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Tocotronic veröffentlichen ihr 12. Album.
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Sonntag, 28. Januar 2018

Neues Album "Die Unendlichkeit": Mit Tocotronic nicht erwachsen werden

Von Sarah Rauchfuß

Das neue Tocotronic-Album ist eine musikalische wie autobiografische Chronik des Heranreifens. Doch wie schildert eine Band das Erwachsensein, die viel lieber vom Erwachsenwerden singt?

In ihrer Liebe zu Gegensätzen bleiben Tocotronic sich auch bei ihrem zwölften Album treu. Autobiografisch, also mit stark individuellem Drift, soll das neue Album sein und heißt doch: "Die Unendlichkeit". Der gleichnamige erste Track ist dabei ein vertontes Vorwort zu dem, was folgt und verkündet: Das Album ist mehr als nur ein musikalisches Fotoalbum der Band und ihrer Mitglieder.

In dem Video zu dem Song drehen sich die transparenten Schattenrisse von Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Rick McPhail und Arne Zank in einem galaktischen Sternenregen, die vier Musiker verschwimmen im Nebel, klare Konturen scheint es nicht zu geben. Tocotronic gelingt bereits hier, worin die Band seit ihrer Gründung 1993 brilliert: mit wenigen Worten eine ganze Welt an Erfahrungen und Erinnerungen heraufzubeschwören: "Ich möchte mich verändern/Doch wie fang ich's an?/Ich habe dich vielleicht belogen/Und zwar immer dann/Wenn wir uns am nächsten waren", heißt es dort.

Es folgt eine Chronik des Heranreifens, beginnend mit der Kindheit ("Tapfer und grausam"). "Electric Guitar" trifft das Herzstück der Adoleszenz, in dem es sie als zerbrechlichen und wütenden Traum beschreibt, in dem Liebesbedürfnis (die E-Gitarre, aufgrund ihrer Form seit jeher ein Symbol für den weiblichen Körper) und "Teenage Riot im Reihenhaus" nah beieinander liegen.

Von einer Welt, die zwickt und drückt

Auch musikalisch schickt uns die Band auf Zeitreisen: Stilelemente von Beatles-Songs der Kindheit, über das Orff'sche Schulwerk bis hin zu 80s-Gitarrenpop, Dub und Progressive Rock ziehen sich durch das ganze Album. So könnte der Song "Hey du" auch von einem Tocotronic-Album aus den 90ern stammen: Die Instrumentierung ist elementarer, Rick McPhail drischt in Punkrock-Manier auf seiner Gitarre herum, Dirk von Lowtzows Stimme, die sonst zwischen dem bewussten Einsatz zarter Brüchigkeit und tiefstem Bass wechselt, singt hier rotzig und ungereift von spießbürgerlichen Blicken in der Kleinstadtfußgängerzone.

Doch nicht überall ist die autobiografische Referenz so deutlich: Hinter "Bis uns das Licht vertreibt" und "Ausgerechnet du hast mich gerettet" vermutet man noch Eindrücke aus den Berliner Jahren der Band. Das düster-erotische Wiegenlied "Ich würd's dir sagen, wenn es so wär" lässt dann wieder unzählige Interpretationen zu. Das Album schließt folgerichtig mit einem Nachwort: "Alles was ich immer wollte war alles" - ein Titel der wie "Pure Vernunft darf niemals siegen" oder "Aber hier leben, nein danke" (beide 2005) noch einige Jahre als Überschrift durch die Feuilletons geistern wird.

Musikalisch sind Tocotronic längst gereift. Textlich gab es in der Vergangenheit jedoch auffallend viele Verweise auf die Teenagerzeit. Mit "Die Unendlichkeit" verschiebt sich diese Fokussierung. Die zwölf Kapitel zeichnen ein ganzes Leben in einer Welt nach, die zwickt und drückt von den Kinderschuhen bis heute und man kann nichts tun, außer (und dieser Appell verbindet das neue Album mit der bisherigen Tocotronic-Diskographie): Lieben, sich verweigern und bloß niemals ganz erwachsen werden.

Quelle: n-tv.de