Musik

Auf Kaperfahrt mit Santiano "Niemand zerrt uns in die rechte Ecke"

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Manchmal müssen sie sich noch selbst kneifen: Santiano.

(Foto: Christian Barz / Electrola)

Gott muss ein Seemann sein. Und so überschüttet er Santiano - alias Hans-Timm Hinrichsen, Björn Both, Andreas Fahnert, Pete Sage und Axel Stosberg - seit vier Jahren mit Erfolg: drei Nummer-1-Alben in Folge, ausverkaufte Hallen und eine immer noch wachsende Fanbase. Zeit, im n-tv.de Interview mit Axel Stosberg Zwischenbilanz über das Wunder von der Küste zu ziehen.

n-tv.de: Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende zu. Wie fällt deine Bilanz mit Santiano aus?

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Axel Stosberg ist Perkussionist bei Santiano - und wie alle anderen auch Sänger.

(Foto: imago/Revierfoto)

Axel Stosberg: Wir haben uns dieses Jahr ja etwas zurückgezogen. Wir waren zwar im Frühjahr noch einmal drei Wochen unterwegs und haben ein paar Sommershows gespielt, aber es gab keine Wintertour. Aber natürlich haben wir seit dem ersten Album 2012 einen kontinuierlichen und schon fast unbeschreiblichen Erfolg. Manchmal müssen wir uns selber kneifen. Deswegen können wir seither gar keinen großen Unterschied zwischen den Jahren machen. Es fällt schwer, die einzelnen Jahre zu bewerten.

Springen wir noch einmal ins Jahr 2011 zurück. Es heißt, die Idee zu Santiano sei damals auf einer Party eurer Produktionsfirma Elephant Music entstanden. Das klingt immer ein bisschen nach einer Band, die am Reißbrett entworfen wurde ...

Ja, manche meinen, wir seien eine gecastete Band. Aber das stimmt so nicht. Ich kenne Mark und Hardy (Mark Nissen und Hardy Krech von Elephant Music, Anm. d. Red.) seit über 20 Jahren. Auch Andreas Fahnert und Pete kenne ich seit 20 Jahren. Björn und Timm kannte ich nicht, aber die beiden kennen sich dafür wiederum auch seit über 20 Jahren. Und sie alle kennen auch Mark und Hardy. Da ist also viel Bekanntschaft und Freundschaft im Spiel.

Und wie wurde daraus dann Santiano?

Mark und Hardy machen einmal im Jahr eine große Party für ihre Freunde und Künstler. Da haben wir uns getroffen. Es ist ja nicht unüblich, dass Musiker auf einer Party irgendwann anfangen, Musik zu machen. Das ist nicht immer schön - gerade zu späterer Stunde, wenn viel Alkohol geflossen ist. Aber Mark und Hardy waren von der Männergewalt bei unseren Gesängen wohl beeindruckt. Und es hat sie daran erinnert, dass sie mit dem Song "Santiano" seit Jahren ein Projekt in der Schublade hatten. Das Lied war schon in den 60ern in Frankreich ein Hit. Wir haben es dann im Studio eingesungen. Das wurde zu Universal geschickt. Und da war man so begeistert, dass man ein ganzes Album mit uns produzieren wollte.

Auch die Hörer waren ja schnell begeistert. Schon das erste Album wurde zum Nummer-1-Hit und mit Platin ausgezeichnet ...

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Mittlerweile hat das Album sogar sechsfach Platin - es wurde 1,2 Millionen Mal verkauft.

Wie sehr hat euch der Erfolg überrascht?

Überrascht ist gar kein Ausdruck! Als wir die Platte fertig hatten, wussten wir nicht, wer das jetzt kaufen soll. Ein Krabbenpuler-Verein aus Büsum? Wir waren zwar stolz auf das Album, aber wussten nicht, wo die Reise jetzt hingeht. An Live-Auftritte haben wir da zum Beispiel noch gar nicht gedacht. Erst einmal sind wir auch alle wieder unsere eigenen Wege gegangen - wir hatten ja auch alle andere Berufe. Und auf einmal überrollte uns das. Ich denke, so etwas kann nur mit einer gewissen Absichtslosigkeit passieren. Wenn man verkrampft an etwas festhält, entwickelt sich auch nichts.

Ihr hattet alle vorher schon die unterschiedlichsten Erfahrungen in der Showbranche - mit eigenen Bands, als Bühnenmusiker oder auch als Schauspieler. Trotzdem dürfte der Erfolg von Santiano eure Leben komplett umgekrempelt haben. Wie kommt ihr damit klar?

Stimmt, die meisten von uns waren im kleineren Maße schon vorher mit diesem Geschäft konfrontiert. Pete war immer auf Tournee und hat immer Musik gemacht. Er war mal Roadie, stand aber auch selbst auf der Bühne. Björn und Timm haben auch schon immer Livemusik gemacht und Bands gehabt. Für sie ist das alles nur in dieser Umlaufbahn und massiven Form neu. Ich dagegen hatte immer weltliche Berufe und musste mich tatsächlich daran gewöhnen. Ich habe ja Kinder und es fällt mir sehr schwer, zu lange von Zuhause weg zu sein. Ich bin für dieses Leben eigentlich nicht geboren.

Seid ihr in der Band alle gleichberechtigt?

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Abseits der Bühne sind sie alle "Santianos".

(Foto: Christian Barz / Electrola)

Ja, das kann man so sagen. Auf der Bühne gibt es mit Björn zwar einen Frontmann. Aber sobald wir die Bühne verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen haben, sind wir alle "Santianos". Wir haben schnell gelernt, wo jeder seine Kernkompetenz hat, und das entsprechend verteilt. Es ist ein Miteinander, bei dem jeder seine Aufgabe hat. Das funktioniert.

Ihr vereint viele Stilelemente in eurer Musik - aber die Seemanns-Thematik zieht sich wie ein Leitfaden hindurch. Welchen Bezug habt ihr dazu im realen Leben?

Die Frage kommt natürlich immer wieder. Und immer wieder auch die Behauptung, wir könnten gar nicht segeln. Aber doch, können wir! Wir wissen, wovon wir singen. Pete und Björn haben eigene Boote. Björn war gerade am 1. Advent noch einmal draußen - bei strahlendem Sonnenschein und Minusgraden. Es ist doch so: Wenn du dich in die Mitte von Schleswig-Holstein stellst, dann kannst du je nach Windrichtung Luft von der Ost- oder Nordsee riechen. Du wirst dort automatisch mit dem Wasser und dem Leben darauf groß. Deshalb haben wir alle Salzwasser im Blut und können in irgendeiner Form mit Booten umgehen.

Mit der Seemanns-Thematik verbindet sich immer auch ein Stück weit Nostalgie, Sehnsucht und Fernweh. Das scheint etwas zu sein, was hierzulande gut ankommt. Wie erklärt ihr euch das?

Wir haben lange nach dem Erfolgsrezept von Santiano gesucht. Es könnte sein, dass wir mit unserer Attitüde und dem, was wir besingen, bei den Leuten bestimmte archaische Gefühle wecken, die wir alle haben. Jeder hat doch irgendwann mal im Innersten den Wunsch gehabt, das Korsett der Gesellschaft abzulegen, sein Bündel zu schnüren, die Zelte abzubrechen, einfach abzuhauen und frei zu sein. Ich glaube, wir lösen so einen Knoten in den Leuten und nehmen sie mit auf eine emotionale Reise. Das ist auch, was wir auf unseren Konzerten zelebrieren, wenn wir die Zuschauer mit an Bord auf unseren 27-Master nehmen.

Auf der anderen Seite hat euer Stil auch etwas Martialisches, Männliches und Teutonisches. Habt ihr da nicht manchmal auch die Sorge, vielleicht die falschen Leute anzusprechen?

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Doch, klar. Wir tun das ja auch. Wir sind nicht so doof, nicht zu wissen, dass das, was wir auf der Bühne machen, auch Holzköpfe und Vollpfosten anlockt. Damit gehen wir aber ganz offensiv um. Wir sind eine Band mit einer ganz offenen politischen Haltung - besonders auf unseren Livekonzerten, auf denen wir auch Statements abgeben. Die Leute sollen wissen, mit wem sie es zu tun haben, wofür und wogegen wir sind. Wir zeigen auf niemanden mit dem Finger, aber bitten um Toleranz. Wir wurden schon des Öfteren in eine rechte Ecke gestellt. Aber wer sich auch nur im Ansatz mit der Band beschäftigt, weiß, dass er dort nicht auf Grund stoßen wird. Es wird niemandem gelingen, uns in die rechte Ecke zu zerren.

Mittlerweile seit ihr drei Mal mit einem Echo ausgezeichnet worden - in der Kategorie volkstümliche Musik. Befremdet euch das?

Ja, anfangs war das sehr komisch. Wir haben uns auch gefragt, wie wir ausgerechnet in diese Kategorie kommen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Das ist eine tolle Kategorie mit tollen Kollegen, die an physischen Tonträgern meist mehr umsetzen als die Kollegen in allen anderen Kategorien. Wir haben unsere Theorie, weshalb wir dort gelandet sind: Wir hatten in der ersten Zeit so gute Verkaufszahlen, dass wir in jeder anderen Kategorie jedem anderen den Echo weggenommen hätten. Aber das möchte man einer Newcomer-Band unter Umständen nicht so gern zugestehen.

Tatsächlich sprecht ihr ja ein extrem breites Publikum an - und tretet bei Carmen Nebel oder Florian Silbereisen ebenso auf wie beim Wacken Open Air ...

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Für die DVD "Von Liebe, Tod und Freiheit" rockten Santiano vor 20.000 in der Berliner Waldbühne.

(Foto: Universal Music)

So ist es. Nur beim Echo kommen wir halt nicht mehr aus dieser Kategorie. Wir haben drei Alben raus, die allesamt Nummer 1 waren. Da könnte man uns ja durchaus auch mal in Deutschpop veredeln. Mittlerweile gibt es auch einen Echo für Crossover. Wer, wenn nicht wir, ist Crossover? Aber gut, nun sind wir in der volkstümlichen Musik gelandet und sind damit auch gar nicht mehr so unglücklich. Wenn man das "tümliche" weglässt, ist es eben Volksmusik. Und das passt doch. Damit haben wir uns arrangiert.

Wo fühlt ihr euch musikalisch denn zuhause?

Das ist schwer zu sagen. Genauso wie es den Fachleuten schwer fällt, uns in irgendeine Schublade zu stecken, fällt es uns schwer, uns zu positionieren. Genau das spiegelt sich auch bei unserem Publikum wieder. Wir haben den Computer-Nerd neben dem Hartz-IV-Empfänger, dem Schönheitschirurgen, dem Rechtsanwalt und dem Bauarbeiter. Der gepiercte Punker guckt nach rechts und denkt sich vielleicht: "Du Schnösel." Aber im nächsten Moment denkt er sich: "Ach, egal. Wir feiern zur gleichen Musik."

Auch bei euren Kooperationspartnern gibt es eine enorme Bandbreite. Ihr nehmt ebenso ein Duett mit Helene Fischer auf wie ihr mit Subway to Sally musiziert ...

Und das funktioniert hundertprozentig. Wir sind da offen für alles und lassen uns nicht verorten.

Mal ehrlich: Wie ist denn everybody's darling Helene so?

Sie ist ein knifter Typ - sehr zuvorkommend, sehr nett, sehr offen. Sie ist ein Kumpeltyp, ganz ohne Allüren. Es sind immer tolle Begegnungen mit ihr.

2014 seid ihr beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest angetreten. Ihr galtet als einer der Favoriten, musstet euch am Ende aber No Names wie Elaiza geschlagen geben. Wie sehr hat euch das geschmerzt?

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Auch das Hörspiel "König der Piraten" spielten Santiano 2016 ein.

(Foto: We Love Music)

Überhaupt nicht! Darüber, das uns so etwas schmerzen würde, sind wir lange hinweg. Im Gegenteil: Ich wüsste nicht, was passiert wäre, wenn wir gewonnen hätten. Wer weiß, ob wir dann noch unsere Familien hätten. Wir hatten so wilde Jahre hinter uns - nicht im Sinne von Saufen oder Feiern, sondern von der Taktung der Termine her. Im Endeffekt waren wir sogar ganz froh, nicht auch noch nach Kopenhagen zu müssen mit den ganzen Proben und all dem Wahnsinn im Vorfeld. Der Koffer wäre ja gar nicht mehr zugegangen. So denkt man halt mit Mitte oder Ende 40, wenn man zu Hause Kinder und Frau hat. Da geht es nicht immer nur um den möglichen Erfolg, dem man hinterherjagt.

Und immerhin kamt ihr beim Vorentscheid ja bis ins Halbfinale …

Und das war perfekt. Es war ein tolles Abenteuer, das wir genossen haben. Und Elaiza hatten das damals auch verdient. Es war keine Schande, gegen sie oder den Grafen auszuscheiden.

Kommen wir zurück zum Jahr 2016. Ein Studioalbum gab es zwar nicht von euch in diesem Jahr, aber ein Livealbum. Das habt ihr nicht etwa in Flensburg, Hamburg oder irgendwo an der Küste aufgenommen, sondern in Berlin. Warum?

Weil Berlin eine Hochburg von Santiano geworden ist - neben Hamburg und großen Teilen des Ostens. Wir haben schon früh jedes Jahr die "Mercedes-Benz-Arena" in Berlin ausverkauft. Deswegen haben wir es für die DVD einfach gewagt, in die Waldbühne zu gehen. Und wir sind dafür belohnt worden: Wir hatten 20.000 Leute vor der Brust. Wir haben 19 Kameras aufgefahren, Pyrotechnik und hast du nicht gesehen. Es war der absolute Hammer. Ich kriege jetzt noch Entenpelle, wenn ich die Bilder sehe.

Weiteres Neuland habt ihr mit der Produktion des Hörspiels "König der Piraten" betreten. Wie kam es dazu?

Wir haben schon früh von der Bühne erkannt, was für eine Familienband wir sind. Wir hatten schon immer viele Kinder in unseren Konzerten - mit ihren Müttern und Vätern, Opas und Omas. Dass Themen wie Seefahrt und Piraten auch etwas für Kinder hergeben, lag auf der Hand. Die Idee hatten wir deshalb schon relativ früh, mussten sie wegen der hohen Erlebnisdichte aber immer wieder in die Schublade packen. Nun hat sich dieses Jahr mit Lukas Hainer einer unserer Textschreiber hingesetzt und das Buch geschrieben. Das war so toll, dass wir als Santiano gesagt haben: Gut, dann übernehmen wir die Musik und die Sprechrollen. Das war ein super Spaß, aber auch anstrengend. Man glaubt gar nicht, wie anstrengend es ist, Musik und Sprache für Kinder in einem Hörspiel mit Emotion und Leben zu erfüllen.

Blicken wir nach vorn: 2017 geht ihr auf Akustik-Tournee ...

Ja, das freut mich besonders. Ich bin ein Riesenfan von akustischer Musik - ich habe fast nichts anderes in meiner Playlist. Der Erfolg von Santiano liegt ja letztlich auch darin begründet, dass wir Stile wie Irish Folk, Country oder Rock wahnsinnig bombastisch auf die Bühne bringen. Und es freut mich, diese Lieder einfach mal wieder auf ihren Ursprung zurückzuführen.

Aber das wird bestimmt auch eine Herausforderung …

Total. Aber eine, auf die ich mich wahnsinnig freue.

Mit Axel Stosberg von Santiano sprach Volker Probst

Die DVD "Von Liebe, Tod und Freiheit - Santiano live auf der Waldbühne Berlin" bei Amazon bestellen

Das Hörspiel "König der Piraten" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Santiano gehen im April 2017 auf Akustik-Tournee: Lingen (3.4.), Oldenburg (4.4.), Hannover (6.4.), Berlin (7.4.), Bochum (9.4.), Frankfurt (11.4.), Freiburg (12.4.), Stuttgart (13.4.), Kassel (15.4.), Wolfsburg (16.4.), Suhl (17.4. und 18.4.), Ludwigshafen (20.4.), Fulda (21.4.), Hamburg (22.4. und 23.4.), Cottbus (25.4.), Nürnberg (26.4.), Hof an der Saale (27.4.)

Quelle: ntv.de