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"Going Back Where I Belong" Elise LeGrow - aktuelle Essenz des Soul

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Klassiker neu interpretiert - langweilig? Mitnichten. Nicht, wenn die Kanadierin Elise LeGrow ins Mikro röhrt, surrt, schmeichelt. Die 30-jährige Soul- und R'nB'-Interpretin wagt sich an große Nummern, hat aber genug Eigenes - Eigenheiten, Stimme, Ausstrahlung - um Songs wie "Who Do You Love", "You Never Can Tell", oder "Rescue Me" locker vom Hocker zu singen. Das fiel dem Publikum letztes Jahr bereits beim Reeperbahn-Festival auf - Standing Ovations - und das fiel auch den Leuten bei S-Curve Records auf. Die haben die Kanadierin für ihr altehrwürdiges Label verpflichtet. Von S-Curve-Records-Gründer Steve Greenberg, R&B-Legende Betty Wright und dem Studiogenie Mike Mangini produziert, die bereits für Joss Stones Millionenseller "The Soul Sessions" verantwortlich zeichneten, basiert "Playing Chess" ausschließlich auf Songs des legendären Chess-Labels aus Chicago. Pioniere wie Muddy Waters, Etta James, Bo Diddley und Chuck Berry waren bei Chess Records beheimatet. Doch statt der detailgenauen Nachbildung des hochgeschätzten Materials befreien LeGrows Interpretationen die Stücke aus ihrem alten, bekannten Korsett. Sie formt die Songs zeitgemäß, indem sie die Vergangenheit und die Gegenwart miteinander verwebt. Mit n-tv.de spricht sie über "Pulp Fiction", schwere Stiefel und den größten Feind aller Künstler.

n-tv.de: "Who Do You Love" - wenn man diesen Song hört, können draußen ruhig Minusgrade herrschen, denn es wird einem sofort warm ums Herz. Um nicht zu sagen: heiß. Vor allem, wenn man noch das Video dazu sieht.

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Große Gefühle, große Stimme: Elise LeGrow.

Elise LeGrow: Oh, wow, danke. Das freut mich natürlich, aber ich muss ehrlicherweise sagen: Ich spiele eine Rolle. Das bin nicht ich (lacht). Bei manchen Songs auf dem Album kann ich natürlich eine persönliche Verbindung herstellen, aber bei einigen ist es eben auch so, dass ich in eine Rolle schlüpfe. Wie bei "Who Do You Love". Das ist so eine Vintage-Sache, bei der eine gehörige maskuline Energie mitschwingt. Der Erzähler der Geschichte war zum Beispiel im Gefängnis. Ach, um es kurz zu machen: Diese Person hat Erfahrungen, die ich gar nicht habe. Allerdings habe ich das Gefühl, als würde ich ein paar echt schwere Cowboystiefel tragen, denn die meisten, die diesen Song gecovert haben, waren nun mal Männer. Ich musste etwas Feminines da reinbringen.

Das ist dir auf jeden Fall gelungen.

Meine Kriterien für die Songs dieses Albums waren: Entweder hat der Song eine tolle Geschichte zu erzählen oder ich muss mich damit identifizieren können. Oder am besten beides!

Nachdem ich dieses Video gesehen habe, verstehe ich allerdings noch weniger, warum ich irgendwo gelesen habe, dass Whitney Houston und Mariah Carey deine Idole sein sollen ...

Ach ja, das waren natürlich meine Idole, als ich noch sehr jung war. Ich singe ja seit meinen Kindertagen und natürlich findet man vor allem als junges als Mädchen, dass diese beiden Künstlerinnen großartige Stimmen haben. Meine Vorbilder haben sich im Laufe der Jahre aber natürlich auch gewandelt. 

Welche sind das?

Etta James, Amy Winehouse, The Supremes und Martha Reeves and the Vandellas, Nina Simone, mehr aus der Ecke. Aber meine Musikgeschichte fängt eben an, als ich 10 Jahre alt war, und da liebt man auch die Musik aus Disney-Filmen (lacht). Und diese großen Pop-Balladen.

Wusstest du schon immer, dass du Sängerin werden wolltest?

Als ich Teenager war, produzierte ich ein paar Radio-Jingles, das war also noch nicht wirklich der große Schritt in Richtung Musikkarriere (lacht). Das war in Toronto. Und ich muss auch sagen, dass meine Eltern mich nicht in irgendweine Richtung gepusht haben, sie hatten mit dem Musikbusiness so gar nichts am Hut. Ich hatte nicht mal Musikunterricht ...

Aber du dankst deinen Eltern auf deinem Album dafür, dass sie dir als Kind die Möglichkeit gegeben haben, ein gewisses Selbstbewusstsein auf der Bühne entwickeln zu können, wenn du zum Beispiel bei Schulaufführungen gesungen hast.

Das Komische daran ist, dass ich wahrscheinlich schon immer recht erwachsen geklungen habe, selbst, als ich erst sechs Jahre alt war. Ich habe von Herzschmerz gesungen und davon, verliebt zu sein (lacht), all diese Dinge, die man als Sechsjährige noch gar nicht wissen oder fühlen kann.

Gehörst du vielleicht zu denen, die schon früh so eine Art "alte Seele" hatten?

Ja, vielleicht. Ich war schon früh fasziniert von diesen Themen.

War deine Stimme schon immer so tief und so voll, so rau und wissend?

Ich hoffe doch, dass das nicht so war (lacht). Ich denke aber, dass sich meine Stimme erst dahin entwickelt hat, so wie sie jetzt ist.

Du bist jetzt 30 und willst dir aber eine gewisse Kindlichkeit bewahren, ist das richtig?

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Läuft doch!

Ja, auf jeden Fall. Ich würde mich als Hedonistin bezeichnen. Mein absolutes Ziel ist es, anderen Freude zu bereiten, mit meiner Musik. Und dazu gehört meine Stimme und die Art, wie ich Songs interpretiere. Meine eigenen Songs, aber auch die von anderen. Sich darauf zu konzentrieren, Freude und Glück zu verbreiten, hat sicher etwas Kindliches, Naives, klar. Aber ich arbeite hart. Und der Grund, der Antrieb, das zu tun, sitzt ganz tief in mir.

Wie ist es zu deiner Entdeckung gekommen? Da standen also plötzlich Steve Greenberg und Co vor dir und sagten: Die wollen wir haben?

Ich habe zuerst den Musikproduzenten Steve Greenberg getroffen, der hat zuerst meine eigenen Songs gehört. Die kommen übrigens auf meinem nächsten Album heraus, wenn ich das jetzt schon mal erwähnen darf, und nach ein paar Songs war klar, dass wir zusammenarbeiten wollen. Steve hatte gerade zuvor mit Betty Wright und Mike Mangini zusammengearbeitet und er fand, dass diese Kombination das richtige Team wäre, um "Playing Chess" zusammen herauszubringen. Aber Steve ist das Zentrum.

Was bedeutet dir "Chess"? Das Label, dein Albumtitel ...

Ich wusste ehrlich gesagt gar nichts über die Geschichte von Chess Records, nicht einmal, dass meine Lieblingssängerin Etta James da unter Vertrag gewesen ist. Ich hatte den Chuck-Berry-Song "You Never Can Tell" in Tarantinos Film "Pulp Fiction" gesehen, du weißt, diese Szene, wo John Travolta und Uma Thurman Twist tanzen, und seitdem war ich diesem Lied vollkommen verfallen. Auch Berry war bei Chess unter Vertrag, das habe ich aber alles erst nach und nach entdeckt.

Und all die anderen Klassiker, die auf deinem Album sind - wie hast du die aus diesem riesigen Repertoire, das sich einem da bietet, ausgewählt? Nach welchen Kriterien bist du gegangen?

Es war eine riesige Herausforderung, das stimmt. Über Monate habe ich mich durch die Songs gewühlt, meine Produzenten auch, bis wir dann gemeinsam eine Auswahl treffen konnten.

Ist es nicht ein Risiko, so bekannte Lieder, die bestimmte Erwartungen schüren, neu zu interpretieren?

Auf jeden Fall, aber das wusste ich. Das ist immer so, dass einige Leute sagen, früher war alles besser, oder bestimmte Gefühle und Zeiten damit verbinden. Aber es gibt auch viele, die diese Songs eben noch nie gehört haben, gerade, weil sie so alt sind. An manche Songs werde ich  mich wohl nie herantrauen.

Du wirkst aber sehr selbstbewusst. Du würdest dich ja nicht von einem Vorhaben abbringen lassen, oder?

Nein, eine gewisse Furchtlosigkeit gehört natürlich zu dem Geschäft dazu. Das gilt aber für jeden, sobald man sich auf eine Bühne stellt oder anders exponiert. Es wird immer Leute geben, die einem applaudieren, und andere, die einen in Grund und Boden haten. Aber das ist okay.

Fühlst du Druck?

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Elise LeGrow ist im Mai mit dem Album "Playing Chess" auf Tour.

Eigentlich nicht. Der größte Feind eines Künstlers ist der Künstler selbst. Wenn man damit umgehen kann, hat man das Gröbste schon im Griff (lacht). Es gibt Tage, da bin ich extrem gnadenlos mit mir selbst und an anderen denke ich: Ach, läuft doch.

Wann kommt dein Album mit den eigenen Songs heraus?

Ich arbeite noch daran. Ich will nichts überstürzen. Das soll alles echt klingen. Nach echten Stimmen, nach echten Bläsern, nach Menschen. Nicht so synthetisch wie einiges, was gerade auf dem Markt ist.

Letztes Jahr bist du in Hamburg auf dem Reeperbahn-Festival aufgetreten - wie war das?

Ich hatte ehrlich gesagt echt Angst, dass keiner kommen könnte.

Das genaue Gegenteil war der Fall ...

... ja, und es hat mich umgehauen. Es war so ein toller Abend. Ich freue mich sehr auf die Tour im Mai!

Mit Elise LeGrow sprach Sabine Oelmann

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Elise LeGrow ist im Mai mit dem Album "Playing Chess" auf Tour

6. Mai Köln, Yard Club
7. Mai Hamburg, Imperial Theater
8. Mai Berlin, Auster-Club
10. Mai Leipzig, Neues Schauspiel
11. Mai München, Einstein

Quelle: n-tv.de

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