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"Ich war generell überfordert" Lena sendet nichts als Liebe

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Hat zu sich gefunden: Lena.

(Foto: Hendrik Schneider / Universal Music GmbH)

Lange hat es gedauert, doch jetzt ist es da: "Only Love, L", das neue Album von Lena Meyer-Landrut. Mit n-tv.de spricht die Sängerin über die Reise zu sich selbst, Spiritualität, Mobbing, schlüpfrige Schlagzeilen und "Sex in the morning".

n-tv.de: Du bist gerade wirklich fleißig: Eben erst hattest du wieder eine Synchronrolle im Kino, du bist Jurorin bei "The Voice Kids", du beackerst deine Social-Media-Kanäle und feierst jetzt auch noch die Veröffentlichung deines neuen Albums. Wie lang ist derzeit ein Arbeitstag im Leben der Lena Meyer-Landrut?

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Lena: Das kommt darauf an. Da ich so einen unsteten Beruf habe, kann ich das gar nicht pauschal sagen. Manchmal haben Tage absurde Zeiten von 7 bis 23 Uhr. Manchmal arbeite ich aber auch nur drei oder vier Stunden, wenn es zum Beispiel nur Büroarbeit gibt. Heute war es so, dass es schon um 7 Uhr mit Make-up anfing. Um 7.45 Uhr sind wir losgefahren und sind seither unterwegs. Wir fahren jetzt nach Mannheim, von da dann nach Frankfurt. Ach nee ... (lacht) Wir sind gerade in Frankfurt! Ich weiß es schon gar nicht mehr ...

Dein Hauptfokus liegt gerade aber vermutlich schon auf dem Album ...

Ja, zu 100 Prozent! Wir sind gerade auch auf Radioreise. Wir tingeln durch die Radiostationen, wo ich über das Album und die Songs spreche.

Das wollen wir auch: Das ist ja ein Album, das eine eher schwere Geburt war ...

Ja, deshalb haben wir jetzt auch einen Kaiserschnitt für den 5. April gewählt. (lacht)

Die Veröffentlichung wurde mehrmals verschoben. Du hast von einer kreativen Krise gesprochen. Was war los?

Ich habe mich anfangs damit einfach nicht wohlgefühlt und mich gefragt: "Warum mache ich das Album eigentlich?" An sich nur, weil ich halt das nächste Album zu machen habe. Das ist als Musiker so: Ein Album ist fertig, also macht man das nächste. Und das nächste und ... Das allein war mir aber nicht Grund genug. Deshalb habe ich das Ganze abgebrochen, habe mich um mich selbst gekümmert und bin nach innen gegangen. Ich habe mir essenzielle Fragen gestellt. Dabei kam dann schließlich das Album raus, das jetzt existiert.

Du hast ja irgendwann alles, woran du bereits gearbeitet hattest, weggeworfen und noch einmal von vorne begonnen. Das heißt: Eigentlich müsste es jetzt auch jede Menge ungenutztes Material von dir geben. Erscheint das dann irgendwann in 20 Jahren als "Lenas unveröffentlichte Songs"?

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"Ich gebe einfach mein Bestes."

(Foto: Hendrik Schneider / Universal Music GmbH)

(lacht) Es gibt tatsächlich sehr, sehr viel unveröffentlichtes Material - aber auch von den späteren Arbeiten an dem Album. Das ist normal. Im Schreibprozess wird immer wesentlich mehr Material produziert als das, was dann am Ende aufs Album kommt. Für dieses Album haben wir vielleicht um die 40 Songs geschrieben. Davon sind jetzt letztendlich 13 plus ein Bonustrack auf dem Album.

Was hat letztlich den Durchbruch gebracht, dass es dann doch mit der Arbeit am Album vorangegangen ist?

Das war eher ein fließender Prozess. Ich habe in der Zeit, in der ich mich viel mit mir selbst beschäftigt und mich auf den Weg zu mehr Ruhe, Gelassenheit, Glück, Freude und den echten Fragen begeben habe, viel notiert und aufgeschrieben. Das konnte ich dann super gut für meine Songs benutzen.

Du bist inzwischen eine richtig etablierte Künstlerin. Schließlich ist das bereits dein fünftes Studioalbum. Das kriegt nicht jeder Gewinner des "Eurovision Song Contests" (ESC) hin und schon gar nicht jeder Teilnehmer. Worauf führst du es zurück, dass dir das gelungen ist?

Puh, schwierig ... Ich gebe einfach mein Bestes. Ich versuche, bei mir zu bleiben, mich zu reflektieren, im Moment zu bleiben und so authentisch wie nur möglich zu sein. Und ich versuche, den größten Spaß an den Dingen zu haben, die ich mache. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich es nicht für den Erfolg mache. Oder für das Geld. Ich mache es für mich, weil ich damit echt glücklich bin. So kann ich auch am meisten anderen Menschen geben.

Um die Verschiebung des Albums wurde einiger Wind gemacht. Andererseits ist der Vorgänger "Crystal Sky" auch "nur" vier Jahre alt. Eine Band wie Rammstein schafft es, zehn Jahre kein Album zu veröffentlichen - und niemand regt sich auf ...

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Vier Jahre sind seit ihrem Vorgänger-Album "Crystal Sky" vergangen.

(Foto: Magdalena aka Sirius.Film / Universal Music GmbH)

Das weiß ich gar nicht. Bei Rammstein wird es bestimmt auch Stimmen geben, die sagen: "Mann, Mann, zehn Jahre nichts gehört. Jetzt aber ..."

Machst du dir selbst den Druck oder machen das andere?

Also, wenn ich Druck habe, dann kommt er immer mal wieder von anderer Seite. Es gibt natürlich immer Stimmen und Leute, denen irgendwas nicht gefällt, was ich mache. Aber das gehört auch dazu. Ich habe mich damit absolut abgefunden und empfinde das inzwischen auch eher als positiv. Ich bin nicht angreifbar, wenn ich bei mir, weich und authentisch bin.

Das Album trägt den Titel "Only Love, L". Das ist die Signatur, mit der du häufig auch Schriftstücke unterschreibst ...

Genau, zum Beispiel auch meine E-Mail-Signatur. Es geht mir darum, dass man - egal, was man schreibt - die E-Mail mit Liebe beendet. Man sendet am Ende noch einmal Liebe aus, auch wenn es davor vielleicht mal nicht so ein angenehmer Inhalt gewesen sein sollte.

Das klingt ja durchaus ein wenig spirituell. In einem anderen Interview hast du dich selbst auch als "Eso-Leni" bezeichnet. Ist das nur Spaß oder ist da was Wahres dran?

Da ist auf jeden Fall was Wahres dran. Spirituell ist ja an sich schon die Reise zu sich selbst. Ich bin einfach ein Freund davon, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, offen zu sein und mich nicht einzuboxen. Ich versuche, mich von den Regeln der Gesellschaft freizumachen, zu beobachten und nicht zu be- oder verurteilen.

Der Album-Opener "Dear L" ist quasi ein Brief an dein eigenes 19-jähriges Ich. Was rätst du der Lena von damals?

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Im Grunde das, was ich im Song beschreibe: "Entspann dich! Bleib ruhig und sei im Hier und Jetzt. Es ist alles gut, so wie es ist. Du wirst auf die Schnauze fliegen, aber auch wieder aufstehen. Das gehört dazu. Vertraue auf dein Bauchgefühl, auf deine Intuition. Glaub an dich und hab Ambitionen. Das ist dir erlaubt." Es geht um selbststärkende Dinge, um mir mehr Ruhe und eine größere Sicherheit zu geben. Nicht darum, die Dinge zu verändern.

Die erste Single aus dem Album war "Thank You". Darin geht es um Mobbing ...

Nicht direkt. Es geht eher darum, Tiefschläge nicht als Tiefschläge zu nehmen, sondern als Wendepunkte. Darum, dass man negative Erfahrungen dazu benutzt, aus ihnen zu lernen und stärker daraus hervorzugehen. Aber natürlich lässt sich das gut auf ein Thema wie Mobbing anwenden.

Expliziter warst du mit Blick auf Mobbing bei einem Instagram-Post, in dem du diverse Beschimpfungen und Beleidigungen öffentlich gemacht hast und der viel Beachtung gefunden hat. Das Thema scheint bei dir schon Spuren hinterlassen zu haben ...

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Klar, mich hat das total beschäftigt. Dabei ging es aber nicht nur um Social-Media-Mobbing. Ich war von dem ganzen Feedback generell überfordert und habe mir das sehr zu Herzen genommen. Mittlerweile kann ich sehr viel gelassener damit umgehen.

Lässt es dich jetzt kalt?

Nein, aber ich habe inzwischen besser verstanden, dass ich als Person des öffentlichen Lebens auch als Projektionsfläche diene, an der sich Leute abarbeiten, denen es in dem Moment wahrscheinlich selbst nicht so gut geht. Ich versuche mir vor Augen zu führen, dass ich eigentlich gar nicht der Grund für die Beschimpfungen bin, sondern die Personen selbst.

Eine Projektionsfläche bietest du auch den Medien. Einige der jüngsten Schlagzeilen über dich lauten zum Beispiel: "Lena: Man sieht deutlich was sie drunter trägt". Oder: "Lena gibt sich so versaut wie noch nie." Oder: "Sehen wir Lena hier nackt in der Dusche?" ...

Das Thema scheint sehr interessant zu sein ...

Nervt das?

Ach, was in der Yellow Press steht, ist mir eigentlich ziemlich egal. Das hat auch nur einen relativ geringen Wert und ist so schnell vergessen, wie es hochgeladen wurde. Es braucht immer die nächste Schlagzeile und die nächsten krassen Begriffe, um überhaupt Leser ranzukriegen. Das ist eine Sparte für sich und hat ja nichts mit echtem Journalismus zu tun. Aber das ist auch in Ordnung. Ich konsumiere das auch hier und da, amerikanischen Gossip und so. Mir ist dabei aber bewusst, dass das relativ wenig mit der Realität zu tun hat. Das reicht mir.

Machst du dir, bevor du etwas postest, darüber Gedanken, was das für Reaktionen hervorrufen könnte? Als du etwa die Trennung von deinem Freund bei Instagram verkündet hast, muss dir klar gewesen sein, was du damit auslöst ...

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Auf dem Album verarbeitet Lena auch das Ende ihrer langjährigen Beziehung.

(Foto: Magdalena aka Sirius.Film / Universal Music GmbH)

Ich bin mir eigentlich immer sehr bewusst darüber, was ich mache oder poste - oder eben nicht. Und mir ist durchaus klar, dass alles, was ich bei Instagram veröffentliche, potenzielles Material für die Presse ist.

Stimmt es, dass du die Trennung auch auf dem Album verarbeitest?

Hast du das Album gehört?

Ja, klar, habe ich.

Na, dann hast du es ja gehört. (lacht)

Ja, aber vieles könnte ja auch abstrakt gemeint sein. Es sind also schon persönliche Dinge, über die du singst ...

Ja, schon. Ich bin generell sehr dankbar dafür, all meine Emotionen in der Musik verarbeiten zu dürfen. Für mich ist es auch wichtig, mich darin nicht einzuschränken, auch wenn ich in der Presse eher verhalten bin, wenn es um mein Privatleben, meine Beziehung oder meine Familie geht. "Only Love, L" ist für mich auf jeden Fall das persönlichste Album, das ich bisher gemacht habe. Ich teile in den Texten wirklich auch Gefühle und autobiografische Dinge, wie ich es noch nie gemacht habe.

Die zweite Single aus dem Album ist "Don't Lie To Me". Dazu gibt es ein relativ imposantes Video, das ebenfalls die Welt der sozialen Netzwerke thematisiert. Wer hatte die Idee dazu?

Die Idee dazu kam von Paul Ripke, dem Regisseur. Wir sind seit einigen Jahren befreundet. Ich hatte ihn gefragt, ob er Bock hat. Da haben wir uns rangesetzt - und diese Idee ist entstanden.

Auch dieses Video hat öffentliche Diskussionen befeuert, weil du dich am Ende in dem Clip übergibst. Viele haben das als einen Kommentar zu den Magersucht-Vorwürfen interpretiert, die dir immer wieder gemacht werden. Zu Recht?

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Ja, unter anderem. Es hat aber mehrere Ebenen. Zum einen greift es die Redewendung vom "sich auskotzen" auf. Also: "Don't lie to me - kotz' dich doch einfach mal aus, sei doch einfach mal ehrlich." Dann ist es natürlich auch eine Metapher für die ganze Fake- und Filter-Welt von Instagram, in der nur Glitzer hervorkommt und nichts wirklich "Erbrochenes". Und ja, am Ende ist es mit Augenzwinkern auch ein Verweis auf die seit Jahren immer wieder hochkochenden Nachrichten, dass ich magersüchtig sei. Die sind einfach wild. Ich habe ja das Gefühl, dass einige Zeitungen einfach ihre Artikel copy-pasten und im Abstand von ein paar Monaten immer mal wieder veröffentlichen.

Wenn du selbst einen Song auf dem Album hervorheben würdest, welcher wäre das?

Ganz schwer ... Das ist immer stimmungsabhängig. Jetzt gerade sitze ich im Auto auf dem Weg zum nächsten Termin. Wenn ich jetzt das Album anmachen würde, würde ich wahrscheinlich als erstes "Note To Myself" hören.

Ich muss auch noch ein Lied herauspicken: "Sex in the morning". Irgendwie hätte ich nicht erwartet, dass du mal so frei von der Leber über Sex singen würdest ...

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(lacht) Ja, ich auch nicht! Ich hatte einfach Lust darauf und habe mich danach gefühlt. Ich höre selbst sehr viel Hip Hop und R'n'B und das Lied hat ja so einen leicht urbanen Einfluss. Mir gefällt der Song total gut, deswegen habe ich ihn aufs Album gepackt.

Du hast einen umjubelten Auftritt beim ESC-Vorentscheid absolviert. S!sters haben gewonnen - ein Duo aus einer Ex-Teilnehmerin bei "The Voice Kids" und einer deiner Background-Sängerinnen. Bist du mit der Entscheidung einverstanden oder hättest du andere Favoriten gehabt?

(lacht) Ich bin mit der Entscheidung einverstanden.

Was traust du S!sters in Tel Aviv zu?

Ach, im Grunde genommen ist das doch egal. Ich wünsche ihnen einfach, dass sie großen Spaß haben und den ganzen Zirkus genießen. Das ist eine einmalige Erfahrung, die sie nie wieder vergessen werden.

Mit Lena sprach Volker Probst

Quelle: n-tv.de

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