Unterhaltung
Live okay, aber auf Platte?! U2.
Live okay, aber auf Platte?! U2.(Foto: Anton Corbijn / Universal Music)
Freitag, 01. Dezember 2017

U2 versinken im Routine-Strudel: Im Stadion gehen die Lichter aus

Von Kai Butterweck

Erfahrung haben U2 im Spätherbst ihrer Karriere ja eigentlich genug. Oder gar zu viel davon? Auf ihrem neuen Werk "Songs Of Experience" katapultieren sie sich, gefangen in einem musikalischen Burn-Out-Korsett, ins musikalische Niemandsland.

Die Zeiten, in denen die Ankündigung eines neuen U2-Albums nahezu alle Rädchen im Musikwelt-Getriebe zum Stehen brachte, sind schon lange vorbei. Sicher, in puncto Verkaufszahlen grüßen die Herren Bono, The Edge und Co auch 40 Jahre nach der ersten Bandprobe noch vom oberen Ende der Nahrungskette. Knapp 200 Millionen unters Volk gebrachte Tonträger und 22 eingeheimste Grammy-Trophäen sprechen eine deutliche Sprache. Aber mal abgesehen vom vor drei Jahren gezündeten Ein-Album-für-ein-Apple-Knallfrosch "Songs Of Innocence" hinterließ seit "Achtung Baby" kein weiteres Studioalbum der Iren mehr sonderlich große Spuren im Rock- und Pop-Olymp.

Weder Fisch noch Fleisch

Live spielen U2 immer noch in einer eigenen Liga. Aber auf Platte …? Die wirklich großen Studio-Momente der letzten 25 Jahre sind an einer Hand abzuzählen. Routine hat sich eingeschlichen. Der straffe, rote Faden, der sich durch bahnbrechende Werke wie "The Unforgettable Fire" und "The Joshua Tree" zog, ist längst ausgeblasst und verfügt nur noch über die Spannkraft einer ausgeleierten Wäscheleine.

Auch das neue, mittlerweile 14. Studiowerk namens "Songs Of Experience" ist weder Fisch noch Fleisch. Aufgeplustert mit sphärischen Synthie-Sounds, pointierten Streichern und in regelmäßigen Abständen ab- und anschwellenden Dynamikwellen klopfen die 13 neuen Tracks mit penetranter Vehemenz an die Stadion-Pforten dieser Welt.

Ein laues Lüftchen

Das Album "Songs Of Experience" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Songs Of Experience" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Universal Music)

U2 wollen den ganzen Planeten umarmen. Wieder mal. Alle sollen die Lauscher spitzen, wenn Weltverbesserer und Steuer-Experte Bono Vox die Bösen in ihre Schranken weist ("American Soul") und die Guten mit Liebe und Hoffnung überschüttet ("Love Is All We Have Left", "Love Is Bigger Than Anything In It's Way"). Der mittlerweile zum U2-Standard zählende Von-allem-etwas-Orkan entpuppt sich jedoch als laues Lüftchen.

Getragen von Bonos pathosgeschwängerten Licht- und Liebe-Metaphern verdient sich lediglich die bereits auf der "Joshua Tree Tour 2017" vorgestellte Harmonie-Hymne "The Little Things That Give You Away" das Prädikat wertvoll. Der Rest des Albums hingegen versinkt in einem Strudel aus blubbernder Schall-und-Rauch-Poesie und musikgewordener Belanglosigkeit.

Bono singt, flüstert, jauchzt und säuselt. The Edge hat keine Ecken mehr. Larry Mullen Jr. versucht zu retten, was zu retten ist. Und Adam Clayton bearbeitet seinen Bass wie die Herren Dessner ihre Keyboards. Im Spätherbst ihrer Karriere tuckern die einstigen Rock-Flaggschiff-Kapitäne aus Irland in immer seichtere Gewässer. U2 sind dort angekommen, wo sie eigentlich nie hinwollten - im musikalischen Niemandsland.

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Quelle: n-tv.de

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