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Bosse-Album "Stabile Poesie""Mit Nazis und mit Tätern rede ich nicht"

15.04.2026, 15:30 Uhr
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Zieht klare Grenzen: Axel "Aki" Bosse. (Foto: Christoph Eisenmenger)

In den 20 Jahren, die Axel "Aki" Bosse nun schon im Musikgeschäft ist, hat er nicht nur als poetischer Songschreiber, sondern auch als stabile Persönlichkeit einen Namen gemacht. Als jemand, dem eine politische Haltung wichtig ist. Mit seinem jetzt erscheinenden zehnten Album "Stabile Poesie" unterstreicht der 46-jährige Wahl-Hamburger diesen Ruf, wenngleich dem Titel eine andere Idee zugrunde lag, wie er ntv.de im Interview erzählt.

ntv.de: Dein neues Album heißt "Stabile Poesie". In einer Zeit, in der weder Stabilität noch Poesie Hochkonjunktur haben. War das der Gedanke dahinter?

Bosse: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, wie es dazu kam. Ich weiß nur, dass ich die ersten Songs rumgeschickt habe und die Leute dann entweder "stabil" geschrieben haben oder sowas wie: Das fühlt sich an, als wäre das mit der Hand geschrieben. Das waren so die ersten Reaktionen auf die Demos. Und ich fand dann diese beiden Wörter irgendwie gut, auch weil sie ja gar nicht so gegensätzlich sind, aber irgendwie eben doch. Und das hat das Ganze ganz gut eingerahmt. Im Nachgang passt das auch, weil alles sehr analog entstanden ist. Viel Akustikgitarre, viel Klavier bei mir zu Hause, und wenn dann Flächen, dann eher analog oder ein Streichquartett, das auch mal knarzen darf. Das beschreibt das Album ganz gut. Und klar, wenn man es jetzt größer denkt: stabil zu bleiben in dieser Zeit ist natürlich eine Herausforderung. Es geht vielen nicht gut. Aber ich finde schon, dass das Album auch empowernd ist. Den Mund aufmachen hat was Stabiles. Und gleichzeitig soll es poetisch sein. Nicht wie bei meinem ersten Album, wo man noch so ein bisschen Erstsemester-Philosophie raushaut. Aber Poesie darf nicht sterben, finde ich.

Es ist dein zehntes Studioalbum. Wie hälst du es mit solchen Jubiläen?

Andere schlucken bei der Zehn, ich nicht. Vielleicht, weil ich mein 20-Jähriges schon hatte, das wurde ja zelebriert. Ich habe gar nicht so das Bedürfnis, das jetzt groß zu machen. Für mich ist es einfach das nächste Album.

Wo haben sich bei dir in diesen 20 Jahren inhaltlich die Dinge am meisten verschoben? Ich gehe mal davon aus, dass dich mit Mitte 40 andere Sachen bewegen als mit Mitte 20.

Ich komme aus einem Dorf, wo ich schon früh von rechter Dorfjugend auf die Fresse bekommen habe. Deswegen hat sich an meiner politischen Haltung als Mensch eigentlich nichts geändert. Mein Gefühl für Fairness, wann ich den Mund aufmache, wo ich reingehe oder auch mal weglaufe - das war alles schon früh da. Aber in der Musik hat sich viel verändert. Ich habe nie aus politischen Gründen angefangen, Musik zu machen. Ich wollte einfach Musik machen, weil ich sie liebe. Am Anfang ging es um Freundschaft, Liebe, kaputte Dinge - also all das, was man auf dem Dorf vielleicht nicht sein konnte. Erst später habe ich meine gesellschaftliche Sprache gefunden. Und das ist wirklich eine andere Liga. Ein Lied über Abschied zu schreiben ist etwas anderes als eines über digitale Gewalt. Das sind andere Themen, andere Wörter, andere Recherchen. Da musste ich erst einen Zugang finden. Ich weiß nicht, ob ich es gelernt habe, aber ich musste mir zumindest erlauben, darüber zu schreiben.

Der Song "Schwesterherz" wirkt sehr persönlich, während du sonst eher selten Privates teilst.

Ich habe eine kleine Schwester, wir sind uns sehr nah und haben schon einiges zusammen erlebt. Das ist mein Lied für sie. Gleichzeitig ist es aber auch ein Lied für ein anderes Schwesternpaar aus meinem Umfeld, die es nicht immer leicht hatten. Diese Mischung aus Traurigkeit und etwas Empowerndem steckt da drin. Es ist persönlich, aber nicht zu 100 Prozent nur meine Geschichte.

Du schaffst es oft, schwere Themen mit etwas Leichtem zu verbinden. Wie gelingt dir diese Balance? Ist das manches Mal auch harte Arbeit?

Ich glaube, das kommt aus meinem Leben. Ich habe immer dann am meisten gelernt, wenn ich gescheitert bin oder es mir richtig schlecht ging. Und gleichzeitig habe ich in diesen Momenten auch gemerkt, wer wirklich da ist. Oft habe ich an den schäbigsten Orten die nettesten Leute kennengelernt. Und ich glaube nach wie vor an ein Miteinander, an Lebensfreude, an viele gute Dinge. Deshalb gehen die Geschichten auf der Platte am Ende meistens ganz gut aus. Ich hatte auch mal düsterere Sachen, aber das hat mich selbst beim Hören genervt. In meinem Grundwesen steckt einfach mehr Lachen als Bullshit.

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(Foto: Christoph Eisenmenger)

Du hast zwei Gäste auf dem Album - Chansonnier Tim Fischer und Poetin Klara Lösel. Wie kam es dazu?

Bei "Liebe hat nicht ewig Zeit" ging es um Commitment. Ich wollte, dass das klingt wie etwas, das schon immer da war, so ein bisschen schellackmäßig. Da musste ich an Tim Fischer denken, den ich als Jugendlicher gesehen habe. Ich fand den damals unglaublich charismatisch. Ich habe ihn dann über Umwege angerufen, und er war sofort dabei. Wir haben uns getroffen, und er hat das eingesungen. Dieses 20er-Jahre-Gefühl, dieses "Das bleibt" - genau das wollte ich. Und dann Klara Lösel. Die habe ich im Netz gesehen und gedacht: Wie mutig ist das bitte, so nah an die Kamera zu gehen und Poesie zu sprechen? Ich habe sie gefragt, ob sie eine Strophe übernehmen will, und das war super. Das sind zwei Leute aus komplett unterschiedlichen Welten, und genau das fand ich spannend. Ich habe dabei viel gelernt.

Du hast dich für "Lass dich nicht ficken" mit dem Thema digitale Gewalt beschäftigt. Wie erlebst du die selbst?

Ich habe mich da wirklich reingearbeitet, viel mit Betroffenen gesprochen und mit HateAid. Und wenn man das vergleicht mit dem, was viele erleben - gerade Frauen oder marginalisierte Gruppen - dann ist das, was ich abbekomme, ein Witz. Ich bekomme ein bisschen Hate für mein Tanzen oder mal eine Drohung aus der rechten Szene. Das ist lächerlich und juckt mich nicht. Wenn es zu viel wird, geht eine Anzeige raus und fertig. Aber im Vergleich zu dem, was andere erleben, ist das nichts. Wirklich nichts.

Du triffst mit dem Song gerade einen Moment, in dem das Thema Dank des Falls von Collien Fernandes (endlich) sehr präsent ist. Wie blickst du auf die aktuelle Entwicklung?

Digitale Gewalt ist Gewalt. Und das muss politisch endlich genauso anerkannt werden. Dieser algorithmusgesteuerte Hass, der auch noch befeuert wird - das muss aufhören. Die Plattformen müssen reguliert werden, das muss strafbar sein, da muss sich endlich jemand drum kümmern. Und gleichzeitig ist das Feld riesig und unübersichtlich. Genau deshalb sind Organisationen wie HateAid so wichtig. Wenn du betroffen bist, weißt du ja oft gar nicht, wohin du dich wenden sollst. Da bekommst du psychologische Hilfe, rechtliche Unterstützung - das ist extrem wichtig. Und gerade in diesem Bereich zu kürzen, ist einfach komplett falsch. Das ist wirklich das Gegenteil von sinnvoll.

Wenn du auf jüngere Generationen schaust, die komplett im Netz aufwachsen: Sind die besser gewappnet?

Man denkt immer, die sind abgehärteter. Aber das stimmt nicht. Das, was im Netz passiert, hat reale Auswirkungen. Und das muss verstanden werden. Und es muss auch gesetzlich eingefangen werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch von uns allen, den Mund aufzumachen. Ich habe zwei Monate nur in diesem Thema gesteckt und irgendwann gemerkt, ich schreibe gar nicht mehr weiter an der Platte, weil mich das so beschäftigt. "Nokia" ist dann so ein bisschen der Wunsch nach weniger Reizüberflutung. Dieses Doomscrolling, dieses Alleinsein - das beste Gegenmittel ist eigentlich, unter Leute zu gehen, sich zu sehen, zu sprechen. Das merke ich immer wieder. Ich hatte gerade einen Pre-Listening-Abend mit vielen Leuten, und danach denke ich: Das hilft wirklich. Man darf diese reale Welt nicht vergessen. Wenn man in so einen Moment kommt, wo man denkt, alles bricht zusammen - dann hilft es oft, einfach rauszugehen, mit Leuten zu sprechen, was Haptisches zu machen.

Du nutzt deine Reichweite, um auf Themen aufmerksam zu machen. Aber erreicht man damit nicht vor allem die eigene Bubble?

Vielleicht ein bisschen. Aber ich glaube, ich bin da eine kleine Ausnahme, weil ich nie so richtig zu einer Bubble gehört habe. Ich spiele Indie-Festivals, ich spiele im Radio, ich habe bei "Sing meinen Song" mitgemacht - da gucken viele unterschiedliche Leute zu. Ich glaube schon, dass man da mit einer gewissen Haltung Leute erreichen kann. Nicht, dass man die Welt verändert, aber vielleicht stößt man jemanden an, nochmal nachzudenken. Und beim Thema digitale Gewalt bin ich ja Verbündeter. Ich bin nicht betroffen, aber ich kann meine Bühne nutzen und sagen: Guck mal, wenn wir uns hier vernetzen, können wir schon was bewegen.

Gerade Männer werden aktuell dazu aufgefordert, sich zu positionieren. Wie gehst du damit um?

Ich kann nur sagen, wie ich das mache: Ich versuche, mich selbst zu checken, mein Umfeld zu hinterfragen, Betroffenen zu glauben, ihnen eine Bühne zu geben, Sachen zu teilen, auf Demos hinzuweisen. Das sind so die Dinge, die ich tue.

Wie ist es im Musikbusiness selbst, das ja auch noch immer von Männern dominiert wird. Braucht es auch da Veränderung?

Ich bin gar nicht so tief in diesem klassischen Musikbusiness drin. Ich habe mein Umfeld, meinen Freundeskreis. Aber klar: Wenn ich etwas unfair finde, mache ich den Mund auf. Und ich hoffe, dass sich alle - vor allem Männer - mehr hinterfragen, sensibler werden und den Mut haben, auch etwas zu sagen, wenn Scheiße passiert. Das wäre schon ein guter Anfang.

Wann ist für dich der Punkt erreicht, an dem du nicht mehr diskutierst? Wo ziehst du die rote Linie, an der der Dialog für dich vorbei ist?

Mit Nazis und Tätern rede ich nicht. Punkt. Also grundsätzlich nicht. Damit meine ich vor allem Menschen ohne Respekt und ohne echte Gesprächsbereitschaft, die Grenzen ignorieren und die Realität verweigern. Ich möchte Menschen- und Demokratiefeindlichkeit keine Bühne bieten, sondern mich positiv für meine Werte, für ein offenes und friedliches Miteinander in der Gesellschaft einsetzen. Und ansonsten geht es ja auch in dem Song "Schönheit erkennen" genau darum: Wie kommt man eigentlich klar in einer Zeit, in der es diesen krassen Rechtsruck gibt, in der so viel Scheiße passiert und man oft das Gefühl hat, alles läuft in die falsche Richtung? Wie schafft man es, da zu sein, ohne kaputtzugehen? Darum geht es in dem Song. Und da gibt es ja auch diese Zeile, dass man nie vergessen darf, Schönheit zu erkennen auf dem Schrottplatz, den wir Leben nennen. Dass man hell bleibt, weiter brennt und den Vollidioten der Dunkelheit ins Gesicht leuchtet. Ich glaube, Musik und Freude sind dafür immer noch die besten Träger. Und grundsätzlich geht es darum, sich freundlich zu connecten und aufeinander zuzugehen - aber eben nicht mit Tätern und Nazis.

Verliert man diese Leute nicht komplett, wenn man nicht mehr mit ihnen redet? Es gibt ja die, die noch an der Schwelle stehen. Da kann Diskurs schon wichtig sein.

Was ich schwierig finde: Früher hat man sich viel stärker über echte Begegnungen verbunden - zum Beispiel gewerkschaftlich, über den gleichen Job, über etwas sehr Konkretes. Diese haptischen Verbindungen werden weniger. Stattdessen haben wir dieses Selbstdarstellen im Netz und gleichzeitig ein Gefühl von Einsamkeit, obwohl man denkt, man ist total connected. Deshalb glaube ich, dass reale Begegnungen wichtig sind. Veranstaltungen, bei denen Menschen zusammenkommen, die an etwas Gemeinsames glauben - erstmal etwas Friedliches. Das kann helfen, gerade auch Leute zu erreichen, die vielleicht wanken oder politisch auf Abwege geraten. Ob das immer funktioniert, weiß ich nicht. Aber es ist zumindest eine Chance.

Bald geht die Tour los. Du bist bekannt dafür, dass du nach den Konzerten früh verschwindest, während andere aus deinem Team noch feiern …

Ja, ich war schon immer der Erste, der weg war. Schon zu Nokia-Zeiten hat meine beste Freundin gesagt: "Du Hund, immer wenn alle feiern, tust du so, als würdest du einen Anruf kriegen, gehst raus und kommst nie wieder." Das mache ich heute noch so. Als ich das letzte Mal in der Max-Schmeling-Halle in Berlin gespielt habe, saß ich morgens um sieben schon fünf Häuser weiter im Studio und war ausgeschlafen, während die anderen noch die letzte SMS schickten, wo ich denn sei.

Dann darf das Publikum einen ausgeschlafenen Aki Bosse erwarten. Was noch?

Ich freue mich total auf diese Tour, vor allem auf das Wiedersehen mit allen. Das ist wie eine Klassenfahrt. Die ganze Crew, die Band, alle sind wieder zusammen. Und dann natürlich die Shows. Wir haben uns einiges ausgedacht, auch visuell, mit viel altem Licht, das so ein bisschen analog knarzt, und ein paar Überraschungen. Es wird viel getanzt, viel mitgesungen. Ich hoffe, dass das so verschwitzte, kurzweilige Abende werden, nach denen man rausgeht und denkt: Das hat jetzt richtig gutgetan. Und ich freue mich besonders darauf, die neuen Songs live zu spielen.

Mit Bosse sprach Nicole Ankelmann

Das Album "Stabile Poesie" ist ab dem 17. April überall erhältlich.

Quelle: ntv.de

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