Musik

Jetzt produziert sie auch noch Katja Eichinger, Tempers und das Ding mit dem Konsum

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Shoppt nicht gern, hat aber einen unverwechselbaren Stil: Katja Eichinger.

(Foto: imago/Seeliger)

Laute Musik im KaDeWe, zwischen Gucci, Prada und Valentino - nix mit Kaufhaus-Gedudel: Die US-Elektronik-Band Tempers lässt die Schwarte krachen inmitten von zarten Kleidern, schweren Stiefeln und großen Hüten. Doch nicht nur das ist ungewöhnlich: Relativ neu dürfte den geladenen Gästen sein, dass Katja Eichinger als Produzentin hinter dem Ganzen steckt. Klar, sie ist die Frau fürs Ungewöhnliche, aber Musik? Die 47-Jährige, die als Frau des großen Bernd Eichinger bekannt wurde und sich seit Langem einen Namen als Autorin ("BE", "Amerikanisches Solo") und Journalistin gemacht hat, hat mal eben das Fach gewechselt. Und die Band Tempers, bestehend aus Edward Cooper und Jasmine Golestaneh, reißt das Publikum mit - fort von den Kleiderständern, rein ins musikalische Vergnügen.   

n-tv.de: Live-Musik zwischen Größe 34 und 40?

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Tempers - lost in (junk)space? Mitnichten!

(Foto: imago/Photopress Müller)

Katja Eichinger: Ja, ich freue mich sehr darüber, dass man mit dem KaDeWe so gut kooperieren kann. Und obwohl die Band nun das Album Junkspace, in dem es um nichts anderes als Konsum und Konsumkultur geht, performt hat, bleibt man im Konsumtempel KaDeWe extrem gelassen (lacht).

An dem Abend hätte man direkt vor Ort auch einkaufen können …

Ach wirklich? Das habe ich gar nicht mitbekommen. Das liegt sicher daran, dass ich gar nicht so auf Shoppen stehe. Junkspace geht ja sehr kritisch mit dem Konsumverhalten um, es geht aber vor allem um Shoppingmalls, die als, ich nenne es mal "Nicht-Orte" existieren - ganz anders als so ein exquisites Haus wie das KaDeWe - und die täglich mehr werden.

Was meinst du mit "Nicht-Orte"?

Große Architekten wollen Museen bauen, Gebäude mit einer Bedeutung, am besten für die Ewigkeit, aber kein Architekt interessiert sich wirklich dafür, eine Shoppingmall zu bauen. Auch weil dort alles dort irgendwie "fake" ist, sogar die Realität...

Die sehen ja auch alle gleich aus und sind nach einem ähnlichen Prinzip konstruiert  …

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Rem Koolhaas

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Rem Koohlhaas (Anm. d., Red.: ein renommierter Architekt und Vertreter zeitgenössischer Architektur) hat als Erster den sehr kritischen, aber auch sehr witzigen Text JUNKSPACE zum Thema Shoppingsmalls geschrieben, nach dem unser Album benannt ist. Die Themen Shoppingmall und Konsum begleiten mich schon seit meinem Studium in Großbritannien. Und so kannte ich natürlich auch Rems Text.

Dein Studium in den Achtziger-/Neunzigerjahren fand ja zu einer Zeit statt, in der Konsum noch gar nicht so vordergründig war, wie er einem jetzt erscheint: Durch das Internet hat man ständig Zugriff auf Dinge und Ketten und Billigmärkte machen es allen möglich, sich permanent neu dem Konsum hinzugeben. Was früher noch eine Jahreszeitenangelegenheit war - man ging einen "Übergangmantel" kaufen - wurde durch die Möglichkeiten des ständigen Konsums ja extrem verändert …

Ja, heute ist alles immer ganz neu. Früher haben wir doch versucht, unsere Turnschuhe möglichst von Anfang an alt aussehen zu lassen (lacht). Darum geht es mir aber schon lange: Warum stürzen wir los und kaufen ständig Neues, warum wollen wir ständig materielle Dinge? Aber wir schweifen vom Thema ab.

Stimmt - aber warum wollen wir ständig Neues? Das kann man ja durchaus auch auf Musik ausweiten, es gibt ständig neue Musik …

Ja, das hat mit Begehren zu tun. Mit dem Ansatz "Ich begehre, also bin ich" - und  dieses Hamsterrad des Begehrens ist natürlich eine riesige Maschinerie, ein Wirtschaftsfaktor. Der zu "Ich kaufe also bin ich" führen kann.

Kommen wir wieder zurück zu "Junkspace" und auch zu Rem Koolhaas - er spricht auf dem Album …

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Katja Eichinger, Jasmine Golestaneh und Edward Cooper im KaDeWe.

(Foto: imago/Photopress Müller)

Weil ich durch Rem ja auf die Idee für das Album gekommen bin. Nach der "World of Malls"-Ausstellung (Anm. d. Red.: eine Ausstellung in München, 2016, in der es um die Einkaufsvision im Wandel ging) bat die "Vogue" mich, Koolhaas über seinen Umbau des KaDeWe zu interviewen. Also ausgerechnet Koolhaas, der Konsumtempelkritiker, sollte einen der berühmtesten Konsumtempel umbauen. Das fand ich mega spannend. Und irgendwie sind wir dann im Gespräch über Gott und die Welt darauf gekommen, dass Architektur gefrorene Musik ist. Da kam mir dann wieder der Gedanke: Wie würden eigentlich geschmolzene Shopping Malls klingen? (lacht) Und das war die Idee für das Album. Rem hat uns dann erlaubt, Teile des Interviews in das Album einzuarbeiten.

Was machen diese "Malls" mit einem, mit dem Konsumenten?

Sie gaukeln Realität vor, dabei ist alles Fake. Vom Vogelgezwitscher in der Tiefgarage bis zum Himmel über der "Plaza". Rem Koolhaas hat aber einen ganz anderen Ansatz, er hat zum Beispiel im Kaufhaus Selfridges in London eine Bühne eingebaut, auf der Vorlesungen und Podiumsdiskussionen stattfinden. Das heißt, die Realität wird geradezu hineingeholt in das Kaufhaus.

Wie hältst du es denn mit Shopping? Irgendwann muss man ja mal was kaufen.

Ich mag Vintage wirklich sehr gerne, ich kaufe oft Second Hand. Und wenn ich etwas kaufe, dann habe ich es echt lange. Ich hänge an den Sachen. Anders ist es bei Make Up: Schon früher, als ich oft so gar kein Geld hatte (lacht), in London, bin ich zu Libertys gegangen und habe mir einen Lippenstift gekauft.

Und Schuhe?

Ich habe nur fünf Paar.

Die ganze Sache ist ja, wenn man es denn wollte, wirklich schwer in eine Schublade zu packen. Fest steht: Katja Eichinger hat viele Interessen und explodiert vor Ideen - jetzt hatte sie eben mal Lust, ein Album zu produzieren …

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Gesagt, getan: Eichinger mit dem von ihr produzierten Album Junkspace.

(Foto: imago/Photopress Müller)

Ja, und da ist es doch fast egal, warum, oder? Es ist ja gute Avantgarde-Pop-Musik, was die Tempers da machen.  Der intellektuelle Überbau dahinter ist zwar interessant, aber am Ende zählt, ob einem die Musik gefällt. Für mich ist das eine Art Mischung zwischen Lana del Rey und Suicide.

Und ich musste beim Hören an Kirchenmusik denken, an Musik, die einen magisch anzieht …

Das ist toll, wenn das so funktioniert! Der Autor des Buches "Kingdom Come", J.G Ballard, den ich sehr verehre, hat gesagt, dass die Shoppingmall die Kirche der Vorstädte ist, insofern passt das doch perfekt. Und für mich als ehemalige Kirchenorganistin hat diese Musik auch etwas sehr Transzendentales, sie transportiert mich an einen anderen Ort.

Woher kennst du Edward Cooper und Jasmine Golestaneh eigentlich?

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Ich bin schon eine Weile mit ihnen befreundet, wir haben bereits mal einen Disko-Song geschrieben. Ich habe einen Kirchenchoral umharmonisiert, Eddie hat ihn zum Disko-Beat gemacht und obendrauf hat Jasmine gesungen, "Die Ballade des kleinen Soldaten", und dann hatten wir innerhalb einer Woche einen Song. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse, die beiden sind sehr begabt.  Und als ich ihnen von meiner Idee erzählt habe, eine "Ode an die Shoppingmall" umzusetzen, haben sie sofort verstanden, was ich meine. Jeder Song ist einem Element der Shoppingmall gewidmet: der Palme, der Rolltreppe, dem Springbrunnen …

Was ist das Erstaunlichste für dich an einer Shoppingmall?

Dass es in Amerika alte Damen gibt, die dort morgens im Kreis joggen, einfach, weil sie sich dort sicher fühlen, denke ich.

Und es ist schön klimatisiert … Die Tempers sind jetzt jedenfalls auf Tour.

Ja, am 30. sind sie in Hamburg, am 31. Januar in der bereits ausverkauften Kantine am Berghain und dann geht es weiter nach München, Dresden und Frankfurt. Und ich muss gestehen, dass ich total glücklich bin, denn ich weiß, dass es sich nach einem irren Projekt anhört, aber Musik gehört nunmal auch schon immer zu meinem Leben. Dass das jetzt geklappt hat, ist wirklich surreal.

Mit Katja Eichinger sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de