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Erst die Tour, dann das neue Album - Lenny Kravitz macht's auf die ungewöhnliche Art.
Erst die Tour, dann das neue Album - Lenny Kravitz macht's auf die ungewöhnliche Art.(Foto: imago/ZUMA Press)
Freitag, 01. Juni 2018

Tourstart für Lenny Kravitz: Die Rückkehr des Liebes-Rebellen

Von Antje Harders

Von wegen keine Botschaft mehr: Beim Konzert in der Münchner Olympiahalle beschwört Lenny Kravitz Liebe und Zusammenhalt als revolutionäre Kraft, ganz im Geiste alter Soul-Meister. Das ist zwar nicht neu, beschert ihm aber Liebeshymnen.

Natürlich tut so etwas weh: Er habe seine Leidenschaft verloren und keine Botschaft mehr, nörgelten Kritiker, als 2014 Lenny Kravitz' Album "Strut" erschien. Seine Texte seien belanglos geworden, weil es ihm nach fast 40 Millionen verkauften Alben einfach zu gut gehe. Aus dem einst sozialkritischen Soul-Revoluzzer war - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - ein Mann geworden, der seinen Wohlstand mit Design-Firmen und Blockbuster-Rollen vermehrte. Und der bei Ballett-Premieren (wie im vergangenen Herbst in der Pariser Oper) Wutausbrüche hatte, wenn er nicht schmatzend Schokolade essen durfte.

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Vor Kurzem attestierte der "Rolling Stone" ihm sogar eine kreative "Trockenzeit". Daraufhin platzte Lenny offenbar der Kragen. Er hätte das Musikmagazin am liebsten verbrannt, gestand er in einem Interview. Man muss das wissen, um die subversive Kraft des Abends in der Münchner Olympiahalle zu verstehen - denn der Auftakt von Lennys Europa- und Deutschlandtour gerät zum Image-polierenden wie musikalischen Paukenschlag. Die langen Rasta-Zöpfe hat er sich wieder wachsen lassen. Er trägt seine berühmte Fliegerbrille, eine schwarze Lederschlaghose, die üblichen langen Ketten, aber auch ein schwarzes Sakko. Weniger Sexsymbol, mehr arrivierter Maestro also. Natürlich kreischen die weiblichen Fans trotzdem. Lenny sieht auch mit 54 umwerfend aus.

Davon träumt manche Metal-Band

"Dies ist keine Show. Hier geht es um das, was zwischen uns entsteht", groovt Lenny sein Publikum ein, ohne viele Worte. Die Musik wird sich selbst erklären. "Raise Vibration" lautet schließlich der Titel der Tour und des neuen Albums, das im Herbst erscheinen soll. (Warum nicht erst das Album und dann die Tour, bleibt die große Frage des Abends.) Die Bühne ist schlicht. Keine Bildschirme, keine Videos. Keep it simple. Nur zwei große Stierhörner legen nahe, dass es irgendwie um Revolte und Testosteron geht.

Kämpferisch legt Lenny die Marschroute vor: Der neue Song "We Can Get It All Together" erinnert an Verbrüderung und Obamas "Yes We Can", auch das alte "Bring It On" stellt klar: "I'm gonna walk by faith, gonna raise my sword, I'm gonna fight my battle."

Nahezu ohne Atempausen rockt Lenny und reiht Klassiker aus allen seinen zehn Alben aneinander: "Where Are We Running", "Believe", "Fly Away", manchen von ihnen in neuem Gewand: "American Woman" etwa bekommt einen Reggae-Verschnitt. "Get up, stand up for your rights", zitiert Lenny Bob Marleys legendären Song. Gut gelaunt schüttelt er die Rasta-Mähne, tanzt und liefert exzellente Gitarrenquälerei. Auch die grandiose Band spielt sich die Seele aus dem Leib. Bei "The Chamber" schließlich pulsiert eine Kraft durch die Halle, von der selbst manche Metal-Band nur träumen kann.

"We all are just getting fucked"

Auf der Bühne eine Naturgewalt: Lenny Kravitz bei einem Konzert in Mexiko.
Auf der Bühne eine Naturgewalt: Lenny Kravitz bei einem Konzert in Mexiko.(Foto: imago/ZUMA Press)

Eine Verjüngungskur sei die Arbeit am neuen Album gewesen, ein "Neustart", erzählte Lenny vorab dem "Rolling Stone". Plötzlich habe ihn der das Gefühl von 1989, als er "Let Love Rule" veröffentlichte, wieder gepackt. Damals war er 25, wetterte gegen rassistische Taxifahrer und baute in seinen Songs Paradiesgärten für alle. Wäre es nach seinen Beratern gegangen, hätte er sich für "Raise Vibration" moderne Hitschreiber und Produzenten ins Boot geholt. Doch der Retro-Rocker tat das Gegenteil und besann sich seiner musikalischen Wurzeln: Mit Protestsongs wie dem politischen "It's Enough" beschwört er den Geist von Soul-Paten wie Marvin Gaye (Man denke an seinen "Inner City Blues" von 1971) und Curtis Mayfield ("We Come In Peace With A Message Of Love"), die ebenfalls die Krankheiten der US-amerikanischen Gesellschaft anprangerten.

Auch bei Lenny geht es um Krieg, Rassismus, Umweltzerstörung und Korruption. "It's enough … And the system you cannot trust … We all are just getting fucked", besingt er eindringlich ein vertrumptes Amerika. Die verstörenden Bilder aus Nahost und von dem Anschlag und Charlottesville aus dem Musikvideo fehlen. Doch die Botschaft ist klar. "Wir müssen als eine Einheit zusammenrücken, nur das ist unsere Chance, zu überleben."

"Low", ein neuer Song über die Sehnsucht nach einer ehrlichen geerdeten Beziehung ohne Promistatus, geht dagegen beinahe unter. Auch wenn Lenny den Song mit Original-Stimmsamples von Michael Jackson garniert hat, mit dem er einst für einen Song zusammenarbeitete. Eins seiner großen Idole, das inzwischen verstorben ist. "Michael", sagt Lenny leise. Mehr nicht.

Als sei er Martin Luther King

Lennys Vorbilder interessieren das Publikum an diesem Abend wenig, hat es nach über zwei Stunden doch seinen eigenen Guru auf der Bühne, der es mit Liebesbekundungen erwärmt. "I belong to you, you belong to me", haucht Lenny ohne jeden Kitsch. Der Vibe ist da. Scheiß auf die Kritiker. "Let Love Rule", die neue alte Botschaft von 1989, wird schließlich zur Hymne des Abends, ausgedehnt zu einem gefühlt 15-minütigen Showdown.

Unter den Soul-Chören seiner Jünger und umgeben von einer handvoll gestresster Bodyguards wandert Lenny durch die Menge, als sei er der neue Martin Luther King. Er berührt Hände, zeigt Peace-Zeichen. Der Liebes-Rebell ("Love can conquer any war") ist zurück. Plötzlich ist die Olympiahalle zu einer riesigen Gospelkirche geworden. Pärchen liegen sich in den Armen und Männer singen "Let Love Rule!" so inbrünstig, als wäre es ihnen nie um Sex gegangen, sondern immer nur um die Kraft der Liebe. "Are You Gonna Go My Way?", rockt Lenny am Ende noch einmal einen Klassiker. Was für eine Frage …

Weitere Deutschland-Konzerte von Lenny Kravitz: Berlin (12.6.), Frankfurt (13.6.), Köln (25.6.) und Stuttgart (21.7.).

Sein neues Album "Raise Vibration" soll am 7. September 2018 erscheinen.

Quelle: n-tv.de