"Was machst du da?"Dotan blättert die Seite um

Aktuell tourt er durch Deutschland - ohne Band und akustisch: Folk-Pop-Star Dotan aus den Niederlanden. Der Sänger von Hits wie "Home" und "Hungry" plant für den Herbst ein neues Album. Mit ntv.de spricht er über Lampenfieber, sein Coming-out, den Vatikan, "Last Goodbyes" und alles, was kommt.
ntv.de: Deine Akustik-Solo-Tour ist im vollen Gang. Wie haben sich die bisherigen Shows angefühlt?
Dotan: Es ist schon etwas ganz Besonderes. Sehr intim. Und ein bisschen beängstigend. Es ist viel persönlicher als meine sonstigen Shows, die inzwischen ja ziemlich groß geworden sind. Wenn ich mit der Band auftrete, ist es einfacher, sich auch mal ein bisschen zurückzunehmen und in der Show aufzugehen. Jetzt bin ich aber allein auf der Bühne. Ich erzähle dort viele Geschichten über meine Songs und mich selbst. Deshalb fühlt es sich sehr verletzlich an.
Nach deinen Solo-Konzerten in Großbritannien hast du es auf Instagram so beschrieben: keine Setlist, keine Produktion, nur Songs und Storys. Aber es kann ja auch nicht alles spontan sein. Wie hast du dich vorbereitet?
Ich habe nur darauf geachtet, die meisten Songs zu kennen. (lacht) Von manchen Songs habe ich nämlich keine Ahnung, wie man sie spielt. Einige habe ich schon vor 12 oder 13 Jahren geschrieben und ich spiele sie sonst nie allein. Das war eigentlich meine einzige Vorbereitung. Jetzt gehe ich einfach auf die Bühne und frage die Leute, welche Lieder sie hören möchten. Darum herum baue ich den Rest. Ein paar Songs spiele ich natürlich immer, weil sie Fan-Lieblinge sind. Und ein paar Lieder möchte ich einfach selbst spielen.
Bei dir war Lampenfieber immer ein großes Thema. Ist das heute besser als zu Beginn deiner Karriere?
Das ist tagesabhängig. Manchmal schleicht es sich immer noch ein. Es gibt Tage, an denen ich denke: Wer wartet eigentlich auf meine Musik? Wen interessiert das? Gegen diese inneren Stimmen kämpfe ich manchmal immer noch. Deshalb sind diese Konzerte im kleinen Rahmen wirklich toll. Ich bleibe nach den Shows da, damit ich mit allen in Kontakt treten kann. Dann höre ich Geschichten, wie die Leute auf mich gestoßen sind und was ihnen meine Songs bedeuten. Das ist schön und ermutigend.
Es gab eine Zeit, da hast du reihenweise Wohnzimmer-Konzerte gegeben, um dich deinem Lampenfieber zu stellen. Das machst du aber nicht mehr, oder?
Nein, aber die Akustik-Konzerte fühlen sich ein bisschen so an.
Wenn du die freie Auswahl aus allen Künstlern und Bands dieser Welt hättest - wen würdest du dir für ein Konzert in deinem Wohnzimmer wünschen?
Puh … Also wenn James Taylor in meinem Wohnzimmer spielen würde, wäre das natürlich riesig. Auch Bon Iver oder Sufjan Stevens. Und ich würde auch zu Adele nicht Nein sagen. (lacht) Ich glaube, das sind meine Top vier.
Bei der Beschreibung deiner Musik tun sich die Leute oft schwer. Ist es Folk? Ist es Pop? Ist es Indie? Da kommen dann zum Beispiel Vergleiche mit Mumford & Sons. Ich weiß, dass Künstler es hassen, verglichen und in Schubladen gesteckt zu werden. Trotzdem: Wo würdest du dich selbst verorten?
Ich tue mich damit auch echt schwer. Ich denke, das Wichtigste ist, dass es immer sehr emotionale und irgendwie tiefgründige Musik ist. Ich glaube nicht, dass ich Musik für Leute mache, die einfach nur etwas Leichtgängiges hören möchten. Wenn ich es irgendwie einordnen müsste, wäre es wahrscheinlich Indie-Folk. Aber im Kern Singer-Songwriter. Sie sind es, die mich immer inspiriert haben. Und das ist, womit alles immer beginnt: mit dem Gesang und einer Gitarre.
Du hast mal gesagt, du denkst in Bildern, wenn du Songs schreibst. Wo kommen diese Bilder her?
Ich weiß es nicht. Ich fand das schon immer verrückt. Bereits als ich jung war, sah ich zu Melodien immer Szenen in meinem Kopf, fast wie Filmszenen. Ich erinnere mich, dass ich einmal einen Klassenkameraden gefragt habe: "Oh, hörst du das auch?" Er antwortete: "Wovon redest du?" Da dachte ich, dass ich vielleicht Dinge sehe und höre, die andere nicht mitbekommen. Heute würde ich es meiner Fantasie zuschreiben. Und meine Erkenntnis ist: Wenn ich etwas sehe, wenn ich eine Melodie schreibe, weiß ich, dass es gut ist. Und wenn ich nichts sehe, weiß ich, dass es nicht gut ist.
Deine Musik wurde ja auch mit Bildern zusammengebracht, zum Beispiel in TV-Serien wie "Grey's Anatomy" oder "Pretty Little Liars". Wie ist das, wenn man seinen Song in so einem Kontext hört?
Verrückt. Beim ersten Mal konnte ich es gar nicht glauben. Es war mein Traum, dass das passiert. Das gilt insbesondere für "Grey's Anatomy". Ich selbst habe durch diese Serie unglaublich viel Musik entdeckt. Wenn ich dann jetzt manchmal eine Serie sehe, in der meine Musik drin ist, schießt es mir in den Kopf: "Wow, Millionen Menschen sehen das." Wenn ein Regisseur findet, dass eines meiner Lieder perfekt passt, ist das das größte Kompliment für mich.
Ich weiß, dass du gern mal für einen ganzen Film die Musik machen würdest. Was für ein Film schwebt dir da vor?
Etwas mit viel Natur, denke ich. Und mit emotionalen Handlungssträngen. Und mit einer Szene, die groß und explosiv ist, so wie das Lied, das sie begleitet. (lacht)
Im November 2019 hast du in einem Facebook-Post erklärt, dass du dich soeben im TV als schwul geoutet hast. Das ist auch ein sehr emotionaler Post, in dem dir die Erleichterung deutlich anzumerken ist. Gleichzeitig sprichst du darin auch darüber, wie sehr dir mit Blick auf deine Karriere von dem Coming-out abgeraten wurde. Wie blickst du aus heutiger Sicht darauf?
Für mich persönlich war es das Richtige, weil ich mich jetzt viel freier und befreiter fühle. Trotzdem trage ich deshalb noch immer Kämpfe aus. Selbst nachdem ich mich schon geoutet hatte, gab es Leute, die meinten, ich sollte diesen Teil von mir vielleicht lieber verstecken. Ich habe auch fiese Nachrichten bekommen von Leuten, die meinten, sie würden deshalb jetzt meine Musik nicht mehr hören. Zugleich versuchen manche, dich in eine Schublade zu stecken: "Oh, du bist also ein queerer Künstler." Aber nein, ich bin nur ein Künstler, der Männer liebt.
Womit wohl nicht jeder umgehen kann …
Ja, ich glaube, womit ich vor allem zu kämpfen hatte, war, dass die Menschen ein Stereotyp davon im Kopf haben, wie ein schwuler Mann zu sein hat. Da habe ich aber nicht so richtig reingepasst. Ich habe mir dagegen gesagt: "Ich muss nichts tun. Ich bin einfach nur ich." Die Wahrnehmung von schwulen Männern ist oft sehr laut. Die ruhigere und zurückhaltendere Seite, die ich vielleicht repräsentiere, ist dagegen nicht immer präsent. Viele Leute wollen aber auch sie gern sehen. Man möchte doch alle Farben des Regenbogens sehen, oder nicht?
Du hattest dein Coming-out bereits hinter dir, als du zum Weihnachtskonzert im Vatikan verpflichtet wurdest …
Ja, da war ich auch echt baff.
Wie ist es dazu gekommen?
Ich wurde eingeladen. Und ich sagte zu meinem Team: "Könnt ihr bitte sicherstellen, dass sie wissen, dass ich schwul bin." Ich wollte nichts verbergen müssen. Aber sie wussten es und waren einverstanden. Für mich war das ein großer Schritt. Ich stellte mir einen 16-jährigen Jungen vor, der das sieht und denkt: "Oh, er ist wie ich. Das könnte theoretisch auch ich sein." Das zu machen, war also schon etwas Besonderes.
Bist du religiös?
Ich bin Jude, aber nicht religiös. Ich liebe die Kultur der Religionen. Ich feiere Weihnachten, ich feiere Chanukka. Aber ich fühle mich nicht wirklich einer Kirche oder Religion zugehörig.
Du bist Niederländer, hast aber einen israelischen Vater und wurdest in Jerusalem geboren ...
Und jetzt lebe ich auch noch in den USA.
Wie würdest du dich identifizieren?
Als eine Mischung aus allem. Ich bin in den Niederlanden aufgewachsen und fühle mich definitiv sehr mit der niederländischen Kultur verbunden. Ich habe das Gefühl, dass sie der deutschen Kultur letztlich sehr ähnlich ist: sehr bodenständig, sehr geradlinig, sehr direkt. Das gefällt mir auch wirklich. Aber ich glaube, bei mir verschmelzen verschiedene Dinge.
Im September soll ein neues Album von dir erscheinen, dein fünftes bereits. Aber mit "Last Goodbyes" gab es schon letztes Jahr einen neuen Song von dir. Er ist einer verstorbenen Freundin von dir namens Sanne gewidmet …
Meiner besten Freundin …
Was kannst du mir darüber erzählen?
Ich war in der Schule immer irgendwie ein Außenseiter. Ich glaube, ich war einfach sehr sensibel. Eines Tages bin ich zu einem offenen Tennisspiel gegangen und habe sie dort getroffen. Sie war zwei Jahre älter als ich und doppelt so groß. (lacht) Aber sie hat mich voll und ganz akzeptiert und war von diesem Tag an einfach meine Freundin. In den nächsten zehn Jahren waren wir 24/7 zusammen. Dann, an ihrem 20. Geburtstag, rief sie mich an: Sie wurde mit Krebs diagnostiziert und hatte nur noch ein paar Monate zu leben …
Wie bist du damit umgegangen?
Ich verbrachte fast jede Nacht an ihrem Bett im Krankenhaus. Wir haben über das Leben und alles sonst geredet. Es war eine der schwersten Zeiten, aber auf eine verdrehte Weise auch wirklich schön. Ein paar Wochen bevor sie starb, sagte sie zu mir: "Was machst du da?" Ich fragte: "Was meinst du?" Und sie antwortete: "Du musst Musik machen. Du bist ein Songwriter." Ich hatte damals eine Ausbildung und einen Vollzeitjob. Aber ein paar Tage später habe ich gekündigt, mir eine Gitarre gekauft und begonnen, Songs nur für sie zu schreiben. Sie starb eine Woche später.
Sie hat dir also den entscheidenden Impuls für deine Karriere gegeben …
Ja, ich hatte immer das Gefühl, dass ich alles, was ich tue, meine Musik zu machen und damit zu reisen, ihr zu verdanken habe. Ohne sie hätte ich es nie getan. Deshalb wollte ich immer ein Lied zu ihren Ehren schreiben. Aber das hat nicht geklappt, weil immer ein komplett trauriges Lied dabei herauskam. Es sollte aber nicht nur traurig, sondern auch ein bisschen leicht und fröhlich sein. Dann habe ich letztes Jahr "Last Goodbyes" geschrieben und musste sofort an sie denken. Eigentlich heißt es, je länger jemand weg ist, desto mehr vergisst man ihn. Aber ich denke heute noch mehr an sie als früher.
Es heißt, "Last Goodbyes" sei für dich wie eine Brücke zwischen zwei Lebensabschnitten. Es sei an der Zeit für dich, die Seite einmal umzudrehen. Was steht auf den neuen Seiten?
Das klingt vielleicht verrückt, aber ich habe das Gefühl, ich fange gerade erst an. Ich habe mich endlich selbst gefunden und viel Spaß an dem, was ich tue. Ich glaube, ich habe jahrelang nicht gern gespielt, weil ich Druck empfunden habe. Ich dachte: "Was denken die Leute eigentlich von mir?" Jetzt akzeptiere ich mich einfach voll und ganz, mit all meinen Fehlern, den guten und den schlechten Seiten. Musikalisch fühle ich mich sehr selbstbewusst. Die Leute in der Branche haben oft versucht, mich zu ändern. Da habe auch ich mir Gedanken darüber gemacht, vielleicht zu sensibel oder nicht hip und cool genug zu sein. Jetzt denke ich: "Nein, das bin ich" - und das neue Kapitel dreht sich um Offenheit, Ehrlichkeit, Rohheit und Realität.
Vor rund zwei Monaten hast du auf Instagram Bilder gepostet, die dich bei einem Ausflug aufs Land zeigten. Hast du dir dort Inspiration für das neue Album geholt?
Auf jeden Fall! Das ist schon seltsam: Ich lebe in der Stadt, aber eigentlich ist das nichts für mich. Es ist praktisch, weil ich so viel reisen muss. Aber um Inspiration zu finden, muss ich fliehen. Ich habe sechs Songs an zwei Tagen geschrieben, als ich dort war.
Du schreibst ohnehin sehr viele Songs. Hast du eine Ahnung, wie viele Lieder insgesamt schon aus deiner Feder geflossen sind?
Über 1000. Ich glaube, allein für dieses Album habe ich ungefähr 80 Songs geschrieben. Die Leute fragen mich ab und an, warum ich das nicht alles veröffentliche. Aber für mich ist das ja eine große Herzensangelegenheit. Und ich will, dass alles auch gut und richtig ist, wenn ich etwas veröffentliche.
Das Album soll am 18. September erscheinen. Was können wir von ihm erwarten?
Ich habe mit dem Album ein Hauptziel: Gerade leben wir in einer Zeit, in der die Dinge immer mehr überproduziert und mit KI immer unrealistischer werden. Ich möchte einfach in die komplett entgegengesetzte Richtung gehen. Normalerweise schneidet man ja viel, wenn man ein Album aufnimmt. Das Konzept dieses Albums aber ist es, dass alles darauf als One-Take aufgenommen ist - der Gesang, die Gitarren, die Schlagzeuge. Das macht es wirklich real.
Mit Dotan sprach Volker Probst