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Der "Körper" von Romano"Es ist einfach geworden, anderen wehzutun"

18.02.2026, 15:31 Uhr
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Romano_8 (c) Marcus Zumbansen
Er ist der wahre Hauptmann von Köpenick: Roman Geike alias Romano. (Foto: Marcus Zumbansen)

Drei Jahre nach "Vulkano Romano" kehrt der musikalische Hauptmann von Köpenick mit einem Konzeptalbum zurück. Wie viel Autobiografisches in "Körper" steckt und was ihn noch umtreibt, verrät Romano im Interview mit ntv.de.

ntv.de: "Körper" ist klar ein Konzeptalbum. Wie kamst du auf die Idee?

Romano: Ich war auf der Geburtstagsfeier eines guten Freundes, Jakob Grunert, mit dem ich früher meine Musikvideos gemacht habe. Dort traf ich meinen Produzenten Moritz alias Siriusmo. Wir hatten ein paar Gläser Sekt und ich erzählte ihm, dass ich gerade an einem Song namens "Zunge" schreibe. Ich finde dieses Wort und das Organ an sich mit all den Geschmacksknospen einfach faszinierend. Moritz fragte mich: "Soll es dabei bleiben?" Ich wusste erst nicht, was man noch machen könnte, aber dann dachte ich: Es gibt so viele interessante Körperteile. Erst planten wir eine EP mit vier oder fünf Songs, aber am Ende wurde ein ganzes Album daraus. Sogar Gedichte sind dabei, weil wir merkten, dass manche Themen nicht in einen Song passten. Einer der letzten Songs war "Zöpfe", weil ich dann fast alle Körperteile durchhatte, die mich interessierten.

Hattest du von vornherein bestimmte Organe ausgeschlossen? Die Leber zum Beispiel?

Die Leber hätte ich sehr gerne dabeigehabt. Hätte ich noch ein Jahr länger Zeit gehabt, wäre es ein Doppelalbum geworden: auf der einen Seite Körperteile, auf der anderen Organe. Kennst du diese Arztbücher zum Aufklappen? So stelle ich mir das vor, am Ende wird es fast ein spirituelles Hörbuch. Dass die Leber fehlt, ist schade. Ich hätte da sicher einen Twist eingebaut, nicht nur so ein hohles "Was für ein geiler Tag". Auch der Ellenbogen wäre gesellschaftlich spannend gewesen, aber irgendwie wollte ich den nicht im Fokus haben. Das Album ist für mich wie ein Zeitdokument, alles ist innerhalb von anderthalb Jahren entstanden.

Das Cover deines letzten Albums "Vulkano Romano" war das erste ohne Zöpfe, jetzt sind sie zurück. Hast du gemerkt, dass es ohne sie nicht dasselbe ist?

Wenn man die Zöpfe aufmacht, hat man diese leichte Welle im Haar, das macht schon was her. Aber ich hatte einfach wieder Lust, zu rappen. Während der Corona-Zeit war ich ein bisschen gesättigt von den typischen Rap-Themen - wer hat das krasseste Auto, wer ist der Härteste. Ich wollte wieder Humor und ein Augenzwinkern reinbringen, sogar etwas "schlageresk". In der Zeit, als mein Vater kurz vor Corona verstarb, entstand "Vulkano Romano". Aber jetzt wollte ich wieder Sprechgesang machen. Moritz hatte die passenden Beats mit Drum-and-Bass-Elementen. Es fühlt sich an, als wäre ich erst mit einem Traumschiff losgefahren und jetzt wieder mit dem Piratenschiff oder einem Fischkutter unterwegs.

In deinen Songs geht es um ein kaltes Herz, Erektionsprobleme und Ohrenschmalz. Wie viel davon ist autobiografisch und wie viel Recherche oder Fantasie?

Nehmen wir als Beispiel den Song "Fuß des Tabanaka". Ich war in Sizilien, ein tolles Reiseziel. Wenn man dort in die Kirchen geht, ist alles noch pompöser. Oft gibt es kleine Schreine mit Reliquien: ein Fingernagel, ein paar Haare oder eine Fingerkuppe, alles in Gold und Silber gefasst. Ich dachte mir, der Fuß wäre eine schöne Reliquie. Ich habe gegoogelt und tatsächlich gibt es einen Fuß von Maria Magdalena als Reliquie. Diese Absurdität, dass Menschen zu einem goldenen Fuß pilgern, fand ich toll. Im Song bleibt dieser Fuß immer frisch und duftet fantastisch. Die Auflösung, warum das so ist, gibt es im Lied.

Und "Polyesterherz"?

Das Herz war für mich in dem Moment Schlager oder Pop, deshalb ist die Nummer auch sehr "popschlager-mäßig" geworden. Polyester ist ein günstiger Stoff, den man leicht auswechseln kann. Das steht für Menschen, die sich in Beziehungen nicht richtig öffnen wollen. Man holt sich ein grünes Herz, dann ein blaues, alles funkelt in Neonfarben. Es geht um dieses schnelle Wischen nach links oder rechts in Apps - alles ist schnelllebig. Der Deal ist wie beim "Kalten Herz": Du hast Erfolg, bleibst aber an der Oberfläche und fühlst nichts. Das ist auch eine Kritik an der heutigen Gesellschaft und ihrer Vermeidungsstrategie.

Diese Kritik findet sich auch in anderen Songs wieder …

Genau, bei "Beine" geht es um das Militär. Ich überlebe dort eine Schlacht, weil mir Roboterbeine ohne Stand-by-Funktion angebaut werden. Ich werde zum Cyborg. Die moderne Kriegsführung mit Drohnen und Robotern wird immer entmenschlichter. Man tötet per Knopfdruck, fast wie in einem Computerspiel. Das ist viel abstrakter als im Mittelalter, wo man dem Gegner noch gegenüberstand. Heute braucht man nur noch eine App zum Navigieren und zwei Beine zum Marschieren - Hirn und Herz scheinen nicht mehr nötig zu sein. Das ist meine Kritik an der Sinnlosigkeit von Kriegen für Ideologien oder Aktienkurse.

Hat sich dein Blick auf deinen eigenen Körper durch die Arbeit am Album verändert?

Ich bin fantasievoller geworden. Durch das Album ist eine Zwischenebene aus Fantasie entstanden. Es stellt sich die spirituelle Frage: Bin ich nur dieser Körper oder wird er bespielt wie eine tolle Jacke? Man kann ihn trainieren, tätowieren oder sagen: "Mir ist alles egal." Aber inwieweit bin ich wirklich dieser Körper? Das ist das spannende Wechselspiel.

Wie gehst du denn persönlich mit deinem Körper um?

Ich könnte weniger Süßes essen. Zucker ist ein absoluter Suchtstoff, der heute überall drinsteckt, sogar in der Salami. Als Kind im Osten habe ich schon morgens mit Streuselschnecken angefangen, das ist schwer abzulegen. Auch mein Kaffeekonsum ufert in stressigen Zeiten oft aus. Gestern habe ich abends noch Kaffee getrunken und lag nachts wach und habe die Wand angestarrt. Was Sport angeht, war ich früher aktiver mit Ballett und Kampfsport. Das habe ich vernachlässigt, aber für die Tour wird es jetzt wieder wichtig. Ich will ja nicht nach dem dritten Song aus der Puste sein, sonst wollen die Leute ihr Geld zurück.

Du bist jetzt 48 Jahre alt. Merkst du das Älterwerden?

Es ist schon okay, solange man nicht permanent beim Arzt hängen muss. Ich muss es mit dem Sport auch nicht übertreiben und jetzt plötzlich auf Masse trainieren. Das Schwierigste ist das Hingehen, aber wenn man es durchzieht, wird man danach mit einem tollen Gefühl belohnt. Ein bisschen was zu machen, ist immer noch besser, als fünf Tage hektisch alles zu wollen und dann wieder aufzugeben. Zu Hause habe ich zwar Geräte wie eine Rüttelplatte, aber die nutze ich kaum.

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(Foto: Marcus Zumbansen)

Wir haben uns das letzte Mal vor drei Jahren getroffen. Man hat das Gefühl, die Weltlage hat sich seither noch mal verschlimmert. Was bereitet dir momentan besonders große Sorgen?

Mich erschreckt die Entmenschlichung durch Social Media. Es ist einfach geworden, anderen wehzutun. Im echten Leben würden die Leute einen grüßen oder weggucken, aber im Internet spielt sich jeder als Richter auf. Beleidigungen und Mobbing sind keine Meinungsfreiheit. Man sollte sich immer fragen: Würde ich mich wohlfühlen, wenn ich das Gleiche zurückbekäme? Dieses Verhalten färbt leider auch auf den Alltag ab. Ich versuche, Ruhe reinzubringen, denn nur in der Ruhe kann man den anderen wirklich wahrnehmen.

Glaubst du, dass man sich als Künstler heute auch politisch klar positionieren muss?

Absolut. Aber mein politischer Ansatz ist eher menschlich. Ich wünsche mir mehr Verständnis füreinander. Wir können nicht immer zu 100 Prozent funktionieren, jeder hat mal eine Trennung oder einen Todesfall hinter sich. Wir sollten mehr miteinander sprechen und uns Zeit nehmen. Heute sind die Leute schon irritiert, wenn man sich für einen Fehler entschuldigt. In der Politik wird Fehlverhalten oft einfach ausgesessen, bis es vergessen ist. Dabei ist es so essenziell, zu sagen: "Entschuldigung, ich habe einen Fehler gemacht." Wir alle machen Fehler, daraus lernt man doch erst.

Ein großes Thema ist derzeit - gerade für Kreative - Künstliche Intelligenz. Wie blickst du darauf?

KI hat zwei Seiten. Als Werkzeug kann sie großartig sein und uns Arbeit abnehmen, zum Beispiel im Grafikbereich oder bei der Recherche. Aber wir geben damit auch Kontrolle und Freiheit ab. Wenn KI-generierte Musik nicht als solche gekennzeichnet wird, geht die Seele verloren. Ein Album wie meines kostet anderthalb Jahre Schweiß und Tränen. Wenn dann jemand in zwölf Stunden etwas per KI erstellt, muss das klar deklariert werden. Die echten Dialoge oder die Seele eines Songs kann sie nämlich nicht ersetzen.

Du spielst in der neuen Netflix-Serie "Kacken an der Havel" mit. Wie ist das passiert?

Der Regisseur Dimitrij Schaad hat mir einen wunderbaren Brief geschrieben. Er wollte mich unbedingt als Wladimir, der einen Maniküre-Shop leitet. Es waren vier tolle Drehtage und ich trage in der Rolle ein wirklich verrücktes Outfit. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis.

Mit Romano sprach Nicole Ankelmann

Das Album "Körper" ist ab dem 20. Februar überall erhältlich.

Quelle: ntv.de

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