To Say Goodbye", eine Kollaboration mit dem Sänger J Balvin.

Richtig. "Time To Say Goodbye" habe ich übrigens schon vor drei Jahren aufgenommen, lange vor "Despacito". Noch so eine Lektion im Loslassen. Ich spürte, dass die Latin-Welle riesig werden würde, aber ich war mir nicht sicher, ich hatte Angst und habe den Song zurückgehalten. Ich wäre ein Pionier gewesen. Das war wirklich dumm von mir.

Ihre Freundin Jessica Ledon ist Kubanerin. Hat sie Ihnen beigebracht, wie man Salsa tanzt?

(lacht) Sie versucht es. Sie versucht es sogar sehr. Meine Freundin ist meine liebste Tanzlehrerin.

Sind Sie ein guter Schüler?

Ich fürchte nein. Ich gebe mir Mühe, ich verstehe den Rhythmus, aber ich kriege diese Bewegungen einfach nicht hin. Jessica tanzt Salsa, seit sie ein Kind ist. Sie hat noch Vorsprung.

Sie haben Ihr Aussehen, speziell ihre Frisur ziemlich verändert. Das Haar ist kürzer und vorne ein bisschen voller. Sieht cool aus.

Danke, Mann.

Hat die neue Frisur irgendwas mit ihrem 50. Geburtstag zu tun, den Sie im vergangenen November gefeiert haben?

Ich sage nur: Midlife Crisis! Obwohl, die ist eigentlich schon wieder vorbei. Meine echte Krise hatte ich vor einigen Jahren, mit der Trennung und all dem. Jetzt bin ich in einer neuen, viel besseren Phase. (lacht)

Wie haben Sie ihre Midlife Crisis ausgelebt?

Ja, irgendwie sah er vor einiger Zeit noch anders aus.
Ja, irgendwie sah er vor einiger Zeit noch anders aus.(Foto: Dean Chalkley / Warner Music)

Ich bin ein bisschen durchgedreht. Manchmal musste ich mich selbst anschauen und denken: "Oh, David, du bist so ein blödes Klischee."

Möchten Sie das näher ausführen?

Es geht ja darum, dass du ziemlich plötzlich sehr deutlich merkst, dass du älter wirst. Komischerweise trifft Männer das härter als Frauen. Und dann verweigerst du dich dem Alter. Also stürzt du dich in alle diese Dinge, die du gemacht hast, als du 20 warst. Die aber mit 50 echt ein wenig peinlich sind.

Also Frauen, dicke Autos und so weiter?

Oh, ich besitze gar kein Auto.

Sie haben einen Fahrer, der Sie abholt und herumkutschiert.

Exakt.

Jungs, die mit Rockmusik anfangen, tun das oft, um Mädchen zu beeindrucken. War das auch Ihr Motiv als Teenager, als Sie mit der elektronischen Musik losgelegt haben?

Nein, oh nein. Wer vor 30 Jahren in Paris angefangen hat, schräge elektronische Musik zu machen, der hat das wirklich getan, weil er schräge elektronische Musik über alles liebte. Ich war ein Nerd. Die Mädchen spielten damals - leider - noch keine so große Rolle.

Mit 50 sind die Frauen heißer auf Sie als mit 20?

Oh ja, gar keine Frage. (lacht) Sobald du oben auf einer Bühne stehst, zieht das die Menschen an. Das muss irgendeine Art von Faszination ausüben.

Genießen Sie die Aufmerksamkeit?

Natürlich. Ist doch nett, gemocht zu werden. Meine Freundin wundert sich allerdings auch schon und meinte neulich: "David, warum brauchst du immer so viel Aufmerksamkeit? Warum willst du immer geliebt und bewundert werden?"

Was haben Sie ihr geantwortet?

"7" ist - natürlich - sein mittlerweile siebtes Studioalbum.
"7" ist - natürlich - sein mittlerweile siebtes Studioalbum.(Foto: Warner Music)

Dass sie einen Künstler so etwas nicht fragen darf. Mein Leben ist nicht einfach, in Wirklichkeit ist es komplett verrückt. Das hältst du auf Dauer nur durch, wenn du weißt, dass die Leute dich lieben.

Abgesehen von Ihrer kleinen Krise haben Sie diese Karriere gesundheitlich bisher gut überstanden.

Oh ja. Das habe ich.

Was empfinden Sie, wenn Sie an Ihren Kollegen Avicii denken, dessen Leben vor einigen Monaten sehr traurig endete?

Tims Tod war eine Tragödie. Wir waren Freunde, es war einfach nur schrecklich. Ich kenne viele Menschen in meiner Branche, die eine dunkle Seite haben, die an Depressionen leiden. Ich habe es ja schon angesprochen: Unser Leben ist nicht immer so einfach und so cool, wie es aussieht. Du bist ständig unter Druck, du musst den Leuten was bieten, du musst auch dann auftreten, wenn du dich vielleicht mal nicht so toll fühlst. Ich bin immer sehr vorsichtig umgegangen mit meiner Gesundheit. Am wichtigsten war und ist für mich: Kein Alkohol bei der Arbeit. Und überhaupt niemals Drogen.

Null?

Null. Ich trinke höchstens mal ein Glas auf einer Party, aber wirklich selten. Wenn du nervös bist, wenn du Angst hast vor einem Auftritt, dann ist es natürlich der einfachste Weg, vorher was zu trinken oder was zu nehmen. Das funktioniert. Aber dann gewöhnst du dich daran und musst immer was trinken. Bei fünf Shows pro Woche kommst du so in große Schwierigkeiten.

Ihr Sohn Elvis ist 14, Ihre Tochter Angie ist 10. Auf was stehen die beiden musikalisch?

Mein Sohn ist ein Hip-Hop-Kid, und meine Tochter liebt "Don't Leave Me Alone", sie steht total auf Anne-Marie. Sie spielt Piano und singt und mag emotionale Musik am liebsten.

Haben Sie den Geschmack Ihrer Kinder im Kopf, wenn Sie neue Musik aufnehmen?

Die beiden sind meine obersten Chefs, meine Manager. Ich spiele denen alles vor, sobald es fertig ist. Die Kids sind die Zukunft, und sie sind schlau. Sie wissen besser Bescheid, als die Leute in meiner Plattenfirma, so viel steht fest. (lacht)

Sind die beiden ehrlich zu ihrem Vater?

Sehr ehrlich sogar. Manchmal zu ehrlich. (lacht)

Ihre Eltern haben akademische Karriere gemacht. Sie sind Musiker. Was soll aus den Kindern werden?

Irgendetwas, das sie glücklich macht. Wir verbringen so viel Zeit bei der Arbeit. Deshalb sollte unbedingt jeder das machen, was ihn interessiert. Alles andere ist Lebensverschwendung.

Mit David Guetta sprach Steffen Rüth.

Das Album "7" ist ab dem 14. September 2018 erhältlich.

Quelle: n-tv.de