Unterhaltung
Johannes Oerding - der Mann mit dem Hut. Und dem hypnotischen Blick.
Johannes Oerding - der Mann mit dem Hut. Und dem hypnotischen Blick.
Samstag, 25. November 2017

Dreht sich nicht im Kreis: Johannes Oerding, live und in Farbe

Die Momente, in denen gestandene Musiker wie Johannes Oerding auf der Bühne von Emotionen übermannt werden, sind der Grund, warum wir auf Konzerte gehen. Das sind Augenblicke, mit denen kein Studio-Album mithalten kann; in denen man zusammen mit dem Künstler etwas Spontanes, Einmaliges erlebt. Von solch besonderen Momenten gibt es auf "Kreise live" so einige. Im Großen Sendesaal des NDR Landesfunkhauses in Hannover nahm Johannes Oerding mit seiner Band und dem Orchester der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung des Dirigenten Enrique Ugarte die Songs seines Albums "Kreise" noch einmal live auf. Eigens für das 86-köpfige Orchester arrangiert erscheinen die Hits des seit 23 Wochen in den Charts stehenden Albums nun in völlig neuem, hochemotionalem Licht. Das Album "Kreise" ist im Mai erschienen, aus dem Stand auf Platz 2 der deutschen Albumcharts eingestiegen und rangiert nach wie vor unter den Top 100. Die gleichnamige erste Single war mit bis zu 850 Plays in der Woche Oerdings bisher erfolgreichste Radiosingle überhaupt und flankierte eindrucksvoll seine Ehrung mit der diesjährigen Auszeichnung für Textdichter, dem "Fred Jay Preis". Auch die neueste Single-Auskopplung "Hundert Leben" verspricht bereits kurz nach Erscheinen Rekordmarken und setzt den passenden Ton für eine weitere Premiere: Am 25. November, fast auf den Punkt zum Release von "Kreise Live", spielten Johannes Oerding und Band zum Abschluss der "Kreise"-Tour 2017 zum ersten Mal in der für 16.000 Fans ausgelegten Barclaycard Arena in Oerdings Wahlheimat Hamburg. Mit n-tv.de sprach Oerding gegen Ende seiner Tour über Gitarren, Freunde, Highlights, große Hallen und den Blick zurück. 

Einfach mal zurück gucken ...
Einfach mal zurück gucken ...

n-tv.de: Wie ist es dir denn ergangen in den letzten Monaten auf der Tour? Was waren die Highlights?

Johannes Oerding: Es sind ganz viel Sachen so aufgegangen, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Album, das wir veröffentlicht haben, wurde akzeptiert (lacht), dann ist natürlich ein Highlight, das neue Material auf der Bühne spielen zu können und zu sehen, wie das Publikum so reagiert. Deswegen macht man das ja. Man lässt sich als Kind eine Gitarre schenken um zu zeigen, was man drauf hat. und das können wir jetzt gerade machen. Da habe ich so drauf hingefiebert und hingearbeitet. Dann hatten wir zwischendurch aber noch schöne Highlights wie die Einspielung des Albums mit dem Orchester - und die privaten Highlights sind einfach, dass viele meiner Freunde gerade Kinder bekommen. Da freut man sich mit, man hat immer einen Grund zu feiern.

Wirst du dann nicht ständig Patenonkel?

Ich bin eigentlich immer eher verantwortlich für die Organisationen der Junggesellenabschiedsabende.

Machst du dann Musik?

Aber auch nach vorne ...
Aber auch nach vorne ...

Wenn es sich ergibt. Meine Familie und Freunde nehmen da tatsächlich Rücksicht drauf und fragen gar nicht ständig nach. Aber da ich immer eine Gitarre im Auto habe, kann es schon passieren. Und dann singe ich eben, in einem weißen Anzug mit Föhnfrisur, wie neulich bei meinem besten Freund, auch mal einen George-Michael-Song.

Herrliche Vorstellung! Das steht jetzt gar nicht auf meinem Zettel, aber die Frage liegt nah: Und du so?

Ich so?

Heiraten und so?

Oh, habe ich auch gar nicht so auf meinem Zettel (lacht). Und ich glaube, bei meiner Freundin steht das auch gar nicht so auf dem Zettel, weil es einfach ganz wunderbar läuft und klappt, so wie es jetzt ist.

Ach Mensch, es wäre doch so schön, so ein schönes Zeichen ...

Ja, aber sie hat mich noch gar nicht gefragt ... (lacht)

Ok, dann verlassen wir mal das amouröse Terrain lieber und widmen uns dem Pressetext - den du vielleicht gar nicht kennst - zu deinem neuen Album ...

Na klar kenn' ich den!

Um so besser! Da steht, dass du immer noch Gänsehaut hast wenn du spielst. Ist das auch noch so nach einer durchaus langen Tour?

Schon immer der Junge mit der Gitarre ...
Schon immer der Junge mit der Gitarre ...

Ja, das passiert immer noch. Sogar häufig. Allein die Tatsache, dass alles so viel größer geworden ist, ist bomabstisch. Du kommst raus auf die Bühne und da steht eine Masse, die singt deine Lieder. Wenn ich da zuhöre, dann bekomme ich auf jeden Fall Gänsehaut. Da werden Knöpfe bei mir gedrückt, Wahnsinn. Ich denke dann, mein Gott, eben noch habe ich den Song auf der Couch zu Hause geschrieben, und jetzt stehen hier ein paar Tausend Menschen und singen. Da kann man nicht cool bleiben. Meine Jungs und ich, mit denen ich schon über 12 Jahre unterwegs bin, grinsen uns dann nur noch an. Ich meine, wir haben mal in Clubs vor 16 Leuten gespielt - und jetzt sind wir hier! Ich hoffe übrigens, das hört nie auf! Allerdings haben wir uns auch ein bisschen dran gewöhnt, das gebe ich zu. (lacht)

Was ist schöner, großes oder kleines Publikum?

Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich immer sagen: Je größer desto besser. Aber man kann das auch nicht so richtig vergleichen, das ist eben immer was anderes, wenn man dann mal wieder in einem Club auftritt.

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

Mit sechs oder sieben, glaube ich.

Das ist jung. Da wusstest du schon, das ist mein Instrument?

Nee, aber meine Eltern. Ich habe ja auf ihrer alten Gitarre rumgeklimpert, und da dachten sie sich, der Junge kriegt mal besser 'ne eigene Gitarre. Seitdem bin ich "in Liebe" mit der Gitarre. Mit 11 oder 12 kam dann die erste E-Gitarre dazu. Aber das Schöne zu Hause war, dass da immer Instrumente rumstanden, sodass ich mich immer ausprobieren konnte.

Eine musikalische Familie?

Wenn sich alles in Kreisen bewegt - dann sind wir bei Johannes Oerding.
Wenn sich alles in Kreisen bewegt - dann sind wir bei Johannes Oerding.

Ja, meine Mutter konnte drei, vier Akkorde, mein Vater drei andere, also habe ich sieben gelernt, fürs Lagerfeuer hat's gereicht (lacht). Und dann hab ich auch schon komponiert.

Wusstest du bei "Kreise", dass es so eine Hymne werden würde?

Beim Schreiben noch nicht, aber einen Tag später war uns das dann irgendwie klar, weil man immer wieder was Neues hört. Und egal, wem wir es vorgespielt haben, alle, egal, wen wir gefragt haben, fanden diesen Song gut. Da dachten wir uns, dass da wohl was dran sein muss. Das ist der Türöffner für so ein Album, denke ich.

Hast du auf dem Album jetzt dein Leben reflektiert? Eine Bilanz gezogen?

Findest du das?

Ja, allein die Songs "Zwischen Mann und Kind", "Unser Himmel ist derselbe" "Hundert Leben" - da guckt man schon ein bisschen zurück und fragt sich: Was war? Was kommt?

Bei "Hundert Leben" ist das wirklich konkret so, da dachte ich mir, mit Mitte dreißig da darf ich mal, da sollte ich mal gucken, was gut war, was schlecht gelaufen ist, ich geh' nochmal zurück aufs Dorf, wo ich meine Grundausbildung fürs Leben bekommen habe. Es sind aber auch politische Themen dabei wie bei "Weiße Tauben", oder dann so eher gesellschaftskritisch wie bei "Love Me Tinder", alles mit einem Augenzwinkern natürlich. Außerdem ist das Album zwei Jahre erwachsener als der Vorgänger (lacht). Der größte Unterschied ist aber, dass ich doch versucht habe, mehr Gefühle abzuklappern als die vier bis fünf typischen Singer-Songwriter-Gefühle.

Die da sind?

Aufbruch, Hoffnung, Verliebtsein und Sichtrennen (lacht). Und ich wollte auch ein paar lustige Sachen wie "Zieh' dich aus" bringen. Aber auch meine Rastlosigkeit habe ich verarbeitet. 

Ist "Zieh dich aus" im Moment noch mal ein bisschen aktueller geworden im Angesicht der Sexismus-Debatte?

Denke ich eigentlich nicht. Ist ja aus beiderlei Perspektive zu sehen. Natürlich klingt "Zieh dich aus" erstmal schon sexistisch, aber ich wollte eine Hommage an meinen großen Helden Prince schreiben, sowohl soundlich als auch mit diesem verruchten Augenzwinkern. Ich hoffe, dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. Und schon Marius Müller-Westernhagen sang: "Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn Dicksein ist 'ne Quälerei." Das ist auch nicht politisch korrekt. Am Ende ist ja Musik auch immer ein bisschen Kunst.

Mit Johannes Oerding sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de

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