Musik

Melancholie in Reinkultur Dunkel, dunkler, Ian Curtis

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Stencil von Ian Curtis an einer Hauswand in London.

Wer sich heute im Musikbusiness mit Melancholie-Federn schmückt, hat mindestens eins von zwei Joy-Division-Alben. Ian Curtis lieh der Band Stimme und Gesicht. Heute wäre das Aushängeschild der frühen Post-Punk-meets-Dark-Wave-Ära 60 geworden.

Lebt Elvis Presley noch? Ist der vor Kurzem wieder einmal auf Tour frenetisch gefeierte Paul McCartney nur ein Doppelgänger des "Yesterday"-Urhebers? Haben Pink Floyd ein Album tatsächlich nur mit Hilfe von Haushaltsgeräten aufgenommen? Und waren David Bowie und Mick Jagger mehr als nur Freunde? Die Rock- und Pop-Historie ist voll von Mythen und Legenden.

In keiner anderen Entertainment-Branche verläuft die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion so fließend wie im kunterbunten Dur-und-Moll-Zirkus. Einer der wohl einflussreichsten Mystik-Ikonen der Musikgeschichte würde am heutigen Tage seinen 60. Geburtstag feiern – hätte er sich nicht in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1980 vom Dasein auf dieser Welt verabschiedet. Sein Name: Ian Curtis, Leader von Joy Division.

Diverse Gründungslegenden

Auch um die Geburtsstunde der Band, ohne die sich spätere Top Acts wie The Cure, Depeche Mode, U2 und Nirvana vielleicht gar nicht gegründet hätten, ranken sich diverse Legenden. So soll der Startschuss für die kurze, aber umso intensivere Band-Karriere am Abend des 4. Juni 1976 in der ehrwürdigen Lesser Free Trade Hall in Manchester gefallen sein. An der Bar abhängend, lauschten Bernhard Sumner, Peter Hook und Terry Mason den rotzigen Klängen der Sex Pistols. Von diesem Moment an soll es um die jungen Briten geschehen sein.

Kurze Zeit später wurde Terry Mason am Schlagzeug durch Stephen Morris ersetzt und der damals 19-jährige Ian Curtis für den Posten am Mikrofon engagiert. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die sich zu Beginn noch Warsaw nennende Band mit ihrem Frontmann eine tickende Zeitbombe ins Boot geholt hat. Aber das war den aufstrebenden Post-Punk-Heroen egal. Curtis' selbstzerstörerische Aura hatte etwas Süchtigmachendes an sich. Zwischen Licht und Schatten pendelnd, präsentierte sich der unter Epilepsie leidende Frontmann wie ein fleischgewordenes Buch mit sieben Siegeln.

Außer Kontrolle geratener jüngerer Bruder

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Bernard Sumner 2013 bei einem Konzert der Joy-Division-Nachfolgeband New Order.

(Foto: imago stock&people)

Die regelmäßige Einnahme von starken Medikamenten förderten viele Songtexte zutage, die auch heute noch Millionen Anhängern auf der ganzen Welt einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen. Für Gründungsmitglied Bernhard Sumner war Ian Curtis wie ein außer Kontrolle geratener jüngerer Bruder, den man in erster Linie vor sich selbst beschützen musste. Doch Ian Curtis war viel zu eigen, um sich von irgendjemandem an die Hand nehmen zu lassen.

Weder seine Ehefrau Deborah noch die Bandmitglieder fanden den Schlüssel zur Normalität. Gefangen in einer oszillierenden Gedankenwelt, in der es keine Grauzonen gab, versank der Sänger immer tiefer in einem düsteren Loch aus Angst, Verzweiflung und Selbstaufgabe. Kurz vor dem bevorstehenden internationalen Durchbruch der Band zog Ian Curtis schließlich die Reißleine. Am Morgen des 18. Mai 1980, einen Tag vor Beginn der geplanten US-Tournee, fand man den erhängten Leichnam des Sängers. Ian Curtis wurde nur 23 Jahre alt.

Auch Hypnose half nicht

Nichts hatte geholfen. Keine Gespräche, keine Songs, nicht einmal Sumners Hypnose-Versuche konnten Ian Curtis von seinen inneren Dämonen befreien: "Ich hatte in einem Buch gelesen, dass Hypnose derart gefährdete Menschen von ihrem Ansinnen abbringen könne. Daran klammerte ich mich", erinnerte sich Sumner vor einigen Jahren. Aber es half nichts. Ian Curtis hatte bereits abgeschlossen.

Wie so oft setzte der Tod eines jungen Künstlers ungeahnte Energien frei. Ähnlich wie bei Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin katapultierte auch das Ableben von Ian Curtis eine spezifische Kunstform der Musik über Nacht ins Rampenlicht. Plötzlich verschmolz kantiger Post Punk und finsterer Dark Wave zu einem großen Ganzen zusammen und inspirierte Bands und Künstler auf der ganzen Welt. Songtitel wie "Love Will Tear Us Apart", "Transmission" und "She's Lost Control" wurden auf tausenden Körpern verewigt. In Deutschland kniete gar ein ganzes Sub-Genre vor dem kurzen Joy-Division-Schaffen nieder  - NDW.

Schwermütige Magie

Auch heute noch huldigt man das tief melancholische und verstörende Erbe einer Band, die nach dem tragischen Freitod ihres Anführers Trost in flirrenden Synthie-Rock-Pop-Welten suchte (New Order). Sicher, Songs wie "Temptation" und "Blue Monday" tummelten sich in der Folge völlig zu Recht in den Hitlisten. Aber die schwermütige Magie der JD-Anfangstage nahm Ian Curtis mit ins Grab. Von der nähren sich heutzutage Bands wie Interpol, Mogwai, Editors und The National.

Bisweilen klatscht man gar begeistert in die Hände, wenn die Gegenwart die Vergangenheit adelt. Aber die ultimative Retro-Atmosphäre macht sich erst dann flächendeckend breit, wenn der wahre Ursprung wieder zum Leben erweckt wird. Ein Abend mit den beiden Alben "Unknown Pleasures" und "Closer" lässt alles andere verblassen. Dann deckelt der Geist von Ian Curtis das Alltagsgrau mit noch mehr Tristesse. Und dennoch weint man Tränen der Freude.

Quelle: n-tv.de

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